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	<title>Jan Noeventhien</title>
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		<title>Das Hannover in jedem von uns</title>
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		<pubDate>Fri, 04 Jun 2010 16:46:09 +0000</pubDate>
		<dc:creator>noeventhien</dc:creator>
				<category><![CDATA[Feuilleton]]></category>

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		<description><![CDATA[Der nächste Bundespräsident kommt vermutlich aus der gleichen Stadt, die schon Lena Meyer-Landrut von der Leine ließ. Was ist da los? Wo soll das alles enden? Jan Noeventhien hat nachgesehen. Hannover ist aus seiner Mitte gefallen. Die Begeisterung, mit der &#8230; <a href="http://noeventhien.wordpress.com/2010/06/04/das-hannover-in-jedem-von-uns/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a><img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=noeventhien.wordpress.com&amp;blog=10191259&amp;post=211&amp;subd=noeventhien&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Der nächste Bundespräsident kommt vermutlich aus der gleichen Stadt, die schon Lena Meyer-Landrut von der Leine ließ. Was ist da los? Wo soll das alles enden? Jan Noeventhien hat nachgesehen.</strong></p>
<p>Hannover ist aus seiner Mitte gefallen. Die Begeisterung, mit der 40.000 Insassen dieser Stadt die Rückkehr von Lena Meyer-Landrut feierten,  hatte tumulthafte Züge. Noch im November hatte sich eine ähnlich große  Menschenmasse versammelt, um gemeinsam und schweigend den Freitod Robert  Enkes zu verarbeiten. Für eine Stadt wie Hannover, die eigentlich als  norddeutsch-nüchtern, ruhig und unerschütterlich gilt, sind das  erstaunlich extreme Ausschläge auf der Emotionsskala. »Sturmfest und  erdverwachsen« hat man hier zu sein, folgt man dem traditionellen  Niedersachsen-Lied.</p>
<p>Bislang funktionierte Hannover vor allem als Klischee. Man kann aus  Wanne-Eickel kommen oder aus Gera. Aber wenn man aus Hannover kommt, ist  man automatisch Botschafter für ein Bündel ewig gleicher  Zuschreibungen. Auch in der bundesweiten Lena-Berichterstattung tauchten  die üblichen Verdächtigen wieder reflexhaft auf, ohne dass sie etwas  mit der Sache zu tun hatten: Der Currywurst-Kanzler. Die Scorpions. Das  reinste Hochdeutsch. Die Messe. Auch wer noch nie in dieser Stadt war,  meint sie zu kennen. Denn Langeweile kennen wir doch alle.</p>
<p>Der Hannoveraner ist stolz auf seine Stadt, fühlt sich aber immer unter Rechtfertigungsdruck: Für eine Stadt dieser Größenordnung sei das  kulturelle Angebot nun wirklich herausragend! Die kurzen Wege! Das viele  Grün! Die hohe Lebensqualität! Der ausgezeichnete öffentliche  Personennahverkehr! Überhaupt die guten Verkehrsanbindungen! Und erst  der Zoo! Alles richtig. Und alles egal. Denn jenseits des Ortschilds  steht Hannover für Langeweile, Biederkeit und Provinzialität. Und wie  überall in der Provinz wird das, was die Auswärtigen sagen, allemal  wichtiger genommen als das eigene Empfinden.</p>
<p><strong>Nirgendwo kann man besser sehen, dass die Zukunft ihre beste Zeit schon hinter sich hat</strong></p>
<p>Insofern kann vieles, was in dieser Stadt geschieht, als Kompensation  eines Minderwertigkeits-Komplexes verstanden werden: Die »erste  Weltausstellung auf deutschem Boden«. Die  Management-Hochschule. Das Hirnforschungszentrum. Natürlich immer alles  Exzellenz im Weltmaßstab – so wie die Scorpions (und letztere sogar mit  einem auskömmlichen Geschäftsmodell). »Hannover hat ein neues  Selbstbewusstsein entwickelt«, erklärt der niedersächsische  Noch-Ministerpräsident Christian Wulff, wenn er auf die Spätfolgen der  Expo 2000 angesprochen wird. Über das alte Selbstbewusstsein sagt das  erst mal nichts Gutes. Und überhaupt: Wer selbstbewusst ist, redet nicht  drüber.</p>
<p>Nirgendwo kann man besser sehen, dass die Zukunft ihre beste Zeit schon  hinter sich hat, als auf dem Expo-Gelände, das sich zu einer charmanten  Mischung aus Gewerbegebiet und Geisterstadt gemausert hat. »Es sieht aus  wie der ausgeträumte Traum vom Kapitalismus«, berichtet Christian  Petzold, der wesentliche Teile seines Gespensterfilms <em>»Yella«</em> hier gedreht hat, »so futuristisch wie Brasilia, so künstlich, so  unendlich weit entfernt von jedem Zentrum«, dass Zinedine Zidane  vermutlich hier »die Idee zu seinem Kopfstoß« gehabt habe. Wer hat  vergleichbares schon einmal über Berlin gehört?</p>
<p>Noch heute gedenkt man der wartezeitenintensiven Weltausstellung  gelegentlich durch rituelles Schlangestehen ― allerdings nicht mehr auf  dem Expo-Gelände, sondern vor der Marktkirche mitten im Epizentrum  hannoverscher Stadtlichkeit. Nämlich dann, wenn Margot Käßmann wieder  einmal predigt, dass niemand tiefer fallen könne als in Gottes Hand. Was im  Falle Hannovers (55 Meter über dem Meeresspiegel) nicht gerade von einer stolzen  Fallhöhe zeugt ― und ansonsten leider offen lässt, was Gott derweil mit seiner anderen Hand treibt.</p>
<p>Hannover war aber nicht nur Austragungsort der Expo, sondern einer  weiteren Veranstaltung von internationalem Renommee: der Chaostage,  eines buntscheckigen, von <a href="http://www.chaos-tage.de/archiv/presse/1996/0726_haz/index.php">Tom Clancy</a> zum literarischen Topos geadelten Punktertreffens, das zumeist  feucht-friedlich verlief, manchmal aber eben nicht. Als während der  gewaltsamen Ausschreitungen des <a href="http://kutter.antville.org/stories/114194/">1995er Jahrgangs</a> ein schon etwas angeschickerter Punk von Journalisten gefragt wurde, warum man ausgerechnet diese  Stadt in Schutt und Asche legen wolle, erklärte dieser nach einigem Insistieren: Hannover sei  scheiße, denn es könnte überall sein.</p>
<p>Hannover ist tatsächlich überall. Der Wille, der eigenen Provinzialität  zu entrinnen, indem man Investitionsruinen in die Landschaft stellt, ist  ja kein niedersächsisches Alleinstellungsmerkmal. Das Desaster am  Nürburgring, die Kongresszentrums-Posse in Bonn und die potemkinsche  Hauptstadtkulisse, die sich Berlin hingeklotzt hat: Alle diese putzigen  und zugleich kosteninvensiven Versuche, dem Fluch der Peripherie zu  entkommen, kamen auch ohne Hilfe aus Hannover zustande. Und selbst die  stolzen Hamburger übernehmen sich gerade mit einer Elbphilharmonie.</p>
<p>Mehr sein zu wollen, als die anderen in einem sehen: Diese Sehnsucht ist  nur allzu menschlich, und insofern steckt Hannover in jedem von uns. In  Hannover ist Deutschland ganz bei sich. Insofern ist es auch kein Zufall, dass mit Gottfried Wilhelm Leibniz der letzte Universalgelehrte ausgerechnet in Hannover wirkte. Und genauso wenig ist es ein Zufall ist, dass die notorischsten Hannover-Spötter aus mürben Siedlungen mit Namen wie Nürtingen kommen. Wenn  irgendwo Hannover durch den Kakao gezogen wird, arbeitet sich meist bloß  wieder jemand an seiner  Jugend zwischen den Reihenhauskolonnen einer  Berufspendlersiedlung im Einzugsbereich einer regionalen Mittelmetropole  mit angrenzendem Naherholungsgebiet ab.</p>
<p>Und so ist auch die Liebe der Hannoveraner zu Robert Enke nicht nur mit  seinen sportlichen Leistungen zu erklären. Sondern auch mit einem etwas  ungläubigen Stolz darauf, dass »so einer« tatsächlich seine Zelte in  Hannover aufgeschlagen hat, ohne bei der nächsten sich bietenden  Gelegenheit gleich weiterzuziehen. Enke war nicht nur eine  Identifikationsfigur, sondern auch ein Ausweis dafür, dass man mehr als  nur Mittelmaß vorzuweisen habe.</p>
<p>Nach Enkes Tod wirkte die ganze Stadt wie betäubt, und tatsächlich  scheint sich in jenen Tagen, die von vielen als hysterisch empfunden  wurden, ein neues Zusammengehörigkeitsgefühl entwickelt zu haben, das  über die Trauerreden der offiziellen Repräsentanten hinausweist. Das hat  sich im dramatischen Kampf von Hannover 96 um den  Bundesliga-Klassenerhalt gezeigt, beim Gewinn der  Eishockey-Meisterschaft durch die Hannover Scorpions (ja, die Scorpions  sind allgegenwärtig) – und nun eben beim Grand-Prix-Triumph von Lena  Meyer-Landrut.</p>
<p><strong>Wir können alles – außer Berlinmitte!</strong></p>
<p>Heute ist der Hannoveraner bereit, sich selbst zu feiern. Schwierig zu sagen, ob das ein Fortschritt ist. Aber  noch während der Expo war das gänzlich anders, als beispielsweise die  kritische Berichterstattung über verfehlte Ziele und mäßigen  Unterhaltungswert dieser Veranstaltung heftigst beköhlert wurde als  heimtückische Verschwörung hämischer Hannover-Hasser, die der Stadt  nichts Gutes gönnen würden.</p>
<p>Doch wirklich im Reinen ist der Hannoveraner mit sich selbst und seinem  Hannoversein auch heute noch nicht. Sonst würde er nicht ebenso  langweilig wie vergeblich gegen das übermächtige Langeweile-Image  anreden, sondern es selbstbewusst umarmen und damit endlich bei sich  selbst ankommen: Überall ist Krise und Kuddelmuddel – hier ist es ruhig!  Wir können alles – außer Berlinmitte! Das Beste an Hannover sei die  Nähe zu Hamburg? Fast: Noch besser ist, dass sich trotz der Nähe kaum je  ein Hamburger nach Hannover verirrt.</p>
<p>Wer sich jedoch nach Hannover verirrt, berichtet bisweilen seltsames.  Ein weitgereister Mann antwortete einmal auf die Frage, was Hannover  einzigartig mache: Dass die Menschen hier auch dann noch unbeirrbar aus  dem Fenster starren, wenn die U-Bahn längst in den Tunnel gefahren ist.  Man bleibt unbehelligt in dieser Stadt, und wenn mal wieder Messe ist,  übergibt man einfach die Schlüssel  den Gästen.</p>
<p>Was das alles mit Christian Wulff zu tun hat? Nichts. Der kommt aus Osnabrück.</p>
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		<title>Wessis in Weimar</title>
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		<pubDate>Fri, 30 Oct 2009 19:35:10 +0000</pubDate>
		<dc:creator>noeventhien</dc:creator>
				<category><![CDATA[Feuilleton]]></category>
		<category><![CDATA[Reportage]]></category>

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		<description><![CDATA[Gebucht bei Jugendtourist: eine Busfahrt im Oktober und November 1989 in die DDR. Plötzlich steckt eine Gruppe junger Linker mitten im politischen Umsturz. Mit schönster Unschuld in die Revolution von JAN NOEVENTHIEN Unentwegt schimpfte der alte Mann auf mich ein. &#8230; <a href="http://noeventhien.wordpress.com/2009/10/30/wessis-in-weimar-3/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a><img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=noeventhien.wordpress.com&amp;blog=10191259&amp;post=13&amp;subd=noeventhien&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align:center;"><strong>Gebucht bei Jugendtourist: eine Busfahrt im Oktober und November 1989 in die DDR. Plötzlich steckt eine Gruppe junger Linker mitten im politischen Umsturz.</strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<h1 style="text-align:center;"><span style="color:#333333;">Mit schönster Unschuld in die Revolution</span></h1>
<p style="text-align:center;">
<p style="text-align:center;">
<p style="text-align:center;"><img class="size-full wp-image-61  aligncenter" title="weimar" src="http://noeventhien.files.wordpress.com/2009/10/weimar1.jpg?w=500&#038;h=154" alt="" width="500" height="154" /></p>
<p style="text-align:center;"><span style="color:#333333;"><em>von</em> JAN NOEVENTHIEN</span></p>
<p style="text-align:left;">Unentwegt schimpfte der alte Mann auf mich ein. Eine Unverschämtheit sei das, in dieser Situation! Gewissenlose Provokateure seien wir! Es war ein frischer Herbsttag, wir standen auf einem Parkplatz in Magdeburg. Der Mann fuchtelte mit seiner Rechten in Richtung unseres Reisebusses und gönnte sich keine Atempause: Unerhört, alle in einen Sack packen und draufhauen!</p>
<p style="text-align:left;">Es war der letzte Stop am letzten von fünf Tagen, an denen wir durch die DDR gereist waren. Als nächstes wollten wir das Land über den Grenzübergang Marienborn wieder verlassen. Obwohl wir uns nicht immer ganz unauffällig verhalten hatten, hofften wir auf eine reibungslose Ausreise. Die Wut des Mannes auf dem Parkplatz irritierte mich. Was hatten wir getan?</p>
<p style="text-align:left;">Es war noch keinen Monat her, als es in Dresden zu schweren Ausschreitungen gekommen war. Um den Exodus ihrer Bürger ins sozialistische Ausland zu stoppen, hatte die DDR-Führung am 3. Oktober 1989 die Grenze zur Tschechoslowakei geschlossen. Mehrere Tausend Menschen demonstrierten tags darauf am Dresdner Hauptbahnhof. Ohne eine Bahnsteigkarte zu lösen, wie Lenin einst gehöhnt hatte, versuchten etliche von ihnen, auf die letzten Sonderzüge aufzuspringen, mit denen die „Botschaftsflüchtlinge“ aus Prag in den Westen gebracht wurden. Die Sicherheitskräfte, mit robustem Mandat ausgestattet, machten dem Treiben schließlich mit Schlagstöcken und Wasserwerfern ein Ende.</p>
<p style="text-align:left;">Kurz darauf, am 29. Oktober 1989, war unser westdeutscher Reisebus über den Grenzübergang Herleshausen gerollt, Richtung Dresden. Die Ausstattung war komfortabel, sogar ein Fernseher mit Videorekorder war an Bord. Eine VHS-Kassette des James-Bond-Klassikers „Liebesgrüße aus Moskau“, die noch im Gerät steckte, hatten wir vorsichtshalber blicksicher verstaut. Wir wollten bei der Einreise ja nicht mit imperialistischer Propaganda im Gepäck auffallen.</p>
<p style="text-align:left;">Auf den Seitenwänden des Busses prangte in großen, bunten Lettern der Name des Fuhrunternehmens: „fahr mit!“</p>
<p style="text-align:center;">* * *</p>
<p style="text-align:left;">Ich war gerade volljährig geworden. Ich war nun berechtigt, ein Kraftfahrzeug zu führen und mein Fehlen in der Schule mit eigener Unterschrift zu entschuldigen. Ansonsten trug ich mein Bündel spätpubertärer Unsicherheiten mit mir herum, für das es keinen besseren Nährboden gab als das Kleinstadtgymnasium im Landkreis Hannover, an dem ich meiner Hochschulreife entgegendämmerte. Nicht weit von hier hatte Ronald M. Schernikau sein Abitur gemacht, der noch als Schüler die viel beachtete „kleinstadtnovelle“ geschrieben hatte. Später war er nach Westberlin gezogen und im Sommer 1989, als überzeugter Kommunist, in die DDR übergesiedelt.</p>
<p style="text-align:left;">Mein Ausbruch aus der kleinstädtischen Enge war weniger originell. Er bestand aus einer intensiven Beschäftigung mit den Platten der Smiths und einem unmissverständlich vorgetragenen Bekenntnis zur politischen Linken. The Smiths allerdings hatten sich vor zwei Jahren aufgelöst, und nun zeichnete sich mit dem beginnenden Brodeln in der DDR auch ein schicksalhaftes Jahr für die Linke ab.</p>
<p style="text-align:left;">Ich war kein Anhänger der DDR, aber ich betrachtete mich als Marxist. Mein theoretisches Fundament bestand im Wesentlichen aus der Lektüre von Erich Fromms „Das Menschenbild bei Marx“. Das war genug, um mich gegen die vermeintlichen Verheißungen des Staatssozialismus sowjetischer Prägung zu imprägnieren, allerdings auch zu wenig, um zu verhindern, dass ich schon wenige Jahre später leichte Beute fashionabler französischer Virtualapostel werden sollte. Dass die ganze Welt bloß eine Simulation sei, das war einfach ein zu tröstlicher Gedanke für einen, dessen Weltschmerz und Weltekel immer eher von Morrissey als von Marx beschrieben worden waren.</p>
<p style="text-align:left;">Das Jahr 1989 hingegen befand sich noch fest in der Hand der Realität. Immer hatte ich bis dahin etwas fasziniert auf die Hippies und die 68er zurückgeschaut, auf ihre seltsam affektiert zum Vortrag gebrachten revolutionären Aufwallungen, für die meine Generation weder die Kraft aufzubringen noch einen geeigneten Anlass zu finden schien. Hätte man etwa „Oh! Oh! Or-te-ga!“ skandierend durch die Fußgängerzone ziehen sollen? Wenn schon der Nicaragua-Kaffee im Kulturzentrum immer so mies schmeckte?</p>
<p style="text-align:left;">Jetzt aber bahnte sich ein weitaus folgenschwererer Umbruch an, und einmal mehr war es nicht unser eigener. Das Schauspiel einer friedlichen Revolution in der DDR besichtigte man wie ein Theaterstück, nah am Geschehen und doch davon ausgeschlossen. Mit einem Unterschied: In jener letzten Oktoberwoche überquerten wir den Orchestergraben und staksten nun durch ein Stück, dessen Ausgang völlig offen war.</p>
<p style="text-align:center;">* * *</p>
<p style="text-align:left;">Bereits im Sommer des Vorjahres hatte eine lose Gruppe aus örtlichen Jusos und einem Fähnlein befreundeter Gymnasiasten bei Jugendtourist, der offiziellen Reiseorganisation der FDJ, eine Informationsreise in die DDR angemeldet. Was danach geschah, hatte niemand ahnen können. Der wachsende Unmut nach der offenkundig gefälschten Kommunalwahl, die dramatische Ausreise- und Flüchtlingswelle, die immer größer und lauter werdenden Demonstrationen, gegen die eine ratlose Staatsmacht mal mit aller Härte einschritt, um sie ein anderes mal wieder unbehelligt gewähren zu lassen: Die DDR, die der Springer-Verlag gerade erst von ihren Gänsefüßchen befreit hatte, schien ins Wanken zu geraten.</p>
<p style="text-align:left;">So unvorhersehbar dieser wechselhafte Frühling im Herbst gekommen war, so unklar war in diesen Tagen auch, wie es weitergehen würde. Nicht nur das harte Einschreiten der Staatsmacht in Dresden und anderswo hatte viele vorschnelle Hoffnungen gedämpft. Erich Honecker war als Generalsekretär des Zentralkomitees der SED durch Egon Krenz ersetzt worden – kein Reformer, noch vor kurzem hatte er großes Verständnis für das Blutbad am Tiananmen-Platz geäußert. Niemand wusste, ob der „Keine Gewalt!“-Appell der Demonstranten ein naiver Wunsch bleiben würde.</p>
<p style="text-align:left;">Sollte man die Reise antreten? Neugier und wohl auch Abenteuerlust schoben die Bedenken beiseite. 16 junge Westdeutsche machten sich auf den Weg, um Weltgeschichte in einem Reisebus zu erleben. Besuche in Dresden, Leipzig, Weimar, Cottbus, Magdeburg hatte Jugendtourist auf das Programm gesetzt, die Hauptstadt der DDR blieb ausgespart. Wir hatten Wandergitarren dabei.</p>
<p style="text-align:left;">Vor Grenzübertritt hatten wir ein Seminar der Bundeszentrale für politische Bildung absolviert, in dem uns der Referent – der Politologe Bernward Baule, der später einmal Redenschreiber von Horst Seehofer werden sollte – noch einmal auf den Unrechtscharakter der DDR hinwies. Das war gar nicht notwendig gewesen: Jede Verharmlosung des offenkundigen Mangels an Freiheit und Demokratie als kleineres Übel auf dem Weg zum großen Ziel erledigte sich mit der einfachen Frage: Würde man dort leben wollen? Eben. Man hieß ja nicht Schernikau.</p>
<p style="text-align:left;">Linke Verklärung gab es gleichwohl. Daheimgebliebene Freunde hatten uns noch vom Segen des Zwangsumtauschs überzeugen wollen: Es gehöre sich nicht, ein sozialistisches Land zu betrügen. Einige von uns schmuggelten trotzdem heimlich DDR-Mark über die Grenze. Ich selbst tauschte zwar brav 1:1, allerdings weniger wegen der „internationalen Solidarität“, sondern aus Respekt vor der Humorlosigkeit der staatlichen Stellen.</p>
<p style="text-align:left;">Auch das Argument, die DDR sei bei aller Unvollkommenheit immer noch weniger unvollkommen als die kapitalistische BRD, verfing nicht. Was die Bundesrepublik betraf, die wir aus vollem Herzen für ihre Unzulänglichkeiten kritisierten, ohne auf ihre Annehmlichkeiten verzichten zu wollen, habe ich immer einen Satz beherzigt, den Elliot Gould in Alan Arkins und Jules Feiffers schönem Film „Little Murders“ gesagt hat: „Es ist sehr gefährlich, ein System zu bekämpfen, wenn man nicht ganz genau weiß, dass man es hinterher nicht vermissen wird.“</p>
<p style="text-align:left;">Diese Sorge hatten die Menschen in der DDR offenkundig hinter sich gelassen.</p>
<p style="text-align:center;">* * *</p>
<p style="text-align:left;">Wer in Königstein in der Sächsischen Schweiz die Jugendherberge sucht, der muss erst eine kleine Fähre besteigen, die ihn an das andere Elbufer bringt. Dort steigt man einige Treppen hinauf zu einem alten Fachwerkhaus, das einst als Naturfreundehaus gegründet wurde und später von den Nazis zum „Schutzhaftlager“ umfunktioniert wurde. Zu DDR-Zeiten eröffnete hier die Jugendherberge „Julius Fučík“, benannt nach einem tschechischen Autor und Kommunisten, der von Freislers Volksgerichtshof zum Tode verurteilt wurde. Diese Einrichtung hatte Jugendtourist als Schlafquartier für uns gebucht.</p>
<p style="text-align:left;">Die Abgeschiedenheit dieses Ortes konnte man idyllisch finden oder einfach nur hinderlich. Die Elbfähre stellte um 23 Uhr ihren Betrieb ein. Gegen Devisen konnte man eine kleine Flexibilisierung aushandeln, doch der Aktionsradius blieb eingeschränkt. Also packten wir abends im Speisesaal die Wandergitarren aus und belustigten die anderen Gäste: eine Schulklasse und ein Ehepaar im Wanderurlaub. Wir spielten Selbstgeschriebenes und Neil Youngs „Rockin’ in the Free World“.</p>
<p style="text-align:left;">Während der Anreise waren alle üblichen Klischees bereits bedient worden: mürrische Grenzsoldaten, rumpelige Straßen, riesige Plattenbausiedlungen an den Stadträndern. Doch am meisten faszinierten mich die vielen Fenster, aus denen nachts ein seltsames violettes Licht schimmerte. Kein politisches Statement, wie mir unsere Reiseleiterin erklärte, die kurz nach unserem Grenzübertritt den „fahr mit!“-Bus bestiegen hatte, sondern die Lumoflor-Pflanzenleuchten des volkseigenen NARVA-Werks. Die Begleiterin hieß (oder nannte sich) Romy Schneider und eskortierte uns fortan im Auftrag von Jugendtourist bei der Absolvierung unseres offiziellen Programms.</p>
<p style="text-align:left;">Drei Botschaften schien uns das staatsnahe Reisebüro vermitteln zu wollen: In Buchenwald wurde bei einer bedrückenden Führung durch das ehemalige Konzentrationslager nicht auf den Hinweis verzichtet, dass die DDR die wahre Hüterin des antifaschistischen Erbes sei. In Weimar betonte ein Stadtbilderklärer, dass die DDR die wahre Hüterin des humanistischen Erbes sei, beginnend bei der Weimarer Klassik und beim Bauhaus nicht endend. Und bei Besuchen von Restaurants wie dem „HO Klub der Werktätigen“ in Dresden wurden ausnahmslos üppig beladene Aufschnitt- und Fleischplatten aufgefahren, um keinen Zweifel daran aufkommen zu lassen, dass in der DDR kein Mangel an Grundnahrungsmitteln herrschen konnte. Meine kurz zuvor begonnene Karriere als Teilzeitvegetarier fand hier ihr jähes Ende.</p>
<p style="text-align:left;">Im Vorfeld der Reise hatten wir auch eigene Interessen angeben können. Dem Zeitgeist der achtziger Jahre folgend hatten wir die Umweltpolitik genannt. Was konnte für Jugendtourist also näher liegen, als für uns eine Diskussion mit jungen Führungskräften der Wasseraufbereitungsanlage Cottbus II anzusetzen, die uns eine Filteranlage präsentierten und versicherten: Die Wasserqualität habe in den letzten Jahren erheblich an Bedeutung gewonnen! Man konnte sich streiten, ob dieser Programmpunkt nun ein gut gemeinter Versuch war, unseren Interessen gerecht zu werden, oder ob er ein besonders maliziöses Humorverständnis der Reiseplaner verriet, in deren Gesellschaftsverständnis die ökologische Frage wohl eher einen Nebenwiderspruch darstellte.</p>
<p style="text-align:left;">Für uns war sie das mittlerweile allerdings auch. Uns interessierte brennend der Hauptwiderspruch, der das Land nun bereits seit Wochen in einem kippeligen Schwebezustand hielt. Die Friedensgebete, mit denen die Bürgerrechtsbewegung einen ersten Schritt in die Öffentlichkeit gewagt hatte, waren zu Demonstrationszügen ausgewachsen, und am Tag unserer Einreise versammelten sich unter dem Titel „Offene Türen, offene Worte“ nach offiziellen Angaben mehr als 20.000 Bürger zu einer „Dialog“-Veranstaltung vor dem Roten Rathaus und in der Kongresshalle in Berlin. Während unser Bus zum ersten Mal nach Königstein ruckelte, prophezeite Günter Schabowski vor der Menschenmenge: „Die Demo wird zur politischen Kultur in Berlin gehören!“ Und das erstaunlichste war: Das lasen wir am nächsten Tag im „Neuen Deutschland“. Wie übrigens auch die Nachricht, dass die Disco in unserer Heimatstadt gerade abgebrannt war.</p>
<p style="text-align:left;">„Burn down the Disco“, hatte Morrissey einst gefleht. Etwas war im Schwange.</p>
<p style="text-align:left;">
<p style="text-align:center;">* * *</p>
<p>Auch in Dresden hatte die SED den Dialog aufgenommen. Als wir eine Andacht in der gut gefüllten Dresdner Kreuzkirche besuchen, sind wir darauf vorbereitet, auf versteckte politische Andeutungen in der Predigt zu achten. Doch zwischen den Zeilen ist wenig Platz für Unausgesprochenes. Der Pastor berichtet ausführlich von einem Treffen der „Gruppe der Zwanzig“ mit der Führung des Rathauses. Die Einsetzung einer gemeinsamen Arbeitsgruppe von Partei und Opposition zur Aufklärung der Polizeiübergriffe am Hauptbahnhof sei verabredet worden, ebenso weitere Arbeitskreise über Presse- und Reisefreiheit, wirtschaftliche Reformen, mehr Demokratie. Als zwei Kirchenvertreter ihre Konzeption eines christlichen Sozialismus vorstellen, marschiert ein Fernsehteam der ARD herein, baut seine Kamera auf und rollt Kabel aus. Doch für den Korrespondenten ist diese Andacht nichts besonderes mehr, erzählt er: „Man muss schon auf gut Glück herumfahren, um noch etwas neues zu finden.“</p>
<p>Die „Gruppe der Zwanzig“, ein Kreis von Bürgern und Kirchenleuten, die eher zufällig bei einer aufgelösten Demonstration übrig geblieben waren, ist schnell zum Sprachrohr der Reformbewegung und zum Ansprechpartner des Oberbürgermeisters Wolfgang Berghofer geworden. Doch etwas sehr wichtiges, das sie ihren offiziellen Gesprächspartnern abspricht, fehlt auch ihr: eine ordentliche demokratische Legitimation.</p>
<p>Zwei Tage nach der Andacht drängt sich ein knappes Dutzend Menschen in den Eingang der Kreuzkirche, um sich vor dem Nieselregen zu schützen. Sie wollen ein Mehrparteiensystem wie in Ungarn und mehr Wettbewerb in der Wirtschaft. Und sie verteilen kleine, hektographierte Zettel an Passanten. Unter der Überschrift „Vollmacht“ ist in Schreibmaschinenschrift zu lesen:</p>
<p><em>„Ich bevollmächtige &#8211; bis auf Widerruf &#8211; die Mitglieder der ‚Gruppe der Zwanzig’, meine Interessen offiziell und öffentlich zu vertreten, sowie in meinem Namen Gespräche und Verhandlungen mit staatlichen Stellen, Vereinigungen, Organisationen und Parteien der DDR zu führen, um damit eine umfassende und gewaltfreie Veränderung der Gesellschaft zum Guten hin in Dresden und Umgebung zu bewirken.“</em> Darunter: Raum für Datum und Unterschrift.</p>
<p>Man könnte sich darüber lustig machen, dass Deutsche selbst in einer revolutionären Phase zuerst ein Formular einschließlich Widerrufsklausel entwerfen. Doch die Ernsthaftigkeit dieses – wenn auch symbolischen – Versuchs, den Reformprozess bei aller Improvisation und Unübersichtlichkeit so korrekt und anständig wie möglich zu organisieren, beeindruckt uns. Überhaupt sind die meisten Protestformen von entwaffnender Schlichtheit, wenn etwa die örtliche Außenstelle des Ministeriums für Staatssicherheit von einem flackernden Band aus Kerzen umringt wird.</p>
<p>Soviel sanfter Idealismus ist selten in der deutschen Geschichte. Er findet seinen Ausdruck auch in den mannigfachen, engbeschriebenen Positionspapieren der verschiedenen Bürgergruppen, wie sie an Stelltafeln in der Nikolaikirche in Leipzig aushängen. Hier werden Visionen einer besseren Gesellschaft, eines demokratischeren Sozialismus formuliert, aufmerksam gelesen von Grüppchen dicht gedrängt stehender Bürger. Und auch wenn sich nicht immer ausmachen lässt, ob das Bekenntnis zum Sozialismus nun ein taktisches ist oder eines aus Überzeugung, so erstrahlen in vielen dieser Texte die Möglichkeiten politischer Theorie in einer tapferen Schönheit.</p>
<p>Doch oft zerbirst die Schönheit im Gespräch. Ein Arbeiter, Anfang dreißig, der in Dresden die Vollmacht-Handzettel verteilt, gibt damit an, wie er „einen Polacken K.O. geschlagen“ habe, weil der ihn einen Faschisten genannt hätte. „Erst kaufen sie die ganze DDR leer, und dann werden sie auch noch frech.“ Auch für die „Fidschis“, die vietnamesischen Gastarbeiter in der DDR, hat er nicht viel übrig: die machten lieber Überstunden statt zu demonstrieren. Ein anderer, um die 40, aber mit tiefen Falten im Gesicht, erzählt, er habe zwei Jahre in Bautzen abgesessen, weil er seine Meinung gesagt habe. „Da gibt es Zellen, die werden einen Meter tief unter Wasser gesetzt. Jeden Morgen wird man mit dem Gummiknüppel geweckt.“ Doch am meisten schimpft er auf die Übersiedler, die in den Westen gegangen sind: „Jedem von denen wünsche ich, dass sie in der BRD auf der Straße stehen!“</p>
<p>So hatten wir wohlbehüteten jungen Linken uns eine revolutionsbereite Arbeiterschaft nicht vorgestellt.</p>
<p style="text-align:center;">* * *</p>
<p>„Glaubt ihr etwa, wir haben hier keine Kekse?“ Die junge Studentin schüttelt den Kopf. Gerade hatte der Vormann unserer Reisegruppe ein großzügiges Gastgeschenk überreicht: eine Dose dänischer Butterkekse aus dem heimischen Supermarkt. Die Studentin denkt vermutlich gerade an Glasperlen für die Eingeborenen. Aber zumindest trumpfen wir nicht auf wie die reichen Onkel aus dem Westen.</p>
<p>Wahrscheinlich sind die Studenten der PH Dresden, die mit uns über politische Partizipationsmöglichkeiten junger Menschen diskutieren sollen, handverlesen. Doch die Diskussionen, für die wir uns in kleinen Gruppen an mehrere Tische verteilen, sind offen und kritisch. Es ergibt sich kein einheitliches Bild, wohin man will und was man sich vom Westen erwartet. Aber so wie es ist, so dürfe es nicht bleiben. Von Einschüchterung und Angst vor Spitzeln ist an diesem Abend nichts zu spüren, von wolkigem Idealismus aber auch nicht: Höchste Zeit sei es, dass sich das Warenangebot verbessere!</p>
<p>Was denn unser erster Eindruck von der DDR gewesen sei? Nicht sehr originell, aber aufrichtig zeigen wir uns betrübt über die allgegenwärtigen düsteren Fassaden: Haus für Haus, Straße für Straße in diesem immergleichen tristen Grau. „Ja, was!“, entfährt es der Studentin, „sollen wir unsere Häuser etwa bunt anmalen?“ Kann man sich tatsächlich so lange an Dinge gewöhnen, dass einem irgendwann jede andere Vorstellung als vollkommen verrückt erscheint? Das Sein bestimmt nicht nur das Bewusstsein, es setzt ihm auch seine Grenzen. Aber als wir das Hochschulgebäude wieder verlassen, strömen die Menschen wie zum Beweis des Gegenteils in Scharen zur Montagsdemonstration. Wir hingegen müssen zu unserem Bus. Die letzte Fähre wartet nicht.</p>
<p>Kontakt mit der neuen politischen Kultur gibt es dafür tags darauf. Zum Abendessen im Weimarer „Theaterkasino“ werden wir am vernehmlich murrenden „sozialistischen Wartekollektiv“ vorbei zu unseren reservierten Tischen geführt. Drinnen wird einmal mehr Fleisch in unterschiedlichsten Darreichungsformen serviert. Als wir das Restaurant wieder verlassen, geraten wir direkt in einen Demonstrationszug. Da wir die gleiche Richtung haben, werden wir unfreiwillig zu Mitdemonstranten. „Bürger Weimars, schließt Euch an!“, skandiert die Menge, „Stasi in die Produktion“ und „Egon, reiß die Mauer ein, denn wir brauchen jeden Stein.“</p>
<p>Die FDJ-Bezirksleitung Cottbus ist auch für Reformen. So sehr, dass sie sich sogar an die Spitze der Reformbewegung setzen will. „Wir erheben keinen Anspruch auf die einzige, ewige Wahrheit. Nie, nie mehr. Wir wollen die Wende radikal mittragen und voranbringen. Wir wollen den Sozialismus attraktiver machen.“ Die Einheitsorganisation der Jugend sieht sich schon wieder als Avantgarde, deren „Initiative und Verantwortung bei weitreichenden Reformen gebraucht“ werde. Die DDR offener und pluralistischer zu machen, das gehe aber nicht ohne die Führung einer marxistisch-leninistischen Partei.</p>
<p>Die Proteste auf den Straßen nimmt man hier nach gutem Brauch dialektisch: „Die gesellschaftlichen Widersprüche treiben uns voran.“ Die jungen Funktionäre wirken übernächtigt und verunsichert, es scheint, als trieben die gesellschaftlichen Widersprüche sie eher vor sich her. An der Wand hinter ihnen ein helles Rechteck. Hing da etwa das obligatorische Honecker-Porträt? Die neuen Krenz-Bilder scheinen noch nicht eingetroffen zu sein. Auf dem Besprechungstisch stehen Kekse.</p>
<p style="text-align:center;">* * *</p>
<p>In der Kreuzkirche hatte uns jemand eine Adresse gesteckt. Ein (wenn ich mich heute noch richtig erinnere) Jugendpfarramt am Dresdner Stadtrand sollte eine Art inoffizielles Zentrum der örtlichen Opposition sein. Unter dem Vorwand, Bücher kaufen zu wollen (ich habe auf dieser Reise unter anderem die „Ausgewählten Werke“ von Marx und Engels in sechs Bänden aus dem einschlägigen Dietz-Verlag erstanden), entziehen wir uns zu viert der Aufsicht Romy Schneiders. Ortsfremd wie wir sind, fragen wir einen Volkspolizisten höflich nach dem Weg.</p>
<p>Als eine kleine Frau mittleren Alters uns öffnet, beschleicht uns das absonderliche Gefühl, bereits erwartet worden zu sein. Wir werden höflich hereingebeten, und nachdem wir die Umstände unseres erstaunlichen Erscheinens erklärt haben, beginnt eine angeregte Diskussion über die Zukunft des Sozialismus und der DDR. Darüber, ob eine kapitalistische DDR neben der Bundesrepublik überhaupt eine Existenzberechtigung habe und warum wir im Westen eigentlich auf einen Durchbruch der Reformbewegung hofften. Wir sind beeindruckt von der großen Ernsthaftigkeit, mit der ein junger Kirchenmitarbeiter erklärt, das höchste Gebot sei nun Vorsicht, denn: „Diese Chance wird unsere einzige sein.“</p>
<p>Dann schellt es an der Tür. Unsere Gastgeber zucken zusammen, ihre Blicke verraten Anspannung und Wachsamkeit, vielleicht auch Angst. Erst jetzt verstehen wir: Diese Menschen hatten selbstverständlich nicht mit uns gerechnet. Sie rechneten noch immer mit allem.</p>
<p>Der Besuch an der Tür ist harmlos. Doch als wir kurz darauf aufbrechen, bemerken wir einen geparkten Wagen auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Jemand sitzt darin. Was immer das bedeuten mochte oder auch nicht, eines ist gewiss: Wir machen es den Leuten nicht gerade leicht, vorsichtig zu sein. Wir hatten uns anstecken lassen von der Aufbruchstimmung, die uns überall entgegen geschlagen war, und stapften wie gutmütige Elefanten durch den HO-Laden. Jetzt begreifen wir, warum der Slogan „Keine Gewalt!“ auf den Demonstrationen noch immer eine solche Bedeutung hat: Weil das Spiel noch nicht aus ist.</p>
<p>Beschämt von unserer Gedankenlosigkeit machen wir uns auf den Weg zurück in die Stadtmitte, zu unserem „fahr mit!“-Bus.</p>
<p style="text-align:center;">* * *</p>
<p>Keine drei Monate später, jetzt ist das Spiel aus. Die Grenze ist geöffnet, das Dekolleté von Vera Wollenberger, geborene Lengsfeld, ist noch verschlossen. Hans Modrow hat Egon Krenz abgelöst, und der Wahlkampf für die erste (und letzte) freie Volkskammer der DDR geht in seine entscheidende Phase. Aus den Bürgerrechtsgruppen sind Parteien, Bündnisse und Allianzen geworden. Es werden Flugblätter verteilt, noch einmal Gesellschaftsbilder für eine bessere, gerechtere DDR entworfen. Doch auf den Marktplätzen dominiert längst der Ruf nach einem gewissen „Helmut“, man will die D-Mark.</p>
<p>Ich verbringe eine Woche in Salzwedel. Der Freundlichkeit einer jungen Dame verdanke ich ein Abendessen bei ihr zuhause. Ihre Eltern sind Mitglieder des Neuen Forums. Ich erzähle von meinem deutschen Herbst, und sie erzählen mir von ihrem. Ende Oktober waren sie auf Wanderreise in Sachsen. Übernachtet hatten sie in einer Jugendherberge in Königstein und sich gewundert über ein paar westdeutsche Jugendliche mit Gitarren, die seltsame Musik machten.</p>
<p>Ich erzähle vom „fahr mit!“-Schriftzug auf unserem Bus und dass mir dieser während der gesamten Reise überhaupt nicht aufgefallen war, bis uns in Magdeburg der aufgebrachte Mann auf dem Parkplatz deswegen zu beschimpfen begann. Hatten wir nun seinen Unmut erregt, weil er ein Anhänger der alten Ordnung war und Republikflucht für ihn ein Verbrechen war? Oder war er einer, der auf Reformen setzte und nicht verstand, wie sich die Übersiedler aus ihrer Verantwortung stehlen konnten? Wie hätte man ihm erklären können, dass man im Westen gelernt hat, die allgegenwärtigen Werbebotschaften einfach auszublenden und sich nichts dabei zu denken? Dass das alles nur ein Zufall war und wir niemand zum Mitfahren auffordern wollten?</p>
<p>Dann fällt mir ein Slogan der Demonstranten ein, den wir in unserer reformbewegten Woche an fast jedem Tag gehört hatten. Eine unterschwellige Drohung an die Machthaber, vor allem aber ein trotziges Bekenntnis zu einem Land, das gegen jede Wahrscheinlichkeit von seinen Bürgern erst erkämpft werden musste und wenig später trotzdem kampflos aufgegeben wurde.</p>
<p style="text-align:left;">Er lautete: „Wir bleiben hier!“</p>
<p style="text-align:center;"><span style="color:#ffffff;">.</span></p>
<p style="text-align:center;"><span style="color:#333333;"><em>[ungekürzte Fassung]</em></span></p>
<p style="text-align:center;"><span style="color:#333333;">Eine leicht gekürzte Fassung erschien am 30. Oktober 2009 in der</span></p>
<p style="text-align:center;"><span style="color:#333333;"><a href="http://noeventhien.files.wordpress.com/2009/10/faz.gif"><img class="aligncenter size-full wp-image-200" title="faz" src="http://noeventhien.files.wordpress.com/2009/10/faz.gif?w=110&#038;h=16" alt="" width="110" height="16" /></a><br />
© 2009 Jan Noeventhien. Alle Rechte vorbehalten<br />
</span></p>
<p style="text-align:center;"><span style="color:#ffffff;">.</span></p>
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		<title>Von Hühnern und Guppys</title>
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		<pubDate>Wed, 14 Aug 2002 09:00:11 +0000</pubDate>
		<dc:creator>noeventhien</dc:creator>
				<category><![CDATA[Feuilleton]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>

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		<description><![CDATA[Was Schröder und Stoiber aus den  amerikanischen Fernsehduellen lernen können. Dass er die Sozialversichung erfunden habe, das sollte Gerhard Schröder besser nicht behaupten, wenn er am 25. August im ersten Fernsehduell auf seinen Herausforderer Edmund Stoiber trifft. Mit ähnlichen Selbstbeweihräucherungen &#8230; <a href="http://noeventhien.wordpress.com/2002/08/14/von-huhnern-und-guppys/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a><img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=noeventhien.wordpress.com&amp;blog=10191259&amp;post=72&amp;subd=noeventhien&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em><strong>Was Schröder und Stoiber aus den  amerikanischen Fernsehduellen lernen können.</strong><br />
</em></p>
<p>Dass er die Sozialversichung erfunden habe, das sollte Gerhard Schröder besser nicht behaupten, wenn er am 25. August im ersten Fernsehduell auf seinen Herausforderer Edmund Stoiber trifft. Mit ähnlichen Selbstbeweihräucherungen hatte sich vor zwei Jahren Al Gore um die US-Präsidentschaft geredet: das Internet gehe auf seine Kappe, verkündete er mit ernstem Gesicht. Doch zu viel Eigenlob schätzt der Wähler nicht, jedenfalls nicht an Politikern, und schon gar nicht in wirtschaftlich schwierigen Zeiten. Dass sich demonstrative Bescheidenheit im Wahlkampf allerdings ebenso wenig auszahlt, gehört zu den Widersprüchen, die Schröder und Stoiber bald auch im direkten Vergleich aufzulösen haben. Wem dies am besten gelingt, der hat auch gute Chancen, nach dem 22. Oktober die Regierung zu stellen.</p>
<p>Das direkte Duell ist ein neues Instrument im Werkzeugkoffer der deutschen Wahlkämpfer, die ihre Gegner oft nicht beim Namen nennen, sondern lieber von „den Anderen“ reden. Richtig ausprobieren konnte es noch keiner, entsprechend hoch ist die Gefahr für Kandidaten und Berater, irgendwo eine falsche Schraube anzuziehen und bleibenden Schaden im Kampagnen-Getriebe anzurichten.</p>
<p>Bislang galt das ungeschriebene Gesetz, dass Fernsehdebatten für den Amtsinhaber mehr Risiken und weniger Chancen bedeuten als für den Gegenkandidaten. Gerhard Schröder ist der erste Kanzler, der die Herausforderung zum Duell dennoch angenommen hat. Seine Virtuosität vor laufenden Kameras ist für die SPD-Strategen die „Silberkugel“ in der Auseinandersetzung mit Stoiber und scheint ihnen die damit verbundenen Risiken offenbar wert. Allerdings wurde auch Al Gore ein großer Erfahrungsvorsprung auf der nationalen Medienbühne attestiert – genutzt hat er ihm am Ende nicht.</p>
<p>Beim Fußball entscheiden oft individuelle Fehler über den Ausgang eines Spiels, bei Fernsehduellen ist es nicht anders. „Kandidaten verlieren Debatten, sie gewinnen nur selten“, sagt Ron Faucheux, Chefredakteur des US-amerikanischen Wahlkampf-Fachblatts <em>Campaigns &amp; Elections</em>. Dass 1960 dem haushohen Favoriten Nixon im Duell gegen seinen jugendlichen Herausforderer Kennedy die Felle auf einem Strom von Schweiß davongeschwommen waren, ist Legende. Heute haben die Kandidaten in den USA ihre eigenen Kosmetiker und Modeberater, selbst die Krawatte wird passend zur Botschaft gewählt. Die Debatten werden im eigenen Lager minutiös geprobt, und vor dem Showdown hakeln die Medienstrategen der Kombattanten über Bühnenbild, Beleuchtung und Kameraeinstellungen. Alle Risikofaktoren sollen ausgeschaltet werden, doch eine Unwägbarkeit wird immer bleiben: der Kandidat.</p>
<p>Bei den Fernsehdebatten des Präsidentschaftswahlkampfs 2000 wartete ganz Ame­rika auf einen verhehrenden Lapsus George W. Bushs. Statt dessen verlor Al Gore das Duell wegen seiner offenkundigen Streberattitüde. Vernehmliches Seufzen bei den Aussagen seines Kontrahenten und schließlich sogar Verbesserungen bei dessen Aussprache waren den Amerikanern zuviel. Bushs Vater wiederum machte acht Jahre zuvor gegen Bill Clinton keine gute Figur, als er während dessen Statements demonstrativ auf die Uhr sah. Gore wie Vater Bush versuchten letztlich erfolglos, aus bekannten Schwächen ihrer Konkurrenten – mangelnde Erfahrung, Langatmigkeit – politisches Kapital zu schlagen.</p>
<p>Die Arroganz des Amtsinhabers, die zeigen soll, dass der Herausforderer nicht in der gleichen Liga spielt, ist also wenig hilfreich, und Gerhard Schröder, der sein ungebremstes Selbstbewusstsein wie kaum ein zweiter selbst in kleinsten Gesten und Pointen ausspielen kann, ist gut beraten, sein Ego an der kurzen Leine spazieren zu führen.</p>
<p>Doch auch Edmund Stoiber kann von Al Gores Scheitern lernen. Mit langen Zahlenkolonnen wird er zwar den Eindruck erzielen können, er habe seine Hausaufgaben gemacht. Um zum Klassensprecher gewählt zu werden, wird das allein nicht reichen. Zugleich kann er aber einen Vorteil nutzen, der auch Gores Herausforderer George W. Bush half: Weil die Erwartungen an den Texaner zuvor so gering waren, fiel es ihm leicht, sie zu übertreffen. Wer weiß, wozu Stoibers haspeliger Auftritt bei Sabine Christiansen noch einmal gut gewesen sein könnte.</p>
<p>Eine neue Studie der Universität Maryland und des Pew Charitable Trusts bestätigt dies. 92 beziehungsweise 85 Prozent der amerikansichen Wähler halten demnach Kompetenz und Positionierung in Sachfragen für die entscheidenden Faktoren für den Ausgang einer Fernsehdebatte. Nur 16 Prozent goutieren einen aggressiven Umgang mit dem Gegenüber. 70 Prozent halten Ruhe und Selbstbeherrschung für wichtig, deutlich weniger Gewicht haben die rhetorischen Fähigkeiten (58 Prozent) und die äußere Erscheinung der Kandidaten (26 Prozent).</p>
<p>Diese Selbsteinschätzung des amerikanischen Wählers dürfte wohl ein wenig idealisiert sein. Al Gores Kompetenz und Erfahrung wurden nie in Frage gestellt, aber sein allzu ausführlich zur Schau gestelltes Fachwissen hat ihm am Ende eher geschadet. Die kniffelige Frage lautet also: Wie vermittelt man den besten Eindruck von Sachkompetenz in kurzen Statements, ohne den Wähler zu langweilen oder ihm vor den Kopf zu stoßen? Und wie hält man seinen Gegner in der Defensive, ohne diesen allzu grob anzugehen?</p>
<p>Bill Clintons legendärer Wahlkampfberater James Carville empfiehlt seinen Kunden einen rhetorischen Dreisprung: „Answer – Attack – Explain“. Nichts sei verhehrender als der Eindruck, sich um die Antwort auf eine Frage zu drücken. Die Antwort müsse aber kurz sein, eine lange analytische Herleitung bleibe ohnehin nicht in Erinnerung. Danach solle man zum Angriff blasen, und erst wenn einem dann immer noch nicht das Wort abgeschnitten wurde, könne man noch etwas Sachkompetenz demonstrieren.</p>
<p>Für Faucheaux ist vorausschauendes Denken das Kriterium, das Gewinner von Verlierern unterscheidet: „Sag etwas, antizipiere den Gegenschlag deines Rivalen und plane deine Antwort darauf.“ Eine nicht gekonterte Attacke wirkt meist schwerer als ein eingefahrener Pluspunkt. Hilfreich sei auch ein starker Start: „Die Kandidaten sollten mit ihren ersten Worten die zentrale Frage des Wahlkampfes und ihre Gegensätze klar umreissen.“ Nachdem sie so den Boden für ihre großen thematischen Botschaften bereitet haben, sollten sie im Verlauf der Debatte immer wieder auf diese zurückkommen. „Hammering a message home“, nennt man das in Amerika.</p>
<p>Niemand weiß, wie die beiden Schröder-Stoiber-Duelle ausgehen werden und ob sie die politische Kultur in Deutschland eher voranbringen oder zurückwerfen werden. In den USA halten mittlerweile rund 20 Prozent der Wähler Fernsehdebatten für die beste Informationsquelle über die politischen Vorstellungen der Kandidaten, ergab die Studie der Universität Maryland. Nur Fernsehnachrichten und Zeitungsartikel stehen mit je 24 Prozent besser da. Werbespots, die im Gegensatz zu Fernsehdebatten den größten Teil der millionenschweren Wahlkampfetats ausmachen, schneiden mit drei Prozent hingegen deutlich schlechter ab.</p>
<p>Dass man in Deutschland künftig wieder auf Duelle dieser Art verzichten kann, ist unwahrscheinlich. Einmal eingeführt, entfalten die Debatten ihre eigene Dynamik. Ein Kandidat, der den direkten Vergleich scheut, muss sich den Vorwurf der Schwäche gefallen lassen. Mehr als die Hälfte der befragten Amerikaner gab an, es könne sich nachteilig auf ihre Wahlentscheidung auswirken, wenn ein Kandidat das Duell verweigere. Als der alte Bush zögerte, die Klingen mit seinem Herausforderer Clinton zu kreuzen, enterten  Clinton-Anhänger in Geflügel-Kostümen die Veranstaltungen der Republikaner und verspotteten den Präsidenten als „Chicken George“, als feiges Huhn. Der konterte erst mit müden Witzen über Guppys – und stimmte dann den Debatten zu.</p>
<p style="text-align:right;">JAN NOEVENTHIEN, August 2002</p>
<br /><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/categories/noeventhien.wordpress.com/72/" /> <img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/tags/noeventhien.wordpress.com/72/" /> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gocomments/noeventhien.wordpress.com/72/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/comments/noeventhien.wordpress.com/72/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godelicious/noeventhien.wordpress.com/72/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/delicious/noeventhien.wordpress.com/72/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gofacebook/noeventhien.wordpress.com/72/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/facebook/noeventhien.wordpress.com/72/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gotwitter/noeventhien.wordpress.com/72/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/twitter/noeventhien.wordpress.com/72/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gostumble/noeventhien.wordpress.com/72/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/stumble/noeventhien.wordpress.com/72/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godigg/noeventhien.wordpress.com/72/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/digg/noeventhien.wordpress.com/72/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/goreddit/noeventhien.wordpress.com/72/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/reddit/noeventhien.wordpress.com/72/" /></a> <img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=noeventhien.wordpress.com&amp;blog=10191259&amp;post=72&amp;subd=noeventhien&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></content:encoded>
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		<pubDate>Tue, 31 Oct 2000 09:00:31 +0000</pubDate>
		<dc:creator>noeventhien</dc:creator>
				<category><![CDATA[Feuilleton]]></category>
		<category><![CDATA[Literaturkritik]]></category>

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		<description><![CDATA[Ein zivilisatorischer Millennium Bug:  Janette T. Hospitals „Oyster“ Outer Maroo ist ein Ort mit düsterer Vergangenheit und ohne Zukunft. Ein Dorf im Hinterland Australiens, bevölkert von einer Handvoll Viehzüchtern und Opalschürfern. Ein Dorf, das untergetaucht ist, auf keiner Karte verzeichnet, &#8230; <a href="http://noeventhien.wordpress.com/2000/10/31/im-nirgendwo/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a><img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=noeventhien.wordpress.com&amp;blog=10191259&amp;post=178&amp;subd=noeventhien&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em><strong>Ein zivilisatorischer Millennium Bug:  Janette T. Hospitals „Oyster“</strong></em></p>
<p>Outer Maroo ist ein Ort mit düsterer Vergangenheit und ohne Zukunft. Ein Dorf im Hinterland Australiens, bevölkert von einer Handvoll Viehzüchtern und Opalschürfern. Ein Dorf, das untergetaucht ist, auf keiner Karte verzeichnet, vom Postweg abgeschnitten, den Schul- und Steuerbehörden unbekannt. Wen es hierher verschlagen hat, der bleibt für immer, oder ein rascher Unfall verhindert die Rückkehr auf die Landkarte.</p>
<p>Was dieses Dorf zusammenhält, sind Profitgier und Paranoia. Das einzige, was von hier nach außen dringt, sind kostbare Opale, und alles, was außer Geld von draußen kommt, kann von der abgeschotteten Gesellschaft Outer Maroos nur als existenzielle Bedrohung begriffen werden: der verhasste Staat,  die verachteten Aborigines und nicht zuletzt das Jahr 2000. Bis an die Zähne bewaffnet bereitet man sich auf das Armageddon vor, das der Sektenführer Oyster prophezeit hat.</p>
<p>Der Weltuntergang bleibt aus, doch das Dorf läuft ins Verderben. Der Irrsinn, der aus religiösem Fanatismus wächst, die Brutalität, die der Raffgier dient und das Schweigen, das die Skrupel lautstark überdeckt: All das führt zum Zusammenbruch einer hermetischen Gesellschaft, in der die „herkömmliche Logik nicht gilt“ und das Gewissen nur als Phantomschmerz überlebt.</p>
<p>Umgeben von vermeintlichen Feinden, in sengender Hitze, Staub und Dunst, am Vorabend der Jahrtausendwende sehen „die Menschen mit den Augen des Verrückten.“ In Outer Maroo „manifestiert sich religiöser Affekt auf ebenso erschreckende wie erhabene Weise“, und der Wahnsinn erzeugt seine „eigene Welt“, einen „eigenen Raum“, in den „andere eintreten können“. Diesen zwielichtigen Raum macht Janette Turner Hospital in ihrem Roman „Oyster“ zugänglich. Was sie beschreibt, ist ein zivilisatorischer „millenium bug“, der zwar kein Computerprogramm zum Absturz bringt, aber ein religiöses Wahnsystem kollabieren lässt.</p>
<p>Janette Turner Hospital gelingt das Kunststück, diese Geschichte zusammenzufügen, indem sie sie zugleich zersplittert. Im Grunde sei es gleich, ob „man nun eine Geschichte erzählt oder eine Landkarte zeichnet“, lässt sie eine Protagonistin notieren. Es sei, „als schleudere man einen Stein auf eine Fensterscheibe: Von der Aufprallstelle breiten sich die spinnwebartigen Risse fächerförmig nach allen Richtungen aus.“</p>
<p>Ganz ähnlich erzählt sie ihren Roman. In „Oyster“ fügen sich mehrere Perspektiven, die alle ihre eigenen Stimmen und Sprechweisen finden, in einer engverwobenen Struktur aus Vor- und Rückblenden zusammen zu einer Collage der Wahrnehmungen, zur lebendigen Anti-Chronik eines kollektiven<em> freak-outs.</em></p>
<p>Das literarische Verfahren ist nicht allzu neu, und die Offensichtlichkeit, mit der sich die Handlung als Allegorie auf die einschlägigen zivilisatorischen Sündenfälle der Geschichte lesen lässt, überlagert leider die Subtilität, mit der Turner Hospital einfühlsam die Sichtweisen der Protagonisten entfaltet und aufeinanderzustreben lässt.</p>
<p>Gerade hier liegt aber die große Stärke des Romans: Es sind drei Frauen, die sich den „ungeheuer dehnbaren und gleichzeitig unendlich strengen“ Regeln Outer Maroos widersetzen. Die Perspektiven von „Old Silence“ Jess, von Mercy Given und Sarah Cohen, sie könnten unterschiedlicher kaum sein, doch die Konsequenzen, die jede für sich zieht, sind die entscheidenden Keile, die das Wahngebilde männlicher Allmachtsphantasien schließlich zerbersten lassen.</p>
<p>Die abgebrühten Opalhändler, die so gottesfürchtig über Leben und Tod richten, sie erscheinen plötzlich als „Clowns, Marktschreier, Verkleidungskünstler,  Wahnsinnige, Magier, Monster; vor allem aber Clowns. Sie sind lächerlich.“ Die Entzauberung ihres Systems vollzieht sich im vielschichtigen Innenleben der Protagonistinnen. Hier wird Vergangenes aufbewahrt und lebt Totes weiter, hier treten Gedanken als „Heckenschützen“ auf und formen sich zu neuen Erkenntnissen, hier liegt das fragmentierte Zentrum des Romans.</p>
<p>Es bleibt die Frage, inwieweit die Protagonistinnen dem moralischen Extremsport in exotischer Landschaft ausgesetzt werden mussten, um pünktlich und ausgerechnet zum Y2K-Debakel ihre Stimmen zu finden. Doch diese Stimmen, die Turner Hospital so eindringlich zum Sprechen bringt, klingen noch lange nach, nachdem die Geschichte vorüber ist – auch auf unserem Teil der Landkarte.</p>
<p style="text-align:right;">JAN NOEVENTHIEN (veröffentlicht am 31.10.2000)</p>
<p><strong>Janette Turner Hospital: &#8222;Oyster&#8220;.</strong> Deutsch von Maria Mill. DuMont. 413 Seiten, 48 Mark.</p>
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		<title>Ist doch alles gut gegangen</title>
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		<pubDate>Tue, 30 Nov 1999 09:00:42 +0000</pubDate>
		<dc:creator>noeventhien</dc:creator>
				<category><![CDATA[Feuilleton]]></category>
		<category><![CDATA[Literaturkritik]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Magie der kleinen Dinge: Joseph Hellers ausgiebiger Rückblick &#8222;Einst und jetzt&#8220; Jeder kennt so einen Großvater, einen Onkel oder Nachbarn, der bei Beerdigungen, goldenen Hochzeiten oder einfach auf dem Hausflur ungefragt, doch höchst geduldig über die Spiele seiner Jugend, &#8230; <a href="http://noeventhien.wordpress.com/1999/11/30/ist-doch-alles-gut-gegangen/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a><img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=noeventhien.wordpress.com&amp;blog=10191259&amp;post=82&amp;subd=noeventhien&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em><strong>Die Magie der kleinen Dinge: Joseph Hellers ausgiebiger Rückblick &#8222;Einst und jetzt&#8220;</strong></em></p>
<p>Jeder kennt so einen Großvater, einen Onkel oder Nachbarn, der bei Beerdigungen, goldenen Hochzeiten oder einfach auf dem Hausflur ungefragt, doch höchst geduldig über die Spiele seiner Jugend, die Schule und den Krieg erzählt. Irgendwann sind dann diese Menschen nicht mehr da, und man fragt sich, ob man ihnen nicht besser hätte zuhören sollen. Joseph Heller ist noch da. Mit „Einst und jetzt“ hat er seine Erinnerungen vorgelegt.</p>
<p>Wo andere düstere Lebensbeichten ab­legen oder rücksichtslose Selbststilisierung betreiben, verfällt Heller in den gutgelaunten Plauderton des alten Mannes, der viel erlebt hat und froh ist, uns anvertrauen zu können: Ist doch alles gutgegangen! In Hellers Erinnerungen entfaltet sich eine schimmernde Nostalgie, wenn er seine Jugend in Coney Island beschreibt, dem einstigen Seebad und Rummelplatz New Yorks – ein Armenviertel zwar, doch zugleich ein wahrhaft magischer Ort. Denn wessen Traum wäre das nicht, eine Kindheit zwischen Schießbuden, Riesenrädern und Achterbahnen, der feine Sandstrand direkt vor der Tür?</p>
<p>Doch Coney Island verfällt mit den Jahren, die Vergnügungsparks schließen, die Millionen bunter Lämpchen verlöschen, und wie so viele Orte, von denen Heller noch erzählen wird, pendelt auch dieser zwischen Magie und Entzauberung. Ähnlich zwiespältig verhält es sich mit Hellers Bericht selbst, in dem wohlgelaunte, ja bisweilen rührende Detailstudien nahtlos übergehen in weitschweifige, unergiebige Sentimentalitäten. Fröhlich vor sich hin mäandernde Anekdötchen und Plattitüden formen sich zu einem wenig gegliederten, weitgehend assoziativ gestrickten Erinnerungsstrom, in dem drei aufeinander folgende Kapitel nicht von ungefähr mit den Überschriften „Wei­ter“, „Und immer weiter“ sowie „Und im­mer weiter und weiter“ versehen wurden.</p>
<p>Es mag ja sein, daß damals in den Dreißigern die besten Punchball-Bälle von der Firma Spaldeen hergestellt wurden. Vielleicht war der Luna Park ja wirklich besser als der Steeplechase Park, obwohl er früher plei­te ging, und „immer darauf zu achten, daß man einen reellen Gegenwert für sein Geld bekam“, ist gewiß kein schlechter Rat fürs weitere Leben. Ja, es war die Schechter-Hüh­ner­schlach­terei aus Coney Island, die gegen Roosevelts New Deal geklagt hat. Und richtig, einen Vorrat Aspirin kann man immer in der Tasche haben, „aber einen Friseur nicht“. Na sicher, schon klar&#8230;</p>
<p>Und kaum will man das Buch zuklappen, weil es nun langsam reicht, da gewinnt es an Fahrt. Heller erzählt von seinen Einsätzen als Bombenschütze gegen das Dritte Reich, seinem Literaturstudium, den Jobs in der Werbung. Bald werden einige seiner Erzählungen veröffentlicht.</p>
<p>Zwar erfahren wir immer noch mehr über Hellers Routen als junger Fahrradkurier in New York als über seine traumatischen Fliegereinsätze im Krieg. Aber wir verstehen auch, warum: Weil die Magie des Lebens für ihn in den kleinen Dingen liegt, nicht in den großen Katastrophen. Hier siegt die Altersweisheit über die Bitterkeit. „Fast ohne es zu bemerken, wuchsen wir heran«, heißt es am Anfang. „Vieles verwandelte sich grund­legend, aber in leisen Nuancen.“ Heller beschreibt nicht so sehr die grundlegenden Wandlungen, sondern widmet sich vor allem diesen Nuancen.</p>
<p>1961 ist so ein Wendepunkt: Hellers Debüt „Catch 22“ erscheint, eine wütende Abrechnung mit der Kriegsmaschinerie, die ihn zum Star macht. Seinen neugewonnen Ruhm allerdings illustriert er mit der genervten Behauptung seines sechsjährigen Sohnes: »Ich bin der, der das Buch geschrieben hat.« Nein, Wichtigtuerei ist Hellers Sache nicht.</p>
<p>Stattdessen erfahren wir, daß er von den ersten 250 Seiten des Romans fünfzig ersatzlos streichen konnte, „ohne daß damit an Handlung etwas verloren gegangen wäre.“ Schon als Stu­dent hatte er über seine Texte zu hören bekommen: „Ich würde zu lange für meinen Anfang brauchen, würde immer herumtrödeln und zögern“ ­– vielleicht eine „psy­cho­lo­gi­sche Schwäche, die angehalten hat.“</p>
<p>Von dieser Einsicht kann man auch die vorliegende Autobiographie nicht freisprechen, doch mittlerweile strebt sie ihrem Ende entgegen, und Heller ist in seinem Element. Er beschreibt seinen Kampf mit der allgegenwärtigen amerikanischen Psychoanalyse, zu deren ehrgeizigsten Patienten er gezählt haben muß. Seinem Analytiker meist einen Schritt voraus, bekennt er sich „eilig aller möglichen Defekte schuldig“ und bricht die Therapie schließlich ab. Die Antworten, die er wollte, hat er bekommen, das Honorar kann er sich sparen. Seine Schwäche, einen prägnanten Textanfang zu finden, charakterisiert er gar als seinen „analen Zug“.</p>
<p>Beim Abfassen seiner Erinnerungen erkennt Heller erstaunt, daß dieses Buch wie alle seine vorherigen Romane unbeabsichtigt, doch unausweichlich einem gemeinsamen Muster folgt: Die Schlußlösung ergibt sich immer aus dem Tod einer Nebenfigur im vorletzten Kapitel, in diesem Falle aus dem Tod seines Vaters, als Heller selbst fünf Jahre alt war. Heller folgert, Schriftsteller und Komponisten tendierten „zu einer größeren seriellen Ähnlichkeit, als wir wahrhaben wollen“. Die individuelle Persönlichkeit, „so proteushaft wandlungsfähig sie in ihrer Kreativität auch sein mag“, habe einen „ganz eigenen Charakter“ und könne „ihre Konstruktionen nur innerhalb der Umrisse ihrer eigenen Natur entwerfen“.</p>
<p>Das ist letztlich auch die Quintessenz von „Einst und jetzt“: Man kommt nicht aus seiner Haut. Jeder lebt sein Leben. Besser, man findet sich damit ab, nimmt sich nicht so wichtig, bleibt sich treu. In Hellers Erinnerungen geht es gar nicht so sehr um seine eigene Person. Die besten Passagen schildern die Welt um ihn herum. Deshalb ist der Ton so versöhnlich, trotz Krieg und schwerer Krank­heit. Es ist ja alles nicht zu ändern. Es ist ja alles gutgegangen.</p>
<p>Ja, Joseph Heller ist einer dieser berüchtigten alten Männer auf Familienfesten. Er erzählt viel, und vieles davon müssen wir nicht wissen. Und dennoch gibt es genug zu erfahren: Über Coney Island und New York, über das Schreiben, über sein Leben. Joseph Heller ist ein großzügiger Mann, der einen geduldigen Zuhörer belohnt.</p>
<p style="text-align:right;">JAN NOEVENTHIEN</p>
<p style="text-align:right;"><em><strong>Joseph Heller: „Einst und jetzt. Von Coney Island nach New York&#8220;</strong>. 315 Seiten, 44 DM</em></p>
<p style="text-align:right;"><em><span style="color:#333333;">veröffentlicht am 30.11.1999</span><br />
</em></p>
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		<title>Dieses Leben ist zu gut, um eine Wahl zu lassen</title>
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		<pubDate>Tue, 30 Nov 1999 09:00:15 +0000</pubDate>
		<dc:creator>noeventhien</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Literaturkritik]]></category>

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		<description><![CDATA[Das ausweglose, erschöpfte Glück: James Salters großer Roman &#8222;Lichtjahre&#8220; &#8222;Das Schöne schwindet, scheidet, flieht ― / fast tut es weh, wenn man es sieht&#8220;, hat Robert Gernhardt über das Vergängliche geschrieben. Dem Vollkommenen scheinen Scheitern und Verfall immer schon miteingeschrieben &#8230; <a href="http://noeventhien.wordpress.com/1999/11/30/unertragliches-gluck/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a><img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=noeventhien.wordpress.com&amp;blog=10191259&amp;post=169&amp;subd=noeventhien&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em><strong>Das ausweglose, erschöpfte Glück: James Salters großer Roman &#8222;Lichtjahre&#8220;</strong></em></p>
<p>&#8222;Das Schöne schwindet, scheidet, flieht ― / fast tut es weh, wenn man es sieht&#8220;, hat Robert Gernhardt über das Vergängliche geschrieben. Dem Vollkommenen scheinen Scheitern und Verfall immer schon miteingeschrieben zu sein. In seinem Roman &#8222;Lichtjahre&#8220; erzählt der große amerikanische Erzähler James Salter von einer augenscheinlich perfekten Familie, die schleichend und unaufhaltsam auseinanderfällt.</p>
<p>Viri und Nedra Berland, ein sensibiler Architekt und seine schöne, intelligente Frau, erleben wunderbare Jahre in einem wunderbaren Haus, das sich langsam mit kleinen, wunderbaren Dingen füllt. Es sind Jahre voller geistreicher Parties und Dinners mit alten Freunden, und durch den großen Garten am Fluß toben zwei außergewöhnliche Töchter.</p>
<p>Diese Jahre scheinen durchdrungen von Licht, von Wärme und milden Farben. Doch das Idyll wird zur Falle: Gerade weil es so vollkommen und harmonisch ist, erscheint es vollkommen ausweglos. Dieses Leben ist zu gut, um eine Wahl zu lassen. Es macht satt und seßhaft und unfrei.</p>
<p>&#8222;Ereignisse brauchen eine Einladung, Zerfall einen Anfang&#8220;, heißt es in Salters Bericht. Im Fall von Viri und Nedra scheint dieser Anfang bereits die Hochzeit gewesen zu sein. Damals, so erscheint es Viri mittlerweile, wurde Nedra von der begehrten Geliebten &#8222;zu seiner nächsten Verwandten. Sie verpflichtete sich seinen Interessen und widmete sich ihren eigenen. Die verzweifelte, unerträgliche Liebe verschwand, und an ihre Stelle trat eine junge Frau von zwanzig Jahren, die dazu verurteilt war, mit ihm zu leben.&#8220;</p>
<p>Überhaupt scheint das, was die Stärke der Familie ausmacht, zugleich ihr krisenhaftes Moment zu sein, wie Salter feststellt: &#8222;Es gibt Wärme in Familien, aber selten Freundschaft.&#8220; Es ist diese Wärme, die die Familie von innen faulen und modern läßt. Das ausweglose Glück weckt ungeahnte Sehnsüchte. Sie bleiben unaussprechbar, denn sie weisen über die Familie hinaus, und jeder bleibt mit ihnen allein. &#8222;Im Grunde gibt es, wie Viri sagt, zwei Arten von Leben. Es gibt das, von dem die Leute glauben, daß man es lebt, und es gibt das andere. Es ist dieses andere, das Probleme macht, dasjenige, das wir gerne zu Gesicht bekommen würden.&#8220;</p>
<p>Viri träumt von Dingen, &#8222;die sich, befürchtete er, nie erfüllen würden. Er wog sein Leben oft ab. Aber er war noch jung, die Jahre erstreckten sich vor ihm wie endlose Ebenen.&#8220; Nedra erlebt insgemeim den gleichen Zwiespalt. Sie fühlt sich zerrieben &#8222;zwischen dem, was man nicht tun kann, und dem, was man tun muß. Man wird zu Staub.&#8220;</p>
<p>Vor diesem Hintergrund wird Zeit zum Feind und Alter, diese &#8222;Anarchie der Zellen&#8220;, zur Bedrohung, weil jeder dieser schönen Tage nur ein weiterer verlorener sein kann. Nach dem Tod ihres Vaters, der von Salter so nüchtern wie unumstößlich als Wendepunkt inszeniert wird, entscheidet sich Nedra gegen die Familie und für die Freiheit. &#8222;Die Freiheit, die sie meinte, bedeutete Selbstüberwindung. Es war kein natürlicher Zustand. Er war nur für jene bestimmt, die alles dafür aufs Spiel setzen, die wußten, daß das Leben ohne Selbstüberwindung nur ein Fressen war, bis einem die Zähne ausfallen.&#8220;</p>
<p>Die Kinder sind erwachsen geworden, man schlägt getrennte Wege ein. Doch auch die neue Freiheit bringt kein Glück, die ebenso schönen wie unmöglichen &#8222;Lichtjahre&#8220; bleiben der unauslöschliche Fluchtpunkt, auf den alle neuerlichen Bewegungen zurückweisen. Das Idyll wird von der Falle zum Fluch.</p>
<p>Mit den &#8222;Lichtjahren&#8220;, die 1975 erschienen sind und vom Berlin-Verlag in diesem Jahr in ausgezeichneter Übersetzung erstmals auf den deutschen Markt gebracht wurden, erweist sich Salter als großer Stilist und Erzähler, als wahrer Meister des Stimmungsspiels, des Atmosphärischen. Assoziativ und andeutungsreich, als wolle er dem Baustellencharakter des Lebens eine Form geben, seziert er das erschöpfte Glück. Mit luzider Beobachtungsgabe offenbart er eine Fülle verräterischer Details, die Schicht für Schicht den verborgenen Selbstzerstörungsmechanismus des Idylls zutagetreten lassen, während im Rhythmus ebenso karger wie poetischer Sätze das Leben als ein langer, ruhiger Fluß erscheint.</p>
<p>Man darf allerdings nicht verschweigen, daß Salter ein ums andere Mal allzu hart an der Kitschgrenze entlangpilchert. Nahezu obsessiv entwirft er immer neue Idyllenbilder, um sie dann sogleich mit unheilvollem Raunen, Zweifelsträumen und Todesahnungen wieder infragezustellen. Sein Stil ist weithin brillant, doch das Prinzip bald ausgereizt.</p>
<p>Und dennoch gelingt Salter die eindrucksvolle Beschreibung einer Dialektik des Glücks. Je näher man ein Wort anschaut, hat Alexander Kluge gesagt, desto ferner schaut es zurück. Mit der Suche nach dem Glück scheint es hier nicht anders zu sein. Viri und Nedra flüchten mal zueinander, mal voreinander, sie erleben Treue und suchen Affären, doch bleibt ihnen nichts als jene Heimatlosigkeit, wie Baudelaire sie beschrieb: Immer nur dort glücklich zu sein, wo man nicht ist.</p>
<p style="text-align:right;">JAN NOEVENTHIEN (veröffentlicht am 30.11.1999)</p>
<p><strong>James Salter: &#8222;Lichtjahre&#8220;. </strong>Aus dem Amerikanischen von Beatrice Howeg. Berlin Verlag. 392 Seiten, 39,80 Mark.</p>
<br /><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/categories/noeventhien.wordpress.com/169/" /> <img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/tags/noeventhien.wordpress.com/169/" /> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gocomments/noeventhien.wordpress.com/169/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/comments/noeventhien.wordpress.com/169/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godelicious/noeventhien.wordpress.com/169/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/delicious/noeventhien.wordpress.com/169/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gofacebook/noeventhien.wordpress.com/169/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/facebook/noeventhien.wordpress.com/169/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gotwitter/noeventhien.wordpress.com/169/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/twitter/noeventhien.wordpress.com/169/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gostumble/noeventhien.wordpress.com/169/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/stumble/noeventhien.wordpress.com/169/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godigg/noeventhien.wordpress.com/169/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/digg/noeventhien.wordpress.com/169/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/goreddit/noeventhien.wordpress.com/169/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/reddit/noeventhien.wordpress.com/169/" /></a> <img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=noeventhien.wordpress.com&amp;blog=10191259&amp;post=169&amp;subd=noeventhien&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></content:encoded>
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		<title>Die üblichen Verdächtigen</title>
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		<pubDate>Sat, 17 Jul 1999 09:00:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>noeventhien</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Literaturkritik]]></category>

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		<description><![CDATA[Im Bett mit Marilyn Monroe, auf Toilette mit John F. Kennedy und einen trinken mit Jack Kerouac &#8211; der Gedanke, der Don Winslows Kriminalkolportage &#8222;Manhattan Blues&#8220; zugrund liegt, ist denkbar einfach: Er lässt eine Reihe prominenter Zeitgenossen des Jahres 1958 &#8230; <a href="http://noeventhien.wordpress.com/1999/07/17/die-ublichen-verdachtigen/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a><img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=noeventhien.wordpress.com&amp;blog=10191259&amp;post=137&amp;subd=noeventhien&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Im Bett mit Marilyn Monroe, auf Toilette mit John F. Kennedy und einen trinken mit Jack Kerouac &#8211; der Gedanke, der Don Winslows Kriminalkolportage &#8222;Manhattan Blues&#8220; zugrund liegt, ist denkbar einfach: Er lässt eine Reihe prominenter Zeitgenossen des Jahres 1958 mal mehr, mal weniger verfremdet durch eine fiktive Krimihandlung stapfen und sieht zu, was so passiert.</p>
<p>Es passiert natürlich so einiges. Von der CIA über das FBI bis zum unvermeidlichen KGB sind alle üblichen Verdächtigen vertreten, ferner ein Haufen Beat-Autoren, die Homosexuellenszene und die Jazz-Boheme Manhattans, deutsche Zuhälter, irische Schläger, und sogar die New York Giants &#8211; nur auf den Auftritt von James Bond wird man vergebens warten.</p>
<p>Die illustre Besetzung kann nicht darüber hinwegtäuschen: Was wie ein Schlüsselroman daherkommt, ist eher ein Schlüssellochroman, denn Winslow hat eine bestenfalls konventionelle Krimigechichte mit einem Haufen derart wilder Spekulationen zusammengeschemelt, daß seine prominenten Protagonisten allenfalls auf einschlägiges B-Movie-Format eingedampft werden.</p>
<p>Dabei gelingen Winslow mitunter wunderbare Stadtbeschreibungen, wenn er seinen Helden, den Privatdetektiv und Ex-Agenten Walter Withers durch die Straßen von Manhattan treiben läßt. Doch sobald nur etwas Handlung hereinbricht, ist alles verloren. Und leider gibt es viel zu viel davon. Dann sagen grobgeschnitzte Charaktere klischeedurchsottene Dialoge auf, daß man meint, eine schlechte Drehbuchadaption vor sich zu haben. Die Hauptfigur mutet an, als hätte man James Stewart als Sam Spade besetzt. Mit anderen Worten: Das Desaster lässt sich bald erahnen, doch niemand tut etwas dagegen.</p>
<p>Am wenigsten der Autor selbst. Das Vergnügen an einem Satz liege &#8222;letztlich nicht beim Hörer, sondern beim Sprecher&#8220;, schreibt Winslow nahezu programmatisch für alles folgende in den &#8222;Prolog&#8220; seines Werks. Woraus man die leise Hoffnung ableiten kann, daß bei diesem Unternehmen zumindest der Autor mehr Spaß gehabt haben könnte als der Leser.</p>
<p style="text-align:right;">JAN NOEVENTHIEN</p>
<p style="text-align:right;"><strong>Don Winslow: &#8222;Manhattan Blues&#8220;. </strong>Piper. 375 Seiten, 39,80 DM</p>
<p style="text-align:right;">veröffentlicht am 17. Juli 1999</p>
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		<title>Was rührt sich da im Dunkel?</title>
		<link>http://noeventhien.wordpress.com/1998/01/10/was-ruhrt-sich-da-im-dunkel/</link>
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		<pubDate>Sat, 10 Jan 1998 09:00:47 +0000</pubDate>
		<dc:creator>noeventhien</dc:creator>
				<category><![CDATA[Feuilleton]]></category>
		<category><![CDATA[Literaturkritik]]></category>

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		<description><![CDATA[Es kann ganz schön unheimlich sein, nachts allein in einem großen, dunklen Haus. Die seltsamsten Dinge hört man sich rühren, und wenn man nur lang genug ins Dunkel starrt, starrt schon bald etwas zurück. Während die Lokalzeitungen von den Untaten &#8230; <a href="http://noeventhien.wordpress.com/1998/01/10/was-ruhrt-sich-da-im-dunkel/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a><img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=noeventhien.wordpress.com&amp;blog=10191259&amp;post=132&amp;subd=noeventhien&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Es kann ganz schön unheimlich sein, nachts allein in einem großen, dunklen Haus. Die seltsamsten Dinge hört man sich rühren, und wenn man nur lang genug ins Dunkel starrt, starrt schon bald etwas zurück.</p>
<p>Während die Lokalzeitungen von den Untaten eines Hammermörders berichten, arbeitet die Übersetzerin Elizabeth Skvorecky an der englischen Ausgabe eines Thrillers der hartgesottenen Sorte. Daß die Angst sich zu einer Krankheit auswachsen könne, heißt es da, daß sie &#8222;Körper und Geist gleichermaßen befiel und an den Nervenenden nagte, bis sie bloßlagen.&#8220;</p>
<p>Mit der Zeit mehren sich mysteriöse Anzeichen dafür, daß sich ein Unbekannter regelmäßig Zutritt zu Elizabeths Haus verschafft, in dem sie seit der Trennung von ihrem Freund allein lebt. Während sich ein nervenzermürbender Psychokrieg entwickelt, weicht Elizabeth in ihrer Übersetzung &#8211; der nahe Abgabetermin läßt trotz aller Belastung keinen Aufschub zu &#8211; immer weiter von der Romanvorlage ab und offenbart in diesen Passagen mehr über das zerstörerische Ausmaß ihrer eigenen Angst, als sie sich selbst eingestehen will.</p>
<p>So rücksichtslos, wie der unbekannte Eindringling die Heldin des Romans terrorisiert, so raffiniert spielt auch die Autorin Sarah Dunant in ihrem Debüt &#8222;Nachts sind alle Katzen grau&#8220; mit den Nerven ihrer Leser. Die Angstszenarien Elizabeths werden gekonnt verwoben mit ihren ebenso klugen wie amüsanten Gedanken über das Leben und Lieben in der Midlife-Krise.</p>
<p>Die Parallelmontage mit der fiktiven Krimi-Übersetzung sorgt für verzögernde Momente, ohne dem Leser wirklich eine Atempause zu gönnen, und eröffnet zugleich und sozusagen am lebenden Objekt allerlei Einsichten über das Wesen und Wirken eines Thrillers. Und wenn man dann, spät in der Nacht, das Buch endlich zugeklappt hat, sind die seltsamen Geräusche im Dunkel alle noch da.</p>
<p style="text-align:right;">JAN NOEVENTHIEN, 10. Januar 1998</p>
<p><strong>Sarah Dunant: &#8222;Nachts sind alle Kater grau&#8220;. </strong>Blessing, 318 Seiten, 39,80 DM.</p>
<br /><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/categories/noeventhien.wordpress.com/132/" /> <img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/tags/noeventhien.wordpress.com/132/" /> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gocomments/noeventhien.wordpress.com/132/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/comments/noeventhien.wordpress.com/132/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godelicious/noeventhien.wordpress.com/132/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/delicious/noeventhien.wordpress.com/132/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gofacebook/noeventhien.wordpress.com/132/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/facebook/noeventhien.wordpress.com/132/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gotwitter/noeventhien.wordpress.com/132/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/twitter/noeventhien.wordpress.com/132/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gostumble/noeventhien.wordpress.com/132/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/stumble/noeventhien.wordpress.com/132/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godigg/noeventhien.wordpress.com/132/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/digg/noeventhien.wordpress.com/132/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/goreddit/noeventhien.wordpress.com/132/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/reddit/noeventhien.wordpress.com/132/" /></a> <img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=noeventhien.wordpress.com&amp;blog=10191259&amp;post=132&amp;subd=noeventhien&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></content:encoded>
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		<title>Mit dem Güterwagen verheiratet</title>
		<link>http://noeventhien.wordpress.com/1997/11/13/mit-dem-guterwagen-verheiratet/</link>
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		<pubDate>Thu, 13 Nov 1997 09:00:27 +0000</pubDate>
		<dc:creator>noeventhien</dc:creator>
				<category><![CDATA[Feuilleton]]></category>
		<category><![CDATA[Literaturkritik]]></category>

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		<description><![CDATA[„Die Reichen können Globetrotter wer­­den, aber wer kein Geld hat, wird Hobo.“ Hun­dertausende Männer und Frauen ziehen Anfang des Jahrhunderts kreuz und quer durch Amerika, als Schwarzfahrer und per Anhalter, auf der Suche nach Arbeit oder aus reiner Abenteuerlust: Hobos &#8230; <a href="http://noeventhien.wordpress.com/1997/11/13/mit-dem-guterwagen-verheiratet/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a><img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=noeventhien.wordpress.com&amp;blog=10191259&amp;post=93&amp;subd=noeventhien&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>„Die Reichen können Globetrotter wer­­den, aber wer kein Geld hat, wird Hobo.“ Hun­dertausende Männer und Frauen ziehen Anfang des Jahrhunderts kreuz und quer durch Amerika, als Schwarzfahrer und per Anhalter, auf der Suche nach Arbeit oder aus reiner Abenteuerlust: Hobos und Tramps, Tagelöhner und Landstreicher, die die Armut ebenso treibt wie die Angst vor der Seßhaftigkeit und der Anpas­sung, die ein seßhaftes Leben bedeutet.</p>
<p>Bertha Thompson ist Hobo-Kind, ein Pro­dukt der freien Liebe in den Nachtlagern der Reisenden. Als Sechzehnjährige be­fällt sie selbst die Sehnsucht nach dem no­madischen Leben in Güterzügen und Not­herbergen, und so macht sie sich mit den besten Wünschen ihrer Mutter auf den Weg, um für die nächsten fünfzehn Jah­re Amerika auf eigene Faust kennenzu­lernen. Ihre Erinnerungen hat sie Ben L. Reitman erzählt, dem berühmten „An­ar­chistenarzt“, der daraus den bewegenden Bericht „Boxcar Bertha“ gemacht hat.</p>
<p>Mal schließt sich Bertha einer Diebesban­de an, mal arbeitet sie als Prostituierte. Sie engagiert sich in sozialistischen und an­archistischen Gruppen und kämpft für die Einrichtung von Hobo-Colleges und Tram­perherbergen. Doch lange hält sie es nir­­gendwo aus: „Irgend etwas in meinem In­neren stachelt mich ständig auf, und nur wenn ich unterwegs bin, ist es befriedigt. Ar­beit, Liebhaber, ein Kind &#8211; alles das kommt offenbar nicht gegen meine Wander­lust an.“ Bertha kommt es vor, als sei sie „mit dem Güterwagen verheiratet.“</p>
<p>Ihre Autobiographie ist voller spannender Geschichten und schillernder Persönlich­keiten, allerdings mit einer gehörigen Por­tion Pathos dargeboten. In das ungewöhn­liches Nebeneinander von romantische Verklärung und eingestreuten Statisti­ken schleicht sich immer wieder eine Rhe­torik der nachholenden Rechtfertigung, doch auch dies macht „Boxcar Ber­tha“ zu einem aufschlußreichen Dokument einer bewegten Zeit.</p>
<p style="text-align:right;"><em>von</em> JAN NOEVENTHIEN</p>
<p><strong>Ben L. Reitman: „Boxcar Bertha. Ei­ne Autobiographie“</strong>. rororo. 295 Sei­­ten, 14,90 DM</p>
<br /><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/categories/noeventhien.wordpress.com/93/" /> <img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/tags/noeventhien.wordpress.com/93/" /> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gocomments/noeventhien.wordpress.com/93/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/comments/noeventhien.wordpress.com/93/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godelicious/noeventhien.wordpress.com/93/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/delicious/noeventhien.wordpress.com/93/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gofacebook/noeventhien.wordpress.com/93/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/facebook/noeventhien.wordpress.com/93/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gotwitter/noeventhien.wordpress.com/93/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/twitter/noeventhien.wordpress.com/93/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gostumble/noeventhien.wordpress.com/93/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/stumble/noeventhien.wordpress.com/93/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godigg/noeventhien.wordpress.com/93/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/digg/noeventhien.wordpress.com/93/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/goreddit/noeventhien.wordpress.com/93/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/reddit/noeventhien.wordpress.com/93/" /></a> <img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=noeventhien.wordpress.com&amp;blog=10191259&amp;post=93&amp;subd=noeventhien&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></content:encoded>
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		<title>Nutznießer der Scheinheiligen</title>
		<link>http://noeventhien.wordpress.com/1997/08/09/nutznieser-der-scheinheiligen/</link>
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		<pubDate>Sat, 09 Aug 1997 09:00:17 +0000</pubDate>
		<dc:creator>noeventhien</dc:creator>
				<category><![CDATA[Feuilleton]]></category>
		<category><![CDATA[Literaturkritik]]></category>

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		<description><![CDATA[Laurence Bergreens Al-Capone-Biographie Mit 21 Jahren hat Alphonse Capone die wichtigsten Voraussetzungen für seine Karriere geschaffen: Er ist ein so­lider Buchhalter, und er hat schon einen Mann getötet. Als ein befreun­deter Gangster dem jungen Mann 1921 das Angebot macht, in &#8230; <a href="http://noeventhien.wordpress.com/1997/08/09/nutznieser-der-scheinheiligen/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a><img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=noeventhien.wordpress.com&amp;blog=10191259&amp;post=77&amp;subd=noeventhien&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em><strong>Laurence Bergreens Al-Capone-Biographie</strong></em></p>
<p>Mit 21 Jahren hat Alphonse Capone die wichtigsten Voraussetzungen für seine Karriere geschaffen: Er ist ein so­lider Buchhalter, und er hat schon einen Mann getötet. Als ein befreun­deter Gangster dem jungen Mann 1921 das Angebot macht, in Chicago gemeinsam eine Al­kohol­schmugglerbande aufzubauen, zö­gert er nicht lange. Die Prohibition, das staatliche Alkoholverbot, verspricht ge­waltige Gewinne, und tatsächlich ent­wickelt sich das gemeinsame Unter­nehmen schon bald zu einem Konzern mit Millionenumsatz.</p>
<p>Den rasanten Aufstieg „Al“ Capones vom Sohn armer italienischer Einwan­derer zu einem der mächtigsten Männer seiner Zeit erzählt der amerikanische Journalist Laurence Bergreen in einer ebenso faktenreichen wie unterhaltsa­men Biographie. Was sich zu­nächst wie eine Erfolgsgeschichte liest, endet in der „Irrenzelle“ des Staatsge­fängnisses Alcatraz, wo sich Capone und seine Mitgefangenen mit Fäkalien bewerfen.</p>
<p>Bergreen tut gut daran, sich nicht allzu sehr auf eine „Beweisaufnahme“ gegen die Person Capone zu beschränken. Er rekonstruiert zugleich dessen Umfeld: Gegner und Komplizen, Politik und Rechtsstaat im Chicago der zwanziger und dreißiger Jahre, Amerika und seinem kriminellen Mikrokosmos.</p>
<p>Zu jener Zeit erlebt die Unterwelt in den Großstädten einen Umbruch. Die Gangster beginnen, sich zu verbünden und ihre Machen­schaften vor allem als Geschäft zu be­trachten. Die organisierte Form des Verbrechens verspricht mehr Rendite, mehr Sicherheit und mehr Macht. Eine der treibenden Kräfte dieser Professionalisierung ist Al Capone. Seine Organisation bedient bald alle verbotenen Bedürfnisse: Glücksspiel, Prostitution, Schwarzbrennerei und den Betrieb von illegalen Kneipen und Bars.</p>
<p>Die rapide steigenden Gewinne führen jedoch bald zu Verteilungskämpfen. Während auf offener Straße ein blutiger Bandenkrieg tobt, bemüht sich Capone gegenüber der Öffentlichkeit um eine ehrenwerte Fassade. Er stiftet Sup­penküchen für Obdachlose, verteilt großzügig Geschenke und Trinkgelder und legt größten Wert darauf, verschie­dene „Gerüchte“ über seine Geschäfte höchstpersönlich in der Presse zu de­mentieren. Tatsächlich konnten weder Capone noch seine Komplizen jemals eines Kapitalverbrechens angeklagt werden. Sie alle wurden erst nach langen Jahren ihres blutigen Wirkens verurteilt, weil sie es ironi­scherweise versäumt hatten, ihr krimi­nelles Einkommen ordnungsgemäß zu versteuern.</p>
<p>Bergreens Recherche för­dert viele bislang unbekannte Details zutage. Die bedeutendste Entdeckung ist dabei wohl die Infizierung Capones mit der Neurosyphilis. Diese Krankheit, die schleichend das Nervensystem be­fällt und ihr Opfer extremen Persön­lichkeitsschwan­kungen unterwirft, hatte sich Capone als junger Mann zugezo­gen. Der Größenwahn, mit dem er seine Geschäfte zunehmend zu führen schien, bekommt vor diesem Hintergrund eine neue Dimension.</p>
<p>Die Krankheit mag nun die ausufernde Gewalttätigkeit Capones be­gründen, als Erklärung für seine bei­spiellose Kar­riere genügt sie nicht. Ca­pone war nicht zuletzt ein gewitzter Nutznießer einer scheinheiligen Gesell­schaft, die seine Bestechungsgelder ebenso gern annahm wie seinen Alko­hol. Die gleichen Leute, die ihn zum „Staats­feind Nr. 1“ erklärten, er­möglichten ihm letztlich erst durch die Prohibition die enormen Umsätze, mit denen er schließlich ganze Polizeire­viere und sogar Bürgermeisterwahlen kaufen konnte.</p>
<p>Bergreen gelingt es, seiner Capone-Biographie historische und gesellschaft­liche Tiefenschärfe zu geben, doch manchmal übermannt ihn auch die Liebe zum Detail. Dann kapituliert er vor der Macht des Anekdotischen und erweist sich als veri­table Plaudertasche, wenn er seine Stu­die mit bunten Szenenbeschreibungen und kaum be­legba­ren Dialogen auflockert. Vielleicht hatte er beim Schreiben ja schon den Verkauf der Drehbuchrechte im Kopf, vielleicht ist er auch dem Faszinosum Capone ebenso erlegen wie schon dessen Zeitgenossen. Dem Leser wird es dafür nicht anders ergehen: Bergreens Bio­graphie ist ein beeindruckendes, pac­kendes Stück Zeitgeschichte.</p>
<p style="text-align:right;">von JAN NOEVENTHIEN</p>
<p><strong>Laurence Bergreen: „Al Capone. Ein amerikanischer Mythos“.</strong> Herbig. 495 Seiten, 58 DM.</p>
<br /><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/categories/noeventhien.wordpress.com/77/" /> <img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/tags/noeventhien.wordpress.com/77/" /> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gocomments/noeventhien.wordpress.com/77/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/comments/noeventhien.wordpress.com/77/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godelicious/noeventhien.wordpress.com/77/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/delicious/noeventhien.wordpress.com/77/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gofacebook/noeventhien.wordpress.com/77/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/facebook/noeventhien.wordpress.com/77/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gotwitter/noeventhien.wordpress.com/77/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/twitter/noeventhien.wordpress.com/77/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gostumble/noeventhien.wordpress.com/77/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/stumble/noeventhien.wordpress.com/77/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godigg/noeventhien.wordpress.com/77/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/digg/noeventhien.wordpress.com/77/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/goreddit/noeventhien.wordpress.com/77/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/reddit/noeventhien.wordpress.com/77/" /></a> <img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=noeventhien.wordpress.com&amp;blog=10191259&amp;post=77&amp;subd=noeventhien&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></content:encoded>
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		<title>Die Wüste lebt</title>
		<link>http://noeventhien.wordpress.com/1997/05/24/die-wuste-lebt/</link>
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		<pubDate>Sat, 24 May 1997 09:00:57 +0000</pubDate>
		<dc:creator>noeventhien</dc:creator>
				<category><![CDATA[Feuilleton]]></category>
		<category><![CDATA[Literaturkritik]]></category>

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		<description><![CDATA[Cormac McCarthys &#8222;Die Abendröte im Westen&#8220; Daß er sich in seinen Büchern bloß an »Hack-, Schiltz- und Schneideszenen« ergötze, wurde William Faulkner einmal von Wyndham Lewis vorgeworfen. Cormac McCar­thy, den sie in Amerika »den legitimen Erben« Faul­k­ners nennen, hat mit &#8230; <a href="http://noeventhien.wordpress.com/1997/05/24/die-wuste-lebt/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a><img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=noeventhien.wordpress.com&amp;blog=10191259&amp;post=87&amp;subd=noeventhien&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em><strong>Cormac McCarthys &#8222;Die Abendröte im Westen&#8220;</strong></em></p>
<p>Daß er sich in seinen Büchern bloß an »Hack-, Schiltz- und Schneideszenen« ergötze, wurde William Faulkner einmal von Wyndham Lewis vorgeworfen. Cormac McCar­thy, den sie in Amerika »den legitimen Erben« Faul­k­ners nennen, hat mit seinem imposanten Frühwerk »Die Abendröte im We­sten«, das nun bei Rowohlt erschienen ist, einen Roman geschrieben, dessen Inhalt sich treffender kaum beschreiben läßt.</p>
<p>1849, nach dem Mexikanischen Krieg, schlägt sich eine Gruppe amerikanischer Despe­rados durch die »weite, blut­getränkte Wüste« der mexika­nischen Prärie. Sie verdingen sich als Skalpjäger, ein Trupp »wie aus dem nackten Fels ge­triebene We­sen, namenlos und an sich selbst gefesselt dazu be­stimmt, gorgonenhaft raub­gie­rig, verloren und stumm durch die schaurigen Wüsten Gondwa­nas zu streifen in ei­ner Zeit, als es noch keine Namen gab und jedes gleich alles war.«</p>
<p>Die Landschaften Mexikos, die diese finstere Prozession durchstreift, beschreibt McCarthy mit einer mächtigen, überwältigen­den Prosa. »Die Wüste, in der so viele zugrunde gegangen sind, ist weit und verlangt nach einer weiten Seele; zu­gleich aber ist sie unendlich leer. Sie ist rauh, sie ist kahl.« McCarthy hat diese weite Seele. Die Prärie be­schwört er sie mit einer Intensität, als ob sie, dem Unter­gang geweiht, nur in seiner Sprache fortleben könnte. Die Wüste lebt.</p>
<p>Doch vieles, was lebt, machen McCarthys Helden wieder zunichte. Die Sonne macht keinen Unterschied zwischen den Menschen und den Tieren, die sie quält, so lassen auch die Männer bald alle menschlichen Skrupel fallen. Was nicht Wüste ist, muß verwüstet werden. Grimmig schildert der Autor ihren bluttriefenden Feldzug, eine endlose Folge besinnungsloser Massaker.</p>
<p>»Krieg gab es zu allen Zei­ten. Er hat auf den Menschen gewartet, noch ehe dieser in Erscheinung trat«, erklärt der Anführerer der Bande, ein Richter namens Holden, der allerdings eher ein Teufel zu sein scheint. »Krieg ist Gott«, verkündet er sein Credo.</p>
<p>»Das Gesetz der Moral« hat in dieser Religion keinen Platz, es diene bloß dazu, »die Starken zugunsten der Schwa­chen herabzuwürdigen. Das Ge­setz der Geschichte unter­gräbt es bei jeder Gelegen­heit.« Kein Zweifel, nur die­ses Gesetz vollzieht der Richter, denn »wenn Gott die Entartung der Menschheit auf­halten wollte, hätte er es nicht längst getan?«</p>
<p>So gerät die Gewalt den Männern zur bloßen, dumpfen Existenzbestätigung, das Gesetz des Tötens erhebt sich zu einem absurden kategorischen Imperativ. Das alles ist verstörend, obszön &#8211; und vollends realistisch: Kann die Erobe­rung eines ganzen Kontinents je anders von­statten gegangen sein als in einer solchen Or­gie der Bru­talität?</p>
<p>Es ist sicher nicht John Waynes Version der amerikani­schen Geschichte, die McCar­thy hier geschrieben hat, und die Landschaft ist nicht ganz dieselbe wie in der Zigaret­tenwerbung. Die Geschichte jener »Geisterreiter, fahl vom Staub« ist ein drasti­scher, schonungsloser Wider­spruch gegen die Mythi­sierung und Verklä­rung des »Wilden Westens« durch die Traumindu­strie Holly­woods. McCarthy erweckt die andere, blut­klamme Seite des amerikani­schen Traumes zum Leben.</p>
<p>»Die Abendröte im Westen« ist, wie die Männer, von denen es handelt, ein Buch bar jeder Sentimentalität und so un­gastlich wie die Prärie, die sie durchreiten. Und anders als Faulkner, der der Geschichte im Bewußtsein der Protagoni­sten nachspürte, bleibt McCarthy durchgehend ein di­stanzierter Beobachter, der die Geschichte einpräg­sam, doch sachlich, von einem äußeren Standort aus erzählt.</p>
<p>Es ist bei­leibe kein Vergnü­gen, an der Reise dieser hoffnungslo­sen Reiter teilzu­nehmen. Bald gerät die Lektüre zur bloßen Strapaze, aber Strapazen sind es, von denen das Buch handelt: Immer neue Berge und Täler, die in sengender Hitze durchzogen, immer neue Dörfer, deren Bewohner in ungebremsten Blutrausch hingemetzelt werden. Man fühlt sich schmutzig und betäubt nach diesem Buch, besudelt von einem gewaltigen Ereignis. Man ist zum Zeugen geworden von etwas, das man lieber nicht gesehen hätte, doch der Blick ließ sich nicht wenden.</p>
<p style="text-align:right;"><em>von</em> JAN NOEVENTHIEN<strong><br />
</strong></p>
<p><strong>Cormac McCarthy: Die Abend­röte im Westen. </strong>Rowohlt. 374 Seiten. 45 Mark</p>
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		<title>Stolz auf dem Schmutz</title>
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		<pubDate>Sat, 03 May 1997 09:00:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>noeventhien</dc:creator>
				<category><![CDATA[Feuilleton]]></category>
		<category><![CDATA[Literaturkritik]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Liebe in den Zeiten der Prostata: Philip Roths Roman &#8222;Sabaths Theater&#8220; Als Morris Sabbath, genannt Mickey, nach fast einem halben Jahrhundert erstmals wieder in seine Heimatstadt an der amerikanischen Atlantikküste zurückkehrt, um sich im Alter von vierundsechzig Jahren das &#8230; <a href="http://noeventhien.wordpress.com/1997/05/03/stolz-auf-dem-schmutz/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a><img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=noeventhien.wordpress.com&amp;blog=10191259&amp;post=127&amp;subd=noeventhien&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em><strong>Die Liebe in den Zeiten der Prostata: Philip Roths Roman &#8222;Sabaths Theater&#8220;</strong></em></p>
<p>Als Morris Sabbath, genannt Mickey, nach fast einem halben Jahrhundert erstmals wieder in seine Heimatstadt an der amerikanischen Atlantikküste zurückkehrt, um sich im Alter von vierundsechzig Jahren das Leben zu nehmen, besucht er ein letztes Mal den alten jüdischen Friedhof, auf dem seine Familie begraben liegt. Seinen eigenen Platz im Familiengrab findet er mittlerweile von einer entfernten Tante aus der Bronx besetzt. In diesem Moment ist er der einsamste Mensch, den man  sich vorstellen kann.</p>
<p>Die Szene auf dem Friedhof ist ein Höhepunkt in Philip Roths neuem Roman &#8222;Sabbaths Theater&#8220;. Die seltsame Verwandtschaft der Tragik mit der Komik findet sich in dieser retrospektiv angelegten Lebensgeschichte auf das Vortrefflichste beschrieben. Sein Leben lang war Mickey Sabbath ein Versager, und schließlich will ihm noch nicht einmal der Selbstmord gelingen. Dieser letzte Akt, von dem er sich noch einen letzten Rest Würde erhofft hatte, verwandelt sich unversehens in einen Teil jener Schmierenkomödie, die sein Leben letztlich immer war.</p>
<p>Aber nicht, wie die Geschichte enden, ob Sabbath sich wirklich umbringen wird, ist die eigentliche Frage des Romans. Sondern wie diese Geschichte eigentlich begonnen hat, wie Sabbath auf diesen Friedhof gelangt ist, von allen Freunden und Geliebten verlassen, mit nichts als dem Geld in der Tasche, das er der Frau seines letzten Freundes Norman gestohlen hat, nachdem auch der ihm den Rücken gekehrt hatte.</p>
<p>Diese Vor-Geschichte legt Roth Schicht für Schicht offen. Die Schmerzen der Gegenwart sind es, die Sabbath immer wieder an die Schmerzen der Vergangenheit erinnern. Souverän läßt Roth den tragischen Helden durch seine Erinnerungen reisen, bis diese mit der Gegenwart zu verschmelzen scheinen und erst so das ganze Ausmaß seines Scheiterns offenbaren.</p>
<p>Mit dem Tod seines geliebten Bruders Morton verliert der pubertierende Mickey jeden Halt. Er geht zur See und verkehrt in den Bordellen der Welt. Schließlich wendet er sich der Kunst zu, gründet in New York &#8222;Sabbaths unzüchtiges Theater&#8220; und spielt auf der Straße Puppentheater für Erwachsene. Später wird sich Jim Henson, der Vater der Muppets und der Sesamstraße, vergeblich darum bemühen, Sabbath für die Rolle des Bibo zu gewinnen.</p>
<p>&#8222;Puppen können fliegen, schweben, kreiseln, nur Menschen und Marionetten müssen sich aufs Laufen und Gehen beschränken.&#8220; Beschränkung ist aber nicht die Kunst des Mickey Sabbath, und so versucht er ein Leben zu führen wie seine Puppen: ein unmögliches Leben ohne die Schwerkraft, die all die Regeln und Konventionen gemeinhin ausüben, ein fliegendes, schwebendes Leben, das die bürgerlichen Marionetten vor den Kopf stößt &#8211; besonders darauf legt er größten Wert.</p>
<p>Doch die Arthritis bereitet dem alternden Puppenspieler ein doppeltes Ende: Nicht nur muss er seine Kunst aufgeben; ohne diese Kunst holt ihn die weltliche Schwerkraft auf den Boden der Tatsachen zurück, und sein Leben der Ausschweifung und Provokation gerät zum Scherbenhaufen.</p>
<p>Sein weiterhin ungebremstes sexuelles Verlangen, die Liebe in den Zeiten der Prostata kostet ihn seine zweite Existenz: Einen Lehrauftrag, den Sabbath nach seinem künstlerischen Aus erhalten hatte, verliert er wegen einer Affäre mit einer Studentin, die sich zum handfesten öffentlichen Skandal auswächst. Sabbaths alkoholkranke Frau wird nach einem Zusammenbruch in die Nervenheilanstalt eingewiesen und seine Geliebte Drenka erliegt dem Krebs. Nun beginnt der Absturz, der Sabbath tagsüber bald in der U-Bahn betteln und nachts das Grab der Geliebten schänden lässt.</p>
<p>Sabbaths &#8222;despotischer Narzißmus&#8220;, seine &#8222;sardonische Intelligenz&#8220; sind mehr, als die Menschen um ihn herum ertragen können: &#8222;Sabbath liegt nichts daran, Menschen mehr leiden zu lassen, als er sie leiden lassen wollte; er wollte sie auf keinen Fall mehr leiden lassen, als es zu seinem Wohlbefinden nötig war.&#8220; Doch diese merkwürdige Form der Rücksichtnahme dankt ihm niemand. Jetzt, so sagt ihm Norman beim letzten Abschied, fahre er die einsame Ernte seines zügellosen Lebens ein. Zuvor hat  Sabbath sich vor Normans Frau entblößt und die Unterwäsche seiner Tochter mitgehen lassen.</p>
<p>Wenn man Philip Roths großartigen Roman liest, mag man mitunter kaum glauben, daß ein Mann immer noch tiefer sinken kann. Sabbath kann es. Und trotzdem, &#8222;ja, ja, ja&#8220;, empfindet er eine ungebrochene &#8222;hemmungslose Zärtlichkeit&#8220; für sein Leben.</p>
<p>&#8222;Geliebter Hurenbock, Verführer, Sodomit, Frauenschänder, Zerstörer der Moral, Verderber der Jugend, Gattenmörder, Selbstmörder&#8220; &#8211; diese Inschrift wünscht sich Sabbath für seien Grabstein. Seine Lebensbilanz erfüllt ihn trotz allem doch auch mit Stolz, denn immerhin ist ihm etwas sehr seltenes gelungen: Ein Leben ganz nach den eigenen Vorstellungen zu leben, in seinem Fall ein Leben aus Schmutz, Provokation und hemmungslosem Sex. Ein bürgerliches Leben hat Sabbath niemals angestrebt, und diesem Vorsatz treu zu bleiben, ist bislang noch den wenigsten gelungen.</p>
<p style="text-align:right;">JAN NOEVENTHIEN, 3. Mai 1997</p>
<p><strong>Philip Roth: &#8222;Sabbaths Theater&#8220;</strong>. Hanser. 491 Seiten, 49,80 DM</p>
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		<title>Eisberge? Sind nicht vorgesehen</title>
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		<pubDate>Sat, 09 Nov 1996 09:00:19 +0000</pubDate>
		<dc:creator>noeventhien</dc:creator>
				<category><![CDATA[Feuilleton]]></category>
		<category><![CDATA[Literaturkritik]]></category>

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		<description><![CDATA[Vielleicht stimmt der düstere Satz, die Geschichte sei letztlich bloß eine endlose Folge von Verbrechen. Aber welche Rolle spielen die Men­schen, die fortwährend Ge­schichte schreiben, von de­nen Geschichte handelt: Sind sie Täter, oder sind sie Op­fer? <a href="http://noeventhien.wordpress.com/1996/11/09/eisberge-sind-nicht-vorgesehen/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a><img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=noeventhien.wordpress.com&amp;blog=10191259&amp;post=64&amp;subd=noeventhien&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Vielleicht stimmt der düstere Satz, die Geschichte sei letztlich bloß eine endlose Folge von Verbrechen. Aber welche Rolle spielen die Men­schen, die fortwährend Ge­schichte schreiben, von de­nen Geschichte handelt: Sind sie Täter, oder sind sie Op­fer?</p>
<p>Dieser Frage, die sich nicht erst wieder seit der Goldha­gen-Kon­troverse stellt, geht Anthony Burgess in seinem Spätwerk »Belsazars Gastmahl« nach. Für Burgess, der mit »Clock­work Orange« einst zu Weltruhm ge­langte, ist die Ge­schichte »im Grunde nur ein einziger brül­lender Schlage­tot«, der alles unter­drückt und an sich reißt.</p>
<p>Beziehungsreich beginnt er seinen Roman mit dem Untergang der Titanic, dem Symbol moder­ner Hybris schlechthin: »So unmöglich war es, daß der Dampfer sank, daß er zum Be­weis auch gleich nicht genug Rettungsboote da­bei hatte.«</p>
<p>David Jones, ein junger wali­sischer Küchenjunge, überlebt die Katastrophe, und weil er glaubt, daß sein weiteres Le­ben nicht auf einem Glücksfall fußen dürfe, beschließt er, dem Tod noch eine zweite Chan­ce zu geben und meldet sich freiwillig zum Ersten Welt­krieg. In New York hat er Lud­milla, eine junge Russin, ge­heiratet, und die so gegrün­de­te Familie wird vom weiteren Verlauf des Jahrhunderts reichlich durcheinandergewir­belt.</p>
<p>Ins Bild gesetzt wird diese bewegte Familienchronik von Harry Wolfson, einem »ehemali­gen Terroristen und Leh­rer der Philosophie«, der mit David Jones’ Kindern be­freun­det ist und nachzeichnet, wie heiße und kalte Kriege sie quer durch Europa treiben: Bianca Jones, eine kühle, be­törende Intellektuelle, Regi­nald Jo­nes, ein idealistischer Heiß­sporn, und Daniel Jones, ein mürrischer, etwas natur­trüber Bursche, der zufrieden ist, solange es irgendwo einen Fisch auszuneh­men gibt.</p>
<p>Zwei Weltkriege, Osterauf­stand in Dublin, Revolution in St. Petersburg, Bürgerkrieg in Spanien, Stalins Säuberungen, die Gründung des Staates Is­ra­el: Die Familie Jones erlebt das »verstörende Chaos der Versuche des Menschen, sich selbst eine Ordnung zu set­zen.« Alle diese Versuche en­den letztlich in Zerstörung, »aber das Alibi des religiösen oder profanen Pa­triotismus verwandelt die De­struktion in etwas scheinbar Kreatives.«</p>
<p>Die großen und die kleinen Ideologien sind es, die den Menschen zur bloßen Ver­schie­bemasse machen: »Körper sind weitgehend immer das­selbe, aber Seelen nicht. Jetzt sol­len die Seelen alle zu Kopien eines einzigen Ar­chetyps zu­rechtgehämmert wer­den, den die großen Kollektive vergeben.«</p>
<p>Diese Kollektive verheißen Freiheit, Gerechtigkeit, über­haupt eine bessere Welt. Doch derlei »Ro­mantik wird im­mer fru­striert«, schreibt Burgess, »und dann wen­det sie sich der Ge­walt zu.«</p>
<p>Wie auf der &#8211; pure Ideologie! &#8211; unsinkbaren Titanic sind auch in den mannigfaltigen Heilslehren und ihren politi­schen Systemen Eis­berge meist nicht vorgesehen, und wenn das Wasser dann erst ein­mal in den Schiffsbauch dringt, sind wie­der mal zuwe­nig Ret­tungsboote an Bord. Von Katastrophen wie diesen er­zählt Burgess.</p>
<p>Sind die Menschen also nur Opfer dieser Katastrophen? »Es ist nicht das Volk, es ist nie das Volk«, wird im Buch ge­sagt, doch ein Frei­spruch ist das nicht, denn der düstere Einwand folgt auf dem Fuße: »Aber das Volk ist dis­poni­bel.« Opferbereitschaft aus gutem Glauben kann nur allzu leicht in Täterschaft enden. Es ist die schwierige Gradwan­derung zwischen diesen beiden Polen, die die Protagonisten alle auf ihre Weise versu­chen.</p>
<p>»Jetzt, glaube ich, kommen wir endlich zur Sache«, er­klärt der Erzähler auf Seite 353. Doch zu kurzweilig ist Burgess&#8217; Wechselspiel aus Breit­wand­epos und Detailstu­die, als daß man auch nur eine Seite hiervon hätte mis­sen wollen. Mit fei­ner Ironie ebenso wie der­bem Spott über­setzt der Autor Weltge­schichte in die Per­spek­tive der einzel­nen Men­schen, ohne sie je zu baga­telli­sie­ren.</p>
<p>»Belsazars Gastmahl« ist ein eigener kleiner Kosmos voller Zitate, Rätsel und Redeweisen, ein kunst­voll angelegtes Sy­stem von Binnenbezügen und symbol­haften Anspielungen. Wenn Re­ginald Jones beispiels­weise 1945 mit dem Schiff in Odessa ankommt, er­blickt er ein Schlachtschiff im Hafen und eine Frau mit ei­nem Kin­derwagen auf der riesi­gen Freitreppe. Während diese Ei­senstein-Reminiszenz an die Oktoberrevo­lution erin­nert, läßt ein paar Meter wei­ter das Stalin-Regime reihen­weise die eigenen Kriegsheim­kehrer er­schießen.</p>
<p>Dem »Schlagetot« Geschichte tritt Burgess mit den Waffen eines weisen alten Man­nes ge­genüber: mit großem Charme und Wissen, mit Souve­ränität und klugem Witz. Unserem gewalttä­tigen Jahrhundert zeigt er sich damit in jeder Hin­sicht gewachsen.</p>
<p style="text-align:right;">JAN NOEVENTHIEN, Nov. 9, 1996</p>
<address><strong>Anthony Burgess: Belsazars Gastmahl. </strong>Klett-Cotta. 445 Seiten. 44 Mark.</address>
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		<title>Die Pflichten des Gutseins</title>
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		<pubDate>Tue, 01 Oct 1996 09:00:26 +0000</pubDate>
		<dc:creator>noeventhien</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Literaturkritik]]></category>

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		<description><![CDATA[Laura Joh Rowlands Historienschinken &#8222;Der Kirschblütenmord&#8220; Man kennt ja solche Geschich­ten: Ein Polizist, der ei­gentlich nur einen Selbstmord zu den Akten legen soll, kommt einem Mordkomplott auf die Schliche. Bald ver­schwin­den wichtige Zeugen, und kor­rupte Vorgesetzte ver­su­chen, die Ermittlungen zu &#8230; <a href="http://noeventhien.wordpress.com/1996/10/01/die-pflichten-des-gutseins/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a><img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=noeventhien.wordpress.com&amp;blog=10191259&amp;post=89&amp;subd=noeventhien&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong><em>Laura Joh Rowlands Historienschinken &#8222;Der Kirschblütenmord&#8220;</em></strong></p>
<p>Man kennt ja solche Geschich­ten: Ein Polizist, der ei­gentlich nur einen Selbstmord zu den Akten legen soll, kommt einem Mordkomplott auf die Schliche. Bald ver­schwin­den wichtige Zeugen, und kor­rupte Vorgesetzte ver­su­chen, die Ermittlungen zu verhin­dern.</p>
<p>Insofern eine typische Cop-Story, die die amerikanische Autorin Laura Joh Rowland in ihrem Romandebüt »Der Kirsch­blütenmord« erzählt: Der Po­lizist läßt sich nicht ein­schüchtern, wird schließlich vom Dienst suspendiert und muß die Verschwörer auf eige­ne Faust stellen.</p>
<p>Man hätte es so ähnlich schon hundert­mal gelesen, hätte Rowland für ihre Ge­schichte nicht ein ungewöhn­liches Set­ting aus­gesucht: Ihr Detektiv kämpft sich nicht mit Colt und Cadillac durch den Sumpf des Verbre­chens, sondern mit Schwert und Pferd, denn Sano Ichiro ist Samurai, und seinen Fall löst er im Tokio des Jahres 1689.</p>
<p>Japan wird zu jener Zeit von der straffen Militärdiktatur des Shogun Tsunayoshi Tokuga­wa regiert. Ichiro, der so­eben in den Po­lizeidienst eingetreten ist, muß fest­stellen, daß Gehor­sam, Höf­lichkeit und die Si­cherung des Status quo einen höheren Rang einnehmen als die Wahr­heitsfindung. Damit kann er sich, immerhin ein ehemaliger Philosophielehrer, der nur seinem kranken Vater zuliebe die ordentliche Beam­tenlauf­bahn eingeschlagen hat, je­doch nicht abfinden. Er will »das Hochgefühl erle­ben, et­was Gutes bewirkt zu haben, indem er eine Wahrheit auf­deckte.«</p>
<p>Der Held ist überhaupt ein dermaßen anständiger und auf­rechter Zeitgenosse, daß auch die Autorin ihre Begeisterung für ihn kaum verhehlen kann, und während sie ihren tapfe­ren Samurai durch ihre reich­lich altbackene Krimi­handlung scheucht, zieht dieser bald einen ganzen Rattenschwanz an Ver­pflichtungen hinter sich her: Namen müssen reingewa­schen, Tode ge­rächt und Trau­ernde getröstet werden. Die Pflichten des Gutseins drüc­ken ihm hef­tig aufs Gewissen.</p>
<p>Ichiros Suche nach Wahrheit ist aber nicht als ein Aufbe­gehren gegen das brutale Re­gime zu verstehen &#8211; im Gegen­teil: Wie erleichtert ist der junge Held, als er erfährt, daß sich die Verschwörung, die er ruhelos verfolgt, ge­gen den Shogun richtet! Das haben die Verschwörer, nach Diktat verreist, im Vorfeld ihrer Tat schlauerweise zu Papier gegeben und glückli­cherweise auch gleich noch namentlich unterschrieben. So macht Polizeiarbeit natürlich Spaß, und mit der Vereitlung des geplanten Attentats kann Ichiro sich wieder als ge­treuer Untertan empfehlen und seine Famlienehre wiederher­stellen.</p>
<p>Am Ende schämt sich unser guter Samurai. Nicht etwa, weil das siegreiche Regime aus Staatsräson nun selbst ein wenig an Ichiros mühsam aufgedeckter Wahr­heit dreht. Nein, diesem Re­gime wird er ja von nun an als Son­derer­mittler des Shogun ver­bunden sein. Er schämt sich vielmehr für all die Beloh­nungen, mit denen er in einem nicht enden wollen­den Happy-End überhäuft wird &#8211; wo er doch nur seine Pflicht getan hat.</p>
<p>Respekt, Gehorsam, Höflich­keit: Rowland beschreibt eine Gesellschaft, in der es auf die Zwischentöne ankommt, doch ihr Buch ist leider völ­lig frei davon. Die Protago­nisten regeln die entschei­denden Dinge zwischen den Zei­len, doch zwischen den Zeilen des »Kirschblüten­mords« fin­det sich nur gäh­nende Leere.</p>
<p>Mit großer Selbstver­ständ­lichkeit reiht Rowland Kli­schee an Kli­schee, ihre Prosa ist ein Grabbel­tisch der Ver­satz­stücke und ihr Japan ein Land, in dem Gefühle noch lo­dern, Zweifel noch nagen und das Blut noch in den Adern ge­friert. Hoff­nung keimt und Wut steigt heiß im jungen Helden auf. Dem Leser bleiben solche Ge­fühlsaufwallungen leider vorenthalten.</p>
<p style="text-align:right;"><em>von</em> JAN NOEVENTHIEN<strong><br />
</strong></p>
<p><strong> Laura Joh Rowland: Der Kirschblü­tenmord. </strong>Lübbe. 480 Seiten. 44 Mark.</p>
<br /><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/categories/noeventhien.wordpress.com/89/" /> <img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/tags/noeventhien.wordpress.com/89/" /> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gocomments/noeventhien.wordpress.com/89/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/comments/noeventhien.wordpress.com/89/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godelicious/noeventhien.wordpress.com/89/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/delicious/noeventhien.wordpress.com/89/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gofacebook/noeventhien.wordpress.com/89/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/facebook/noeventhien.wordpress.com/89/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gotwitter/noeventhien.wordpress.com/89/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/twitter/noeventhien.wordpress.com/89/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gostumble/noeventhien.wordpress.com/89/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/stumble/noeventhien.wordpress.com/89/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godigg/noeventhien.wordpress.com/89/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/digg/noeventhien.wordpress.com/89/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/goreddit/noeventhien.wordpress.com/89/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/reddit/noeventhien.wordpress.com/89/" /></a> <img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=noeventhien.wordpress.com&amp;blog=10191259&amp;post=89&amp;subd=noeventhien&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></content:encoded>
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		<title>Der Kandidat, dieses wandelnde Krisengebiet</title>
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		<pubDate>Thu, 30 May 1996 09:00:39 +0000</pubDate>
		<dc:creator>noeventhien</dc:creator>
				<category><![CDATA[Feuilleton]]></category>
		<category><![CDATA[Literaturkritik]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>

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		<description><![CDATA[Sittenbild politischer Manöver: Ein anonymer Schreiber enthüllt &#8222;Mit aller Macht&#8220; das Umfeld des amerikanischen Präsidenten Wem schon immer übel wurde, wenn er Politiker Kinder herzen sah, befindet sich in guter Gesellschaft: Auch Henry Burton, der Ich-Erzähler des Politromans &#8222;Mit aller &#8230; <a href="http://noeventhien.wordpress.com/1996/05/30/sittenbild-politischer-manover/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a><img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=noeventhien.wordpress.com&amp;blog=10191259&amp;post=120&amp;subd=noeventhien&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em><strong>Sittenbild politischer Manöver: Ein anonymer Schreiber enthüllt &#8222;Mit aller Macht&#8220; das Umfeld des amerikanischen Präsidenten</strong></em></p>
<p>Wem schon immer übel wurde, wenn er Politiker Kinder herzen sah, befindet sich in guter Gesellschaft: Auch Henry Burton, der Ich-Erzähler des Politromans &#8222;Mit aller Macht&#8220;, muß sich übergeben, bevor er seinen Job hinschmeißt: Wahlkampfstratege eines amerikanischen Präsidentschaftskandidaten.</p>
<p>Die Geschichte beginnt ganz unverfänglich: Jack Stanton, ein ehrgeiziger, doch vorerst reichlich unbekannter Südstaaten-Gouverneur, will Präsident der Vereinigten Staaten werden. Mit allem ausgestattet, was für eine politische Karriere notwendig ist: Charisma, Intelligenz und bewegender Rhetorik, kann er eigentlich nur über seine Triebhaftigkeit stolpern, denn seine sexuellen Vorlieben liegen genau wie sein kulinarischer Geschmack eher im Fast-Food-Bereich, und bei beidem hält er sich nicht zurück.</p>
<p>Sehr bald verstrickt sich der Kandidat in eine fast schon tragikomische Serie von Pannen und Skandalen. Daß es ihm dennoch gelingt, diese Katastrophenkampagne politisch zu überleben, verdankt er professionellen Helfern, &#8222;hired guns&#8220; wie Henry Burton, die Hinternisse aus dem Weg räumen und die Krisen meistern.</p>
<p>Es ist die Geschichte von Bill Clinton, die hier erzählt wird. Ein anonymer Autor hat aus Clintons 1992er Kampagne einen Schlüsselroman gemacht und damit in Amerika einen beispiellosen Skandal ausgelöst. Denn &#8222;Mit aller Macht&#8220; hält sich dicht an der Wirklichkeit und ist gespickt mit einer solchen Fülle von Insiderwissen, daß die Suche nach dem Verräter in den eigenen Reihen zur Hauptbeschäftigung in Washington avancierte. Journalisten verfolgten den Anonymus durchs Internet, und Literaturwissenschaftler versuchten, ihm mit computergestützten Stilanalysen, mit denen man bislang eher unbekannten  Shakespeare-Texten nachspürte, auf die Schliche zu kommen.</p>
<p>Sehr viel einfacher als die Identität des Autors läßt sich die Romanhandlung entschlüsseln. Denn selten ist eine Wahlkampagne so aufmerksam verfolgt worden wie Clintons unaufhaltsames Zustolpern auf die Präsidentschaft. Hintergrundstrategen wie das Wahlkampf-Genie James Carville wurden selbst zu Medienstars und strahlten hell im Schatten ihres Kandidaten. Und so gibt es neben Stanton natürlich auch für Henry Burton, rechte und linke Hand des Kandidaten, eine Entsprechung im wirklichen Leben: den ehemaligen Sprecher und heutigen Berater Clintons im Weißen Haus, George Stephanopoulos. Der schwört heute Stein und Bein, mit &#8222;dem Buch&#8220;, wie es in Washington nur noch genannt wird, nichts zu tun haben.</p>
<p>&#8222;Mit aller Macht&#8220; ist ein mit satten Farben gemaltes Sittenbild politischer Riten und Manöver in der Tradition von Robert Penn Warrens &#8222;All the King&#8217;s Men&#8220;, und mit Henry Burton verfügt der Anonymus über einen sensiblen und ironiebegabten Erzähler, der in feinen Charakterstudien ebenso wie in mitreissender Kraftprosa einen Strudel von Ereignissen beschreibt, dem sich der Leser kaum entziehen kann. Mit der ungeheuren Dynamik, die Wahlkampagnen bisweilen innewohnt, nimmt der unbekannte Autor es spielend auf.</p>
<p>Sex-Skandale und Talk Shows, Rededuelle und Vaterschaftstests, Fernsehspots und spontane Strategiekonferenzen bei &#8222;Dunkin&#8217; Donuts&#8220; um die Ecke &#8211; am Ende erkennt Henry Burton, daß er im Dienste einer Sache, an die er geglaubt hat und wohl auch immer glauben wird, seine Unschuld verloren hat. Als sich die Frage stellt, ob er einen Parteifreund und Konkurrenten seines Arbeitgebers mit Dreck bewerfen oder warten soll, bis der politische Gegner das möglicherweise selbst erledigt, muß er eine moralische Entscheidung treffen in einer Umgebung, in der Moral hinter den letzten Umfragedaten zurückzustehen hat.</p>
<p>Es ist das alte Thema von Schuld und Sühne, das hier in schwüler Südstaatenluft neu verhandelt wird, doch eine Vielzahl funkelnder kleiner Beobachtungen erlaubt zugleich einen einzigartigen und authentischen Blick in das Innenleben jener wundersamen Welt der Berufspolitik. Ganz beiläufig berichtet Burton über so sonderbare Dinge wie die Kunst des Händedrucks, aerobisches Zuhören und die Eigenarten des &#8222;campaign sex&#8220;. Die Komik liegt hier im Detail, und das in einer Genauigkeit, die selbst die realen Hauptpersonen in tiefe Verwirrung darüber stürzte, wie präzise und intim ihr Seelenleben hier wiedergegeben worden sei.</p>
<p>Eine Mischung aus Boshaftigkeit und Faszination hält das Buch bis zu seinem dann doch fiktiven Ende in einem merkwürdigen Spannungsverhältnis: Zweifellos sind da begnadete Zyniker am Werk, deren Politikverständnis eher an Viehtreiberei erinnert. Aber wenn der Autor mit großer Intensität Stantons bewegende Auftritte vor Hafenarbeitern oder Analphabeten-Schulklasse schildert, dann kann der Leser am eigenen Leibe nachvollziehen, warum sich idealistische und sympathische Menschen wie Henry Burton immer wieder auf ein Geschäft einlassen, das gemeinhin als ein schmutziges gilt.</p>
<p>Doch wie schmutzig ist das Geschäft nun wirklich? Bei allen Schwächen, die Stanton mehr als einmal das Genick zu brechen drohen, bleibt eines klar: Der Kandidat, dieses wandelnde Krisengebiet, ist ein Mann, der seinen Job aus tiefem Herzen liebt und einen fast erotischen Kontakt zum Volk hält &#8211; und das eben nicht nur im Bett, sondern auch beim Händeschütteln und Fragenbeantworten in den riesigen Einkaufspassagen der tristen Vorstädte. Er ist kein Papiertiger wie so mancher Roman- oder Realpolitiker, er ist ein fluchender Überzeugungstäter voller schillernder Widersprüche.</p>
<p>Die Grenze zwischen Gut und Böse, zwischen Volksvertretung und Populismus gerät bei Stanton schnell ins Schwimmen. Er ist ein Mann, der sagt, was sein Publikum hören will, aber eben auch deshalb, weil er dieses Publikum ehrlich respektiert und liebt. Und so sagt er den Leuten, daß sie Politikern nicht trauen können und genießt den Beifall, den er dafür bekommt.</p>
<p>Am Ende bleibt die Ahnung, daß vielleicht nur ein Mensch, der einen solchen &#8222;Scheißesturm&#8220; an Verleumdungen und Enthüllungen durchstehen, der so viele Tief- und Rückschläge einstecken mußte, überhaupt erst das Format erlangen konnte, um einem solchen Amt gewachsen zu sein. Es bleibt offen, ob dies auch für Henry Burton gilt: Ob er in die Dienste des Kandidaten zurückkehren wird, und ob das eigentlich wirklich eine moralische Niederlage wäre.l</p>
<p style="text-align:right;">JAN NOEVENTHIEN, Mai 30, 1996</p>
<p><strong>Anonymus: &#8222;Mit aller Macht&#8220;. </strong>List. 480 Seiten. 44 Mark.</p>
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		<title>Schnellkurs in Levitation</title>
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		<pubDate>Tue, 30 Apr 1996 09:00:11 +0000</pubDate>
		<dc:creator>noeventhien</dc:creator>
				<category><![CDATA[Feuilleton]]></category>
		<category><![CDATA[Literaturkritik]]></category>

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		<description><![CDATA[Paul Austers Roman &#8222;Mr. Vertigo&#8220; Es ist nicht das Versprechen, er werde das Fliegen lernen, das den neunjährigen Waisenjungen Walter Rawley dem mysteriösen Meister Yedudi folgen läßt, als der ihn in Saint Louis von der Straße aufliest und von einer &#8230; <a href="http://noeventhien.wordpress.com/1996/04/30/schnellkurs-in-levitation/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a><img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=noeventhien.wordpress.com&amp;blog=10191259&amp;post=115&amp;subd=noeventhien&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em><strong>Paul Austers Roman &#8222;Mr. Vertigo&#8220;</strong></em></p>
<p>Es ist nicht das Versprechen, er werde das Fliegen lernen, das den neunjährigen Waisenjungen Walter Rawley dem mysteriösen Meister Yedudi folgen läßt, als der ihn in Saint Louis von der Straße aufliest und von einer glänzenden Zukunft spricht. Es ist der nackte Mangel an Alternativen, und als er drei Jahre später zum ersten Mal eine Handbreit vom Küchenboden abhebt, ist niemand überraschter als er selbst.</p>
<p>Es ist das Amerika der zwanziger Jahre, die Zeit des Charles Lindbergh, und was der mit einer Maschine schafft, das will der junge Walter nur mit seinem Körper leisten. Schon bald kann er über Wasser wandeln, und so kommt, was kommen muss: Auftritte, Tourneen, Ruhm &#8211; und schließlich der jähe Absturz. Eine rätselhafte Krankheit zwingt Walter, seine Karriere zu beenden. Später kommt er bei einem Chicagoer Gangstersyndikat unter.</p>
<p>Mit &#8222;Mr. Vertigo&#8220; erzählt der amerikanische Romancier Paul Auster die wechselvolle Lebensgeschichte eines Wunderkindes, das schon bald gezwungen sein wird, sein Leben auch ohne Wunder zu meistern. Aber es gelingt dem Autor nicht, diese Geschichte lebendig werden zu lassen.</p>
<p>Gewiß, es passiert viel in dem Roman: Ku-Klux-Klan-Morde und Börsenkrach, Baseball und Weltkrieg, ein Leben zwischen Verbrechen und Marx-Brothers-Filmen. Doch die Handlung erscheint als eine recht beliebige Aneinanderreihung von losen Episoden, und zu selbstherrlich verfügt der Autor über die Wendungen des Schicksals, als daß man ihm bedenkenlos folgen wollte.</p>
<p>Auch die Charaktere können sich nicht immer vom Papier lösen. Zwar lässt Auster seinen Ich-Erzähler Walter im schnodderigsten Gossenjungen-Slang daherschwadronieren, einer fulminanten Mischung aus Pathos, Sarkasmus und prallen Metaphern. Doch zu formelhaft geraten ihm die anderen Protagonisten, zu konstruiert und klischeehaft, und gerade da, wo es Auster um Vielschichtigkeit geht, umkreist er die Personen von allen Seiten, statt ins Schwarze zu treffen.</p>
<p>Wer sich praktische Hilfe von einem Buch erhofft, liegt bei &#8222;Mr. Vertigo&#8220; allerdings nicht ganz falsch: Wir alle können fliegen, sagt Auster, wenn es uns gelingt, aus uns herauszutreten. Den Menschen &#8222;müssen sich nur gewissermaßen in Luft auflösen.&#8220; Was folgt, ist ein Schnellkurs in Sachen Levitation: Ausatmen, Seele spüren, Augen schließen, und ab die Post: &#8222;So geht das.&#8220;</p>
<p>Paul Auster, der kürzlich auch als Drehbuchautor für Wayne Wangs Film &#8222;Smoke&#8220; in Erscheinung getreten ist, ist ein notorischer Grenzverletzer. Er schreibt Geschichten, um sie umgehend wieder ad absurdum zu führen. Er liebt es, Gesetze außer Kraft zu setzen, jene der Natur wie der Literatur. Er jongliert mit Wahrnehmungen, er ist ein Illusionist, der mit Kategorien wie Realität und Logik ein durchtriebenes Spiel spielt.</p>
<p>Nichts überlässt er dem Zufall: Jede Episode ist Teil eines verborgenen, sich nur langsam offenbarenden Netzes von Beziehungen, eines Systems, in dem Geschichte sich zu wiederholen scheint. Diese Figur der Wiederholung jedoch bleibt einem ständigen Wandel unterworfen, in dem sich Bedeutungen permanent verändern, bis sie aus den Grenzen dieses Systems heraustreten. In seiner raffinierten &#8222;New-York-Trilogie&#8220; führte Auster dieses Verfahren zur Meisterschaft. In &#8222;Mr. Vertigo&#8220; jedoch ist aus Austers bewährtem Spiel mit Bezügen und Beziehungen ein Kurzschluß geworden und ein Manöver aus Selbstzweck dazu: eine Masche. Auch stete Unberechenbarkeit kann berechenbar werden. Austers vorlauter Held hat eine andere Formel für so etwas: &#8222;die Einbahnstraße des Erfolgs.&#8220;</p>
<p>Am Ende von &#8222;Mr. Vertigo&#8220; verfügt der Ich-Erzähler, sein Bericht solle nach seinem Ableben von seinem Neffen Daniel Quinn veröffentlicht werden &#8211; jenem Schriftsteller aus Austers grandioser &#8222;New-York-Trilogie&#8220;, der dort im übrigen mit einem gewissen Paul Auster verwechselt wird, bevor er sich buchstäblich ins Nichts auflöst. Vermutlich kann der jetzt auch fliegen.</p>
<p style="text-align:right;">JAN NOEVENTHIEN, April 30, 1996</p>
<p><strong>Paul Auster: &#8222;Mr. Vertigo&#8220;</strong>. Aus dem Amerikanischen von Werner Schmitz. Rowohlt. 320 Seiten, 42 DM.</p>
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		<title>Der Bäderkönig</title>
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		<pubDate>Fri, 01 Dec 1995 09:00:35 +0000</pubDate>
		<dc:creator>noeventhien</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Literaturkritik]]></category>

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		<description><![CDATA[Diese &#8222;Geschichte einer bedeutenden Familie&#8220; ist ein Buch unter falscher Flagge. Denn das letzte, worum es den Autoren Eckhard und Regina Henscheid geht, ist es, eine Familiengeschichte zu schreiben. Zwar erzählt ihr Buch &#8222;Die Zwicks&#8220; das Werden und Wirken des &#8230; <a href="http://noeventhien.wordpress.com/1995/12/01/der-baderkonig/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a><img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=noeventhien.wordpress.com&amp;blog=10191259&amp;post=91&amp;subd=noeventhien&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Diese &#8222;Geschichte einer bedeutenden Familie&#8220; ist ein Buch unter falscher Flagge. Denn das letzte, worum es den Autoren Eckhard und Regina Henscheid geht, ist es, eine Familiengeschichte zu schreiben. Zwar erzählt ihr Buch &#8222;Die Zwicks&#8220; das Werden und Wirken des &#8222;Bäderkönigs&#8220; Dr. Eduard Zwick &#8211; jenes Mannes also, der die bayrische Landesregierung mit seinen Steuersachen in einige Verlegenheit gebracht hat. Doch in die wahren, recherchierten Begebenheiten sind hier frei erfundene Einzeilheiten &#8222;einverwoben&#8220; worden, wie es die Autoren nennen &#8211; ein Verfahren, das Eckhard Henscheid schon 1985 in seiner &#8222;Jugendbiographie&#8220; über Helmut Kohl verwandte und auch diesem Buch einen ganz eigenen satirischen Resonanzboden gibt.</p>
<p>Das Buch der Henscheids funktioniert auf verschiedenen Ebenen. Zum einen schildern die beiden süffisant und schelmisch den Aufstieg der Zwicks zu Reichtum und Ansehen. Mit einem Kunstgriff, nämlich der konsequenten Huldigung dieses &#8222;Geschlechts der Giganten&#8220;, malen sie ein farbenfrohes Sittengemälde des christsozialen Amigosystems und schaffen so die richtige Fallhöhe, um spielerisch und ohne jede moralische Angestrengtheit die wichtigtuerischen Helden der Wirtschaftswunderjahre ihrer neureichen Lächerlichkeit zu überführen.</p>
<p>Darüberhinaus, und hier prangt klar die Handschrift Eckhard Henscheids, ist die Zwick-Biographie eine schon genial zu nennende Genreparodie. Henscheid imitiert den Stil der Lokaljournalisten und Heimatgeschichtsschreiber auf vortrefflichste: stets eine Spur zu hochgestochen, stets um ein Haar zu pathetisch, immer bemüht um stilistische Eleganz und damit immer schon im Ansatz zum Scheitern verurteilt. Bereits in seiner Lokalzeitungsparodie &#8222;Blick in die Heimat&#8220; (Hersbrucker Trilogie, 1993) und in vielen Prosastücken hat sich Henscheid um die Würdigung dieser Sprache der stilistischen Provinz verdient gemacht. Bei den &#8222;Zwicks&#8220; gelingt ihm die Kunst, mit wirklich jedem Satz die Geschmacksgrenze zu überschreiten, ohne daraus eine ermüdende Masche zu machen. Die Unfall als Stilmittel: Dieses Verfahren beherrscht in Deutschland keiner so virtuos wie Eckhard Henscheid.</p>
<p>Doch vielleicht kommt dieses Buch auch schon zu spät, denn die Generation der Zwicks und Straußens, jener wieder-wer-gewordenen Nachkriegskanonen, stirbt langsam aus. Jung-dynamische Spesenritter treten heute an ihre Stelle. So gesehen ist die Geschichte der Zwick-Dynastie schon heute eine historische Biographie und ein Zeitdokument. Aktuell bleibt das Buch in seinem sprachlichen Gehalt: Möge sich die &#8222;moderne politische Historiografie und Biographistik&#8220; von diesem Schlag so schnell nicht wieder erholen.</p>
<p style="text-align:right;"><em>von</em> JAN NOEVENTHIEN</p>
<p style="text-align:left;"><strong>Eckhard Henscheid und Regina Henscheid: Die Zwicks. Fronvögte, Zwingherren und Vasallen. Geschichte einer bedeutenden Familie. </strong>Haffmans, Zürich. 213 Seiten.</p>
<br /><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/categories/noeventhien.wordpress.com/91/" /> <img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/tags/noeventhien.wordpress.com/91/" /> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gocomments/noeventhien.wordpress.com/91/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/comments/noeventhien.wordpress.com/91/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godelicious/noeventhien.wordpress.com/91/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/delicious/noeventhien.wordpress.com/91/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gofacebook/noeventhien.wordpress.com/91/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/facebook/noeventhien.wordpress.com/91/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gotwitter/noeventhien.wordpress.com/91/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/twitter/noeventhien.wordpress.com/91/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gostumble/noeventhien.wordpress.com/91/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/stumble/noeventhien.wordpress.com/91/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godigg/noeventhien.wordpress.com/91/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/digg/noeventhien.wordpress.com/91/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/goreddit/noeventhien.wordpress.com/91/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/reddit/noeventhien.wordpress.com/91/" /></a> <img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=noeventhien.wordpress.com&amp;blog=10191259&amp;post=91&amp;subd=noeventhien&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></content:encoded>
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		<title>Vier Aufträge, kein Durchblick</title>
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		<pubDate>Wed, 02 Aug 1995 09:00:31 +0000</pubDate>
		<dc:creator>noeventhien</dc:creator>
				<category><![CDATA[Feuilleton]]></category>
		<category><![CDATA[Literaturkritik]]></category>

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		<description><![CDATA[&#8222;Ausgeträumt&#8220;: Charles Bukowskis letzter Roman Ein Mann, der mit 55 Jahren noch immer dem Kindertraum von einer Sportler- oder Pianistenkarriere nachhängt, seine Miete nicht bezahlen kann und den Tag wahlweise mit Wodka oder mit Sake beginnt, ist ein Versager. Keiner &#8230; <a href="http://noeventhien.wordpress.com/1995/08/02/vier-auftrage-kein-durchblick/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a><img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=noeventhien.wordpress.com&amp;blog=10191259&amp;post=107&amp;subd=noeventhien&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong><em>&#8222;Ausgeträumt&#8220;: Charles Bukowskis letzter Roman</em></strong></p>
<p>Ein Mann, der mit 55 Jahren noch immer dem Kindertraum von einer Sportler- oder Pianistenkarriere nachhängt, seine Miete nicht bezahlen kann und den Tag wahlweise mit Wodka oder mit Sake beginnt, ist ein Versager. Keiner weiß das besser als Nick Belane, heruntergekommener Privatdetektiv in Charles Bukowskis letztem Roman &#8222;Ausgeträumt&#8220;. Wenn er seinen Honorarsatz nennt, sagen die Klienten &#8222;kein Problem&#8220;. Wenn er in den Spiegel schaut, entdeckt er &#8222;nichts als Niederlagen und Depressionen.&#8220; Seine Lebensbilanz kommt klar auf den Punkt: &#8222;Wozu war der Mensch auf der Welt? Zum Sterben. Und was heißt das? Rumhängen und warten.&#8220;</p>
<p>Daß der Sensenmann eine atemberaubende Frau ist, macht die Sache mit dem Sterben nicht verlockender. Von &#8222;Lady Death&#8220; bekommt Belane den Auftrag, den vermeintlich verstorbenen Schriftsteller Céline aufzuspüren, denn möglicherweise hat sie 1961 bloß den falschen Mann erwischt.</p>
<p>Es bleibt nicht bei dem Todeskandidaten. Neben der obligaten untreuen Ehefrau, die es zu beschatten gilt, muß Belane sich auch noch mit einer Gruppe Außerirdischer herumschlagen, die die Erde offenbar kolonisieren wollen. Hinzu kommt die Suche nach einem ominösen &#8222;Red Sparrow&#8220;, von dem niemand weiß, wer oder was das eigentlich ist. (Bukowskis Verlag heißt &#8222;Black Sparrow Press&#8220;.)</p>
<p>Vier Aufträge, kein Durchblick. Während Belane grießgrämig durch L.A. taumelt, um ein paar Spuren zu verfolgen und dabei keiner Schlägerei aus dem Weg geht, muß er feststellen, daß seine Fälle sich miteinander zu verknoten scheinen. Hin- und hergerissen zwischen Selbstmitleid (&#8222;Ich war nutzlos&#8220;) und Selbstbetrug (&#8222;Ich war der beste Schnüffler von L.A.!&#8220;), im Dauerclinch mit Barmixern und finsteren Schlägertypen, wird er getrieben von Entwicklungen, die er nicht in der Hand hat. Nick Belane ist ein dilettierender Anti-Held, der sich durch eine Krimihandlung schlägt, wie sie skuriler kaum seinn könnte.</p>
<p>Mit &#8222;Ausgeträumt&#8220; knüpft Charles Bukowski an die Tradition der Schwarzen Serie an. Harte, einsame Männer kämpfen im Citymoloch Los Angeles, einem Mahagonny der Verlockung und Gewalt, ums Überleben. &#8222;Smog, wenig Sonne, seit Monaten kein Tropfen Regen&#8220;, dazu sexuelle Flaute &#8211; dieser amerikanische Alptraum läßt sich nur mit einigem Sarkasmus ertragen. Doch wo Bukowski die Mythologie und die Ikonen des Noir mit all seinen zwielichtigen Bars und undurchsichtigen, fatalen Frauen aufgreift, da ironisiert er sie zugleich. Seine deftigen, aber selbst in ihren derbsten Momenten noch elegant gebauten Dialoge könnten ebenso wie die verschrobene, bisweilen recht makabre Situationskomik auch von einem Quentin Tarantino ersonnen sein, an dessen letzten Film der amerikanische Titel des Buches, &#8222;Pulp&#8220; ebenso wie an die Tradition der Groschenromane erinnert.</p>
<p>Auch sprachlich pflegt und persifliert Bukowski zugleich die schwarze Tradition. Zwar schreibt er bewusst im Stil von Chandler und Hammett, haucht dem Mythos aber einen neuen, wenngleich übelriechenden Atem ein. Die Figur Belane gerät nicht zu einem bloßen Philip-Marlowe-Abklatsch, sie hat einen eigenen Kopf, der gegen Türe und Wände rennt, und so einiges steckt wohl auch vom Autor selbst in ihr.</p>
<p>&#8222;Ausgeträumt&#8220; ist der augenzwinkernde Abschied Bukowskis vom Literaturbetrieb. &#8222;Früher&#8220;, so läßt er seinen Céline parlieren, der Lady Death tatsächlich ein Schnippchen hatte schlagen können, &#8222;war das Leben der Autoren interessanter als ihre Bücher. Heute ist beides uninteressant.&#8220; Bukowskis letztes, postum veröffentlichtes Buch ist aber, neben aller Ironie, vor allem eine sehr private Auseinandersetzung mit dem Sterben: &#8222;Verdammt noch mal, der Tod lauerte überall&#8220;, sinniert Nick Belane, der sich immer mehr zu einer Art ironisiertem Über-Ich Bukowskis entwickelt, &#8222;wenn ich im Supermarkt dem Jungen zusehe, der meine Sachen eintütet, dann stelle ich mir vor, daß er sich zusammen mit dem Klopapier, den Bierdosen und der Hähnchenbrust selber ins Grab stopft.&#8220;</p>
<p>Letztes Jahr wurde Charles Bukowski selbst von &#8222;Lady Death&#8220; erwischt.</p>
<p style="text-align:right;">JAN NOEVENTHIEN, August 2, 1995</p>
<p><strong>Charles Bukowski: Ausgeträumt. </strong>Aus dem Amerikanischen von Carl Weissner. Kiepenheuer &amp; Witsch, Köln, 183 Seiten, 36 Mark.</p>
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