Der Kandidat, dieses wandelnde Krisengebiet

Sittenbild politischer Manöver: Ein anonymer Schreiber enthüllt „Mit aller Macht“ das Umfeld des amerikanischen Präsidenten

Wem schon immer übel wurde, wenn er Politiker Kinder herzen sah, befindet sich in guter Gesellschaft: Auch Henry Burton, der Ich-Erzähler des Politromans „Mit aller Macht“, muß sich übergeben, bevor er seinen Job hinschmeißt: Wahlkampfstratege eines amerikanischen Präsidentschaftskandidaten.

Die Geschichte beginnt ganz unverfänglich: Jack Stanton, ein ehrgeiziger, doch vorerst reichlich unbekannter Südstaaten-Gouverneur, will Präsident der Vereinigten Staaten werden. Mit allem ausgestattet, was für eine politische Karriere notwendig ist: Charisma, Intelligenz und bewegender Rhetorik, kann er eigentlich nur über seine Triebhaftigkeit stolpern, denn seine sexuellen Vorlieben liegen genau wie sein kulinarischer Geschmack eher im Fast-Food-Bereich, und bei beidem hält er sich nicht zurück.

Sehr bald verstrickt sich der Kandidat in eine fast schon tragikomische Serie von Pannen und Skandalen. Daß es ihm dennoch gelingt, diese Katastrophenkampagne politisch zu überleben, verdankt er professionellen Helfern, „hired guns“ wie Henry Burton, die Hinternisse aus dem Weg räumen und die Krisen meistern.

Es ist die Geschichte von Bill Clinton, die hier erzählt wird. Ein anonymer Autor hat aus Clintons 1992er Kampagne einen Schlüsselroman gemacht und damit in Amerika einen beispiellosen Skandal ausgelöst. Denn „Mit aller Macht“ hält sich dicht an der Wirklichkeit und ist gespickt mit einer solchen Fülle von Insiderwissen, daß die Suche nach dem Verräter in den eigenen Reihen zur Hauptbeschäftigung in Washington avancierte. Journalisten verfolgten den Anonymus durchs Internet, und Literaturwissenschaftler versuchten, ihm mit computergestützten Stilanalysen, mit denen man bislang eher unbekannten  Shakespeare-Texten nachspürte, auf die Schliche zu kommen.

Sehr viel einfacher als die Identität des Autors läßt sich die Romanhandlung entschlüsseln. Denn selten ist eine Wahlkampagne so aufmerksam verfolgt worden wie Clintons unaufhaltsames Zustolpern auf die Präsidentschaft. Hintergrundstrategen wie das Wahlkampf-Genie James Carville wurden selbst zu Medienstars und strahlten hell im Schatten ihres Kandidaten. Und so gibt es neben Stanton natürlich auch für Henry Burton, rechte und linke Hand des Kandidaten, eine Entsprechung im wirklichen Leben: den ehemaligen Sprecher und heutigen Berater Clintons im Weißen Haus, George Stephanopoulos. Der schwört heute Stein und Bein, mit „dem Buch“, wie es in Washington nur noch genannt wird, nichts zu tun haben.

„Mit aller Macht“ ist ein mit satten Farben gemaltes Sittenbild politischer Riten und Manöver in der Tradition von Robert Penn Warrens „All the King’s Men“, und mit Henry Burton verfügt der Anonymus über einen sensiblen und ironiebegabten Erzähler, der in feinen Charakterstudien ebenso wie in mitreissender Kraftprosa einen Strudel von Ereignissen beschreibt, dem sich der Leser kaum entziehen kann. Mit der ungeheuren Dynamik, die Wahlkampagnen bisweilen innewohnt, nimmt der unbekannte Autor es spielend auf.

Sex-Skandale und Talk Shows, Rededuelle und Vaterschaftstests, Fernsehspots und spontane Strategiekonferenzen bei „Dunkin‘ Donuts“ um die Ecke – am Ende erkennt Henry Burton, daß er im Dienste einer Sache, an die er geglaubt hat und wohl auch immer glauben wird, seine Unschuld verloren hat. Als sich die Frage stellt, ob er einen Parteifreund und Konkurrenten seines Arbeitgebers mit Dreck bewerfen oder warten soll, bis der politische Gegner das möglicherweise selbst erledigt, muß er eine moralische Entscheidung treffen in einer Umgebung, in der Moral hinter den letzten Umfragedaten zurückzustehen hat.

Es ist das alte Thema von Schuld und Sühne, das hier in schwüler Südstaatenluft neu verhandelt wird, doch eine Vielzahl funkelnder kleiner Beobachtungen erlaubt zugleich einen einzigartigen und authentischen Blick in das Innenleben jener wundersamen Welt der Berufspolitik. Ganz beiläufig berichtet Burton über so sonderbare Dinge wie die Kunst des Händedrucks, aerobisches Zuhören und die Eigenarten des „campaign sex“. Die Komik liegt hier im Detail, und das in einer Genauigkeit, die selbst die realen Hauptpersonen in tiefe Verwirrung darüber stürzte, wie präzise und intim ihr Seelenleben hier wiedergegeben worden sei.

Eine Mischung aus Boshaftigkeit und Faszination hält das Buch bis zu seinem dann doch fiktiven Ende in einem merkwürdigen Spannungsverhältnis: Zweifellos sind da begnadete Zyniker am Werk, deren Politikverständnis eher an Viehtreiberei erinnert. Aber wenn der Autor mit großer Intensität Stantons bewegende Auftritte vor Hafenarbeitern oder Analphabeten-Schulklasse schildert, dann kann der Leser am eigenen Leibe nachvollziehen, warum sich idealistische und sympathische Menschen wie Henry Burton immer wieder auf ein Geschäft einlassen, das gemeinhin als ein schmutziges gilt.

Doch wie schmutzig ist das Geschäft nun wirklich? Bei allen Schwächen, die Stanton mehr als einmal das Genick zu brechen drohen, bleibt eines klar: Der Kandidat, dieses wandelnde Krisengebiet, ist ein Mann, der seinen Job aus tiefem Herzen liebt und einen fast erotischen Kontakt zum Volk hält – und das eben nicht nur im Bett, sondern auch beim Händeschütteln und Fragenbeantworten in den riesigen Einkaufspassagen der tristen Vorstädte. Er ist kein Papiertiger wie so mancher Roman- oder Realpolitiker, er ist ein fluchender Überzeugungstäter voller schillernder Widersprüche.

Die Grenze zwischen Gut und Böse, zwischen Volksvertretung und Populismus gerät bei Stanton schnell ins Schwimmen. Er ist ein Mann, der sagt, was sein Publikum hören will, aber eben auch deshalb, weil er dieses Publikum ehrlich respektiert und liebt. Und so sagt er den Leuten, daß sie Politikern nicht trauen können und genießt den Beifall, den er dafür bekommt.

Am Ende bleibt die Ahnung, daß vielleicht nur ein Mensch, der einen solchen „Scheißesturm“ an Verleumdungen und Enthüllungen durchstehen, der so viele Tief- und Rückschläge einstecken mußte, überhaupt erst das Format erlangen konnte, um einem solchen Amt gewachsen zu sein. Es bleibt offen, ob dies auch für Henry Burton gilt: Ob er in die Dienste des Kandidaten zurückkehren wird, und ob das eigentlich wirklich eine moralische Niederlage wäre.l

JAN NOEVENTHIEN, Mai 30, 1996

Anonymus: „Mit aller Macht“. List. 480 Seiten. 44 Mark.

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