Ist doch alles gut gegangen

Die Magie der kleinen Dinge: Joseph Hellers ausgiebiger Rückblick „Einst und jetzt“

Jeder kennt so einen Großvater, einen Onkel oder Nachbarn, der bei Beerdigungen, goldenen Hochzeiten oder einfach auf dem Hausflur ungefragt, doch höchst geduldig über die Spiele seiner Jugend, die Schule und den Krieg erzählt. Irgendwann sind dann diese Menschen nicht mehr da, und man fragt sich, ob man ihnen nicht besser hätte zuhören sollen. Joseph Heller ist noch da. Mit „Einst und jetzt“ hat er seine Erinnerungen vorgelegt.

Wo andere düstere Lebensbeichten ab­legen oder rücksichtslose Selbststilisierung betreiben, verfällt Heller in den gutgelaunten Plauderton des alten Mannes, der viel erlebt hat und froh ist, uns anvertrauen zu können: Ist doch alles gutgegangen! In Hellers Erinnerungen entfaltet sich eine schimmernde Nostalgie, wenn er seine Jugend in Coney Island beschreibt, dem einstigen Seebad und Rummelplatz New Yorks – ein Armenviertel zwar, doch zugleich ein wahrhaft magischer Ort. Denn wessen Traum wäre das nicht, eine Kindheit zwischen Schießbuden, Riesenrädern und Achterbahnen, der feine Sandstrand direkt vor der Tür?

Doch Coney Island verfällt mit den Jahren, die Vergnügungsparks schließen, die Millionen bunter Lämpchen verlöschen, und wie so viele Orte, von denen Heller noch erzählen wird, pendelt auch dieser zwischen Magie und Entzauberung. Ähnlich zwiespältig verhält es sich mit Hellers Bericht selbst, in dem wohlgelaunte, ja bisweilen rührende Detailstudien nahtlos übergehen in weitschweifige, unergiebige Sentimentalitäten. Fröhlich vor sich hin mäandernde Anekdötchen und Plattitüden formen sich zu einem wenig gegliederten, weitgehend assoziativ gestrickten Erinnerungsstrom, in dem drei aufeinander folgende Kapitel nicht von ungefähr mit den Überschriften „Wei­ter“, „Und immer weiter“ sowie „Und im­mer weiter und weiter“ versehen wurden.

Es mag ja sein, daß damals in den Dreißigern die besten Punchball-Bälle von der Firma Spaldeen hergestellt wurden. Vielleicht war der Luna Park ja wirklich besser als der Steeplechase Park, obwohl er früher plei­te ging, und „immer darauf zu achten, daß man einen reellen Gegenwert für sein Geld bekam“, ist gewiß kein schlechter Rat fürs weitere Leben. Ja, es war die Schechter-Hüh­ner­schlach­terei aus Coney Island, die gegen Roosevelts New Deal geklagt hat. Und richtig, einen Vorrat Aspirin kann man immer in der Tasche haben, „aber einen Friseur nicht“. Na sicher, schon klar…

Und kaum will man das Buch zuklappen, weil es nun langsam reicht, da gewinnt es an Fahrt. Heller erzählt von seinen Einsätzen als Bombenschütze gegen das Dritte Reich, seinem Literaturstudium, den Jobs in der Werbung. Bald werden einige seiner Erzählungen veröffentlicht.

Zwar erfahren wir immer noch mehr über Hellers Routen als junger Fahrradkurier in New York als über seine traumatischen Fliegereinsätze im Krieg. Aber wir verstehen auch, warum: Weil die Magie des Lebens für ihn in den kleinen Dingen liegt, nicht in den großen Katastrophen. Hier siegt die Altersweisheit über die Bitterkeit. „Fast ohne es zu bemerken, wuchsen wir heran«, heißt es am Anfang. „Vieles verwandelte sich grund­legend, aber in leisen Nuancen.“ Heller beschreibt nicht so sehr die grundlegenden Wandlungen, sondern widmet sich vor allem diesen Nuancen.

1961 ist so ein Wendepunkt: Hellers Debüt „Catch 22“ erscheint, eine wütende Abrechnung mit der Kriegsmaschinerie, die ihn zum Star macht. Seinen neugewonnen Ruhm allerdings illustriert er mit der genervten Behauptung seines sechsjährigen Sohnes: »Ich bin der, der das Buch geschrieben hat.« Nein, Wichtigtuerei ist Hellers Sache nicht.

Stattdessen erfahren wir, daß er von den ersten 250 Seiten des Romans fünfzig ersatzlos streichen konnte, „ohne daß damit an Handlung etwas verloren gegangen wäre.“ Schon als Stu­dent hatte er über seine Texte zu hören bekommen: „Ich würde zu lange für meinen Anfang brauchen, würde immer herumtrödeln und zögern“ ­– vielleicht eine „psy­cho­lo­gi­sche Schwäche, die angehalten hat.“

Von dieser Einsicht kann man auch die vorliegende Autobiographie nicht freisprechen, doch mittlerweile strebt sie ihrem Ende entgegen, und Heller ist in seinem Element. Er beschreibt seinen Kampf mit der allgegenwärtigen amerikanischen Psychoanalyse, zu deren ehrgeizigsten Patienten er gezählt haben muß. Seinem Analytiker meist einen Schritt voraus, bekennt er sich „eilig aller möglichen Defekte schuldig“ und bricht die Therapie schließlich ab. Die Antworten, die er wollte, hat er bekommen, das Honorar kann er sich sparen. Seine Schwäche, einen prägnanten Textanfang zu finden, charakterisiert er gar als seinen „analen Zug“.

Beim Abfassen seiner Erinnerungen erkennt Heller erstaunt, daß dieses Buch wie alle seine vorherigen Romane unbeabsichtigt, doch unausweichlich einem gemeinsamen Muster folgt: Die Schlußlösung ergibt sich immer aus dem Tod einer Nebenfigur im vorletzten Kapitel, in diesem Falle aus dem Tod seines Vaters, als Heller selbst fünf Jahre alt war. Heller folgert, Schriftsteller und Komponisten tendierten „zu einer größeren seriellen Ähnlichkeit, als wir wahrhaben wollen“. Die individuelle Persönlichkeit, „so proteushaft wandlungsfähig sie in ihrer Kreativität auch sein mag“, habe einen „ganz eigenen Charakter“ und könne „ihre Konstruktionen nur innerhalb der Umrisse ihrer eigenen Natur entwerfen“.

Das ist letztlich auch die Quintessenz von „Einst und jetzt“: Man kommt nicht aus seiner Haut. Jeder lebt sein Leben. Besser, man findet sich damit ab, nimmt sich nicht so wichtig, bleibt sich treu. In Hellers Erinnerungen geht es gar nicht so sehr um seine eigene Person. Die besten Passagen schildern die Welt um ihn herum. Deshalb ist der Ton so versöhnlich, trotz Krieg und schwerer Krank­heit. Es ist ja alles nicht zu ändern. Es ist ja alles gutgegangen.

Ja, Joseph Heller ist einer dieser berüchtigten alten Männer auf Familienfesten. Er erzählt viel, und vieles davon müssen wir nicht wissen. Und dennoch gibt es genug zu erfahren: Über Coney Island und New York, über das Schreiben, über sein Leben. Joseph Heller ist ein großzügiger Mann, der einen geduldigen Zuhörer belohnt.

JAN NOEVENTHIEN

Joseph Heller: „Einst und jetzt. Von Coney Island nach New York“. 315 Seiten, 44 DM

veröffentlicht am 30.11.1999

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