Menschliche Hehlerware

Zwei Staatenlose gelangen in die Gewalt eines virtuellen Staates: Das ist die Ironie des ganz und gar unironischen Romans „Der letzte Ort“ des deutsch-irakischen Schriftstellers Sherko Fatah.

Es ist ein ungleiches Paar, das da im Irak zusammenfindet. Albert hat sich ein Journalistenstipendium besorgt, er will eine Reportage über Museumsplünderungen schreiben, darüber, wie antike Kunstschätze in den Wirren des irakischen Bürgerkriegs geraubt und als Hehlerware verhökert werden. Doch der Ostdeutsche hat noch keine Zeile geschrieben, seit er im Land angekommen ist. Für ein Museum katalogisiert er geplünderte Bestände und beschäftigt sich ansonsten mit sich selbst. Bei der Arbeit trifft er auf Osama, dessen Mutter einst in Ostberlin studierte und der ihn nun als Dolmetscher begleitet. Als Albert und Osama im Land umherfahren und Grabungsstätten inspizieren, werden sie auf einem staubigen Marktplatz von einer Gruppe bewaffneter Männer entführt.

Eine konventionelle Entführungs- und Gefangenschaftsgeschichte, ein Kammerspiel, wie es naheliegen würde, entwickelt Fatah hieraus jedoch nicht. Dafür ist die Lage zu unübersichtlich. Seine beiden Protagonisten werden einigermaßen planlos von einer schiitischen Gruppe an die nächste weitergereicht, auf den Ladeflächen alter Pickups kreuz und quer durch die Wüste gekarrt, in immer neuen Verschlägen, Verliesen und Höhlen versteckt und von Halbwüchsigen mit Kalaschnikows herumgestoßen. Doch so recht weiß niemand etwas mit der menschlichen Hehlerware anzufangen. Nach einer kurzen, missglückten Flucht werden Albert und Osama schließlich von einer Organisation schwer bewaffneter Sunniten übernommen – Bombenbauer im Djihad gegen die Ungläubigen und Häretiker; auf ihrer schwarzen Flagge prangen weiße arabische Schriftzeichen, man fühlt sich erinnert an das Banner des sogenannten Islamischen Staats.

Wie aber hatte es nur soweit kommen können? Ist es wirklich das Interesse am Verbleib antiker Kunstschätze, das den unfokussiert wirkenden, seltsam ziellosen Albert in ein zusammengebrochenes Land wie den Irak getrieben hat? „Diese Leute kannten Geschichte nur als Raubgut und Handelsware“, beklagt sich Albert an einer Stelle über die Einheimischen, die ganz und gar in der unübersichtlichen Gegenwart leben, „sie konservierten nichts, sondern verschacherten es.“ Doch was die Vergangenheit betrifft, scheint Albert selbst eher getrieben von der Geschichte seiner eigenen Familie, die Sherko Fatah in kleinen Rückblenden rekonstruiert: der Erinnerung an seine magersüchtige Schwester, die sich ihrem eigenen Verschwinden entgegenhungert, und an seinen verbitterten Vater, der einst selbst die Welt bereist hatte und nun den Untergang der DDR nicht verwinden kann. Letztlich scheint sich Alberts Familie ebenso aufgelöst zu haben wie das Land, aus dem sie kam.

„Du kannst nicht nachvollziehen wie das ist, wenn dein Staat gerade untergegangen ist“, belehrt also Albert seinen Dolmetscher, und der erwidert: „Doch, das kann ich. Du musst nur aus dem Fenster schauen.“ Seine Heimat ist ein Land, „das allmählich zu zerfallen drohte in immer mehr Einflussgebiete immer neuer Gruppierungen und ihrer Milizen“, wo „nicht einmal sicher war, wem die nächste Straße gehörte.“

Und das ist die Ironie in Sherko Fatahs Geschichte: Zwei Männer, Staatenlose gewissermaßen, die sich nicht mehr in den kollektiven Glaubens- oder Nationalgebilden aufgehoben fühlen, denen sie entstammen und die ihre Identitäten nicht aus ihrer Herkunft ableiten wollen, diese beiden Männer betrachten einander, je länger ihre gemeinsame Gefangenschaft andauert, immer stärker als Repräsentanten dessen, was der jeweils andere für sich längst hinter sich gelassen zu haben glaubt. Jeder von ihnen sieht sich selbst als ein Ich, nicht als Teil eines „wir“, doch im Gespräch miteinander wird das „du“ immer mehr zu einem „ihr“.

„Selbst eure Entführungen sind unkoordiniert und chaotisch“, beklagt sich Albert während ihrer Irrfahrt bei Osama – ohne zu bemerken, dass er seinen Dolmetscher und seine Entführer längst über einen Kamm schert. Und Osama? Lange hatte er die Nähe der Westler gesucht, sich von ihrem Selbstbewusstsein beeindrucken lassen. Doch nun ist ihm klar: Es ist nur ein Bewusstsein ihres westlichen Selbsts: „Sie führten sich noch auf wie Jugendliche, wenn man hierzulande schon Enkel hatte. Dabei waren sie voller Energie und unbelastet von den Zwängen, den Ausweglosigkeiten des Lebens hier.“ Für Osama sind die Männer und Frauen, die aus dem Westen in sein Land gekommen waren, „idealistische, gut ausgebildete, mutige, wohlgenährte Kinder.“ Was sie Freiheit nennen, erscheint ihm als „Verwahrlosung“: „Jeder macht den Unsinn, der ihm gerade einfällt, und so werdet ihr alt. Und damit es hier genauso wird, schickt ihr eure Panzer her.“

Osama wird immer zorniger über den Mangel an Respekt, mit dem Westler wie Albert seiner Heimat begegnen: „Die aus dem Westen waren immer entweder Soldaten oder Touristen. Nicht, dass sie es wirklich waren. Sie hatten diplomatische oder wirtschaftliche Aufgaben, waren gebildete Menschen im besten Alter, meistens Männer. Trotzdem waren sie Soldaten oder Touristen.“ Sie kommen in ein fremdes Land und kreisen doch immer nur um sich selbst: „Die verdammten Ausländer, die an- und abreisten wann sie wollten, jeder von ihnen, ob in Hotelfoyers, im Auto oder, wie dieser Deutsche, bei der Arbeit im Museum, brachte seine Geschichten mit und hielt sie für wichtig genug, um sie wieder und wieder zu erzählen. Das Schlimmste daran war: Die Ausländer konnten diese Geschichten herrlich miteinander teilen, während er, der Einheimische, immer nur zuhören musste.“

Je näher Albert und Osama sich in ihrer Gefangenschaft kommen, desto fremder werden sie sich. Am deutlichsten wird dies, als die beiden Staatenlosen sich nun ausgerechnet in der Gewalt eines selbstberufenen Emirs befinden, der offenbar einen neuen islamischen Staat herbeibomben will. Die Extremerfahrung der Angst, der Ungewissheit, der Gefangenschaft verändert die beiden Männer, die sich durchaus um einander sorgen, und sie legt offen, warum der Dialog zwischen der westlichen und der arabischen Welt so schwierig ist und so häufig scheitert. Und immer noch fragen wir uns, was genau nun eigentlich Albert in dieses Land getrieben hat, das ihm nun zum Verhängnis zu werden droht.

Alberts Vater hatte zumindest noch den Glauben an den Sozialismus, der ihm auf seinen Reisen durch die Welt Halt gegeben hatte. Albert als der vollendete Ungläubige hingegen scheint eher in dieses Abenteuer aufgebrochen zu sein, um sich seiner eigenen Bedeutung als Individuum zu vergewissern. Seine Kunstraub-Reportage bleibt ein Alibi, der Irak dient ihm für seine unglückselige Selbstfindungsmission hauptsächlich als Kulisse: „Was mir noch bleibt, dachte er, ist ein Blick auf Leben und Leiden der anderen, all dieser ungeschützten, leicht fortzuwehenden Menschen, die in ihren Gewändern, in ihren Hütten, auf Höfen und Straßen, Eselskarren und Lastwagen eingesenkt wirken in etwas Größeres wie Romanfiguren in eine Geschichte, ohne die sie keine Bedeutung haben.“

Als Albert sich schließlich in Gefangenschaft befindet, sinniert er: „Es könnte der letzte Ort sein, den ich sehe, hier kann es keine Belanglosigkeit mehr geben.“ Und später: „Noch immer peinigte ihn der Gedanke an sein, wie er es nun empfand, unerfülltes bisheriges Leben.“ Doch als seine unfreiwillige Odyssee durch den Irak an ihr Ende gekommen zu sein scheint, ist ihm klar: „An diesen Ort gekommen zu sein (…) bedeutete nur: verloren gehen, durch das Netz fallen und alsbald vergessen zu werden.“ Und damit würde ihm das zur Bestimmung, was schon sein Dolmetscher Osama über die Menschen aus dem Westen gelernt hat: „Das sind fliegende Menschen. Sie sind wahrhaft frei, so frei, dass sie sich verirren.“

JAN NOEVENTHIEN (veröffentlicht am 1.4.2016)

Sherko Fatah: Der letzte Ort. Luchterhand, 283 Seiten, 19,99 Euro

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