Gewichtsprobleme

Dass einer, der sich in der Kunstwelt herumtreibt, früher oder später in die Drogenszene abrutscht, ist kein Vorgang, von dem man noch nie gehört hätte. In Joachim Lottmanns Roman „Endlich Kokain“ läuft es andersherum: Sein Held Stephan Braum will eigentlich nur etwas Kokain kaufen, doch plötzlich wird er zur festen Größe im Kunstgeschäft. Und auch sonst ändert sich einiges in seinem Leben.

Die Ärzte geben Stephan Braum noch zwei, drei Jahre, dabei ist er gerade mal 53 Jahre alt. Der frühpensionierte Redaktionsbeamte des öffentlich-rechtlichen Fernsehanstaltswesens und linksliberale Langweiler ist schwer fettleibig, sein Körper pfeift auf dem letzten Loch, und auch das nicht mehr besonders laut. Sein alter Sender gewährt ihm ab und an ein Gnadenbrot, Frauen nicht einmal das. Wenn sein Leben sich noch einmal ändern soll, dann muss Braum abnehmen, und als ein windiger Bekannter ihm zu Kokain rät („es gibt nur ein todsicheres Mittel gegen Übergewicht!“), wird er neugierig.

Joachim Lottmanns Drogenroman ist daher zuallererst und vor allem ein Diätroman. Braum schreibt von nun an ein „wissenschaftliches Tagebuch“, penibel protokolliert er seinen Kokainkonsum und die damit verbundenen Wirkungen. Durch Selbstkontrolle und strenge Rationierung versucht er, den Gefahren der Abhängigkeit zu trotzen. Schon bald stellt er vergnügt fest, wie die Pfunde purzeln. Und nicht nur das: Fühlte er sich bislang in Gesellschaft oft unwohl und fehl am Platze, so wird er plötzlich selbstbewusst, charmant und schlagfertig. Nicht nur sein Körper wird fitter, sondern auch sein Geist.

Er findet Freunde. Als Norddeutscher, gestrandet in Wien. Das ist schon mal nicht schlecht. Und nicht nur das: Er findet Geliebte, junge Frauen, die sich von ihm erniedrigen lassen wollen. Letzteres befremdet ihn, befriedigen tut es ihn jedenfalls nicht, aber was soll er machen? Junge, schöne Frauen! Und auch wenn ihm ihre esoterischen Ganseligkeiten manchmal zu schaffen machen, wann hatte er das schon? „Die nie erlebte Jugendzeit – sie konnte kommen! Natürlich nur unter größtmöglicher Kontrolle.“ Natürlich.

Die neuen Freunde, die jungen Frauen, sie alle kommen aus der dekadenten Wiener Kokser-Szene, und die ist eigentlich identisch oder zumindest engstens verwoben mit der Wiener Kunst- und Politikszene, in der sich Braum, der sich immer mehr vom fetten Würstchen zum feschen Burschen wandelt, nun einen festen Platz erobert. Sie alle haben aber auch die gleichen Probleme wie er: Die tiefen Depressionen, die auf die drogeninduzierten Hochphasen folgen, Schwierigkeiten mit der Beschaffung und der schwankenen Qualität des Stoffs, die schleichende Persönlichkeitsveränderung, die mit dem Gebrauch einhergeht.

Sind das Probleme? Klar sind sie das – letztlich ist Braum nicht nur längst drogenschüchtig, er ist ironischerweise auch so magersüchtig wie die jungen Dinger, die er nun begehrt. Aber sind all diese Probleme ein zu hoher Preis für das, was Braum im Vergleich zu seinem vorherigen Leben gewinnt? Ah, geh! Als sein Kokserfreund Hölzl, ein international erfolgreicher Maler, ins Koma fällt und Braum auf nicht ganz ehrbare Weise zu dessen Nachlassverwalter wird, wird er nicht nur eine feste Größe in der Wiener Kunstwelt, auch in Berlin öffnen sich für ihn nun viele Türen. Gegen die lockeren Sitten, die für ihn nun gelten, kann sein altes Spießerleben nicht anstinken.

Natürlich ist es eine eher schlichte Männerphantasie, die sich Joachim Lottmann hier zusammenfabuliert: Ein bisschen weißes Pulver nur, und schon steht der gänzlich aus der Form geratene, mittelalte weiße Mann wieder voll im Saft! Was das amüsant heruntererzählte Buch trotzdem zu so einer angenehmen Lektüre macht, ist der Verzicht auf die Knute bürgerlicher Moral. Nein, es wird sicher nicht alles gut durch die Drogen, aber vieles wird besser. Und vor allem: Es wird nicht alles schlecht. Nie hat man das Gefühl, ohne dass dem Ende des Buches hier vorgegriffen werden soll, dass das alles nur in einem fürchterlichen Absturz enden kann.

Obwohl ihm die Exposition der Geschichte zunächst noch etwas hingehuscht gerät (was vermutlich dem löblichen Ansinnen geschuldet ist, schnell zum Punkt zu kommen), erweist sich Lottmann, der auch als Reporter und Kolumnist tätig ist, als guter Beobachter und unterhaltsamer Erzähler. Mit wenigen Pinselstrichen und einer gekonnten Oberflächlichkeit, die dem Thema des Buches ganz und gar angemessen ist, verwandelt er die Wiener Spezlwirtschaft und den Berliner Kunstbetrieb zu einer bunten Kulisse, durch die er seinen staunenden Helden Stephan Braum erst watscheln, dann stolzieren lässt.

Und dann, das zu erwähnen sollte keinesfalls versäumt werden, enthält das Buch auch noch einige der schönsten Zeilen Fußgängerzonen-Hass, die die neuere Literaturgeschichte zu bieten hat.

JAN NOEVENTHIEN (veröffentlicht am 1.6.2016)

Joachim Lottmann: Endlich Kokain. KiWi, kartoniert, 250 Seiten, 9,99 Euro

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