Archiv der Kategorie: Feuilleton

Wenn die Verdrängung dich nicht mehr über Wasser hält

Ihre Freunde heißen Jonas, Karl und Leonie, und damit weiß man schon das meiste, was man über sie wissen muss. Gemeinsam mit der Ich-Erzählerin Nora leben sie in einer funktionierenden Viererbeziehung, wobei „funktionierend“ hier vor allem heißt: Die polyamouröse Konstellation erlaubt es allen Beteiligten, nicht oder zumindest möglichst wenig allein zu sein. Dass man sich in so einer Konstellation allerdings nicht ewig vor sich selbst und seiner Vergangenheit verstecken kann, davon erzählt Ronja von Rönnes höchst gegenwärtiger Debütroman „Wir kommen“.

Nora hat neuerdings Panikattacken, Leonie Essstörungen, und Jonas und Karl schreiben gerade an irgendwelchen Sachen, irgendetwas zu postulieren gibt es für Männer schließlich immer. Das Miteinander der Viererclique ist eher ein intensives, enges Nebeneinander, knisternde Erotik, wie man das wohl in Fachkreisen nennt, sucht man allerdings vergebens, und allein schon dafür ist der Autorin unbedingt zu danken. Das Quartett mit dem komplizierten Beziehungsstatus lebt, das sollte mittlerweile klar geworden sein, in Berlin, der Welthauptstadt der Neuen Uneigentlichkeit, in der selbst Gruppensex, den wir hier draußen in den Wäldern immer noch verdammt ernst nehmen, nur ironisch laufen kann.

In normalen Paarbeziehungen, das wissen wir alle, muss, wenn die Probleme beginnen, schnell ein Kind gemacht werden, mit einem Kind wird alles besser, aber hier gibt es schon ein Kind, die vier haben ja überhaupt schon alles, darunter eben auch ein Kind, das niemals spricht, und sogar eine Schildkröte (die ebenfalls nicht spricht, aber das tut an dieser Stelle nichts zur Sache). Also behilft man sich mit einer Flucht aus Berlin ans Meer, in ein Ferienhaus an der Ostsee. Der Wind braust um die vier herum, Wellen schlagen an den Strand, und als auch das nicht mehr hilft, ergreift man eben die Flucht vor der Flucht und lädt alle Berliner Freunde zur großen Party ein. Dass Die Große Party am Ende aber auch nichts mehr retten wird, man ahnt es bereits, das ist nun mal der traurige Lauf der Dinge, darin unterscheiden sich Berlin und der Rest der Welt nur unwesentlich.

Man könnte Ronja von Rönnes Roman leichthin abtun als eine weitere dieser vielen Twentysomethings-lost-in-Berlin-Geschichten voller lethargisch-verschlurft vor sich hinscheiternder Projektluschen und Medienkreaturen, als eine dieser Geschichten, die jetzt alle schreiben, die meinen, dass ein Roman unbedingt zu ihrem Lebensplan dazugehört. Zu diesem Eindruck verführt zuallererst schon der patentierte Tonfall, mit dem Rönne ihre Hauptfigur Nora, die beruflich wohl irgendwas im Fernsehen moderiert, demnächst aber irgendwas anderes im Fernsehen moderieren soll, erzählen lässt: schulterzuckend, selbstbezogen, routiniert lakonisch, hilflos abgeklärt, irgendwie ratlos und doch auch irgendwie smart-ass. Und so lässt sie die Sätze beiläufig mäandern, und dann wird noch ein Halbsatz angehängt, der mit „und“ beginnt und dem Satz noch einen neuen Dreh gibt. Oft gefolgt von einem sehr kurzem Satz.

Vielleicht neigt man auch deshalb dazu, das Buch allzu leicht zu nehmen, weil man das Gefühl hat, dass die Autorin ihre Figuren selbst nicht so richtig ernst nimmt. Die vier Protagonisten jedenfalls bekommt man nicht so recht zu fassen. Sie sind zu clever, um sich wirklich auf Dinge einzulassen, und gleichzeitig unablässig beschäftigt mit der Frage, wie etwas wirkt, wie etwas aussieht, ob etwas cool ist. Sie leben, als ob sie einen Instagram-Filter über ihr ganzes Leben gelegt haben, der zwar selbst die hässlichsten Ecken in ein angenehmes Licht taucht, aber eben auch dafür sorgt, dass am Ende alles gleich aussieht. Im Grunde könnte man „Wir kommen“ für das gleiche kritisieren, aber dafür müsste man Ronja von Rönnes Erzählperspektive mit der Weltsicht ihrer Protagonisten verwechseln. Einige Kritiker haben das durchaus getan, dabei aber übersehen, dass Rönne das uneigentliche Leben ihrer Protagonisten (von einem „Lebensgefühl“ mag man hier gar nicht sprechen, und auch dafür ist der Autorin unbedingt zu danken) lakonisch und präzise einfängt.

Ronja von Rönne, die als Autorin für das Feuilleton der „Welt“ schreibt und das lesenswerte Blog „Sudelheft“ betreibt, gelingt mit „Wir kommen“ der Kunstgriff, eine geschmeidige Ironie in den Bericht der Ich-Erzählerin zu legen, die der Ich-Erzählerin Nora selbst nicht bewusst ist. Denn schnell wird klar, dass Nora einiges zu verdrängen hat, und damit sind wir bei der zweiten, viel interessanteren Geschichte, die der Roman entfaltet: das obligatorische dunkle Geheimnis aus der Kindheit, das sich schleichend der Gegenwart bemächtigt. Dass hinter der gefilterten Instagram-Sprache noch etwas anderes lauert als das, was Nora sich und allen anderen weismachen will, das lässt Rönne gekonnt mitschwingen.

Verdrängung ist, was uns über Wasser hält, hat ein kluger Blogger mal geschrieben, aber Noras wiederkehrende Panikattacken sind ein deutliches Zeichen dafür, dass dieser Auftrieb-Mechanismus für sie nicht mehr funktioniert. Sie versucht zu verstehen, was los ist mit dieser knarzenden Viererbeziehung, mit ihrer alten Jugendfreundin Maja, mit deren Todesanzeige das Buch beginnt, mit dem Geheimnis aus der Vergangenheit. All das schreibt Nora auf, weil ihr Therapeut gerade im Urlaub ist, und Ronja von Rönne gelingt es, alledem schöne beiläufige Pointen abzugewinnen, obwohl kaum etwas Komisches geschieht und der Ich-Erzählerin schon lange nicht mehr zum Lachen zumute ist.

JAN NOEVENTHIEN (veröffentlicht am 1.9.2016)

Ronja von Rönne: Wir kommen. Aufbau, gebunden, 205 Seiten, 18,95 Euro

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Gewichtsprobleme

Dass einer, der sich in der Kunstwelt herumtreibt, früher oder später in die Drogenszene abrutscht, ist kein Vorgang, von dem man noch nie gehört hätte. In Joachim Lottmanns Roman „Endlich Kokain“ läuft es andersherum: Sein Held Stephan Braum will eigentlich nur etwas Kokain kaufen, doch plötzlich wird er zur festen Größe im Kunstgeschäft. Und auch sonst ändert sich einiges in seinem Leben.

Die Ärzte geben Stephan Braum noch zwei, drei Jahre, dabei ist er gerade mal 53 Jahre alt. Der frühpensionierte Redaktionsbeamte des öffentlich-rechtlichen Fernsehanstaltswesens und linksliberale Langweiler ist schwer fettleibig, sein Körper pfeift auf dem letzten Loch, und auch das nicht mehr besonders laut. Sein alter Sender gewährt ihm ab und an ein Gnadenbrot, Frauen nicht einmal das. Wenn sein Leben sich noch einmal ändern soll, dann muss Braum abnehmen, und als ein windiger Bekannter ihm zu Kokain rät („es gibt nur ein todsicheres Mittel gegen Übergewicht!“), wird er neugierig.

Joachim Lottmanns Drogenroman ist daher zuallererst und vor allem ein Diätroman. Braum schreibt von nun an ein „wissenschaftliches Tagebuch“, penibel protokolliert er seinen Kokainkonsum und die damit verbundenen Wirkungen. Durch Selbstkontrolle und strenge Rationierung versucht er, den Gefahren der Abhängigkeit zu trotzen. Schon bald stellt er vergnügt fest, wie die Pfunde purzeln. Und nicht nur das: Fühlte er sich bislang in Gesellschaft oft unwohl und fehl am Platze, so wird er plötzlich selbstbewusst, charmant und schlagfertig. Nicht nur sein Körper wird fitter, sondern auch sein Geist.

Er findet Freunde. Als Norddeutscher, gestrandet in Wien. Das ist schon mal nicht schlecht. Und nicht nur das: Er findet Geliebte, junge Frauen, die sich von ihm erniedrigen lassen wollen. Letzteres befremdet ihn, befriedigen tut es ihn jedenfalls nicht, aber was soll er machen? Junge, schöne Frauen! Und auch wenn ihm ihre esoterischen Ganseligkeiten manchmal zu schaffen machen, wann hatte er das schon? „Die nie erlebte Jugendzeit – sie konnte kommen! Natürlich nur unter größtmöglicher Kontrolle.“ Natürlich.

Die neuen Freunde, die jungen Frauen, sie alle kommen aus der dekadenten Wiener Kokser-Szene, und die ist eigentlich identisch oder zumindest engstens verwoben mit der Wiener Kunst- und Politikszene, in der sich Braum, der sich immer mehr vom fetten Würstchen zum feschen Burschen wandelt, nun einen festen Platz erobert. Sie alle haben aber auch die gleichen Probleme wie er: Die tiefen Depressionen, die auf die drogeninduzierten Hochphasen folgen, Schwierigkeiten mit der Beschaffung und der schwankenen Qualität des Stoffs, die schleichende Persönlichkeitsveränderung, die mit dem Gebrauch einhergeht.

Sind das Probleme? Klar sind sie das – letztlich ist Braum nicht nur längst drogenschüchtig, er ist ironischerweise auch so magersüchtig wie die jungen Dinger, die er nun begehrt. Aber sind all diese Probleme ein zu hoher Preis für das, was Braum im Vergleich zu seinem vorherigen Leben gewinnt? Ah, geh! Als sein Kokserfreund Hölzl, ein international erfolgreicher Maler, ins Koma fällt und Braum auf nicht ganz ehrbare Weise zu dessen Nachlassverwalter wird, wird er nicht nur eine feste Größe in der Wiener Kunstwelt, auch in Berlin öffnen sich für ihn nun viele Türen. Gegen die lockeren Sitten, die für ihn nun gelten, kann sein altes Spießerleben nicht anstinken.

Natürlich ist es eine eher schlichte Männerphantasie, die sich Joachim Lottmann hier zusammenfabuliert: Ein bisschen weißes Pulver nur, und schon steht der gänzlich aus der Form geratene, mittelalte weiße Mann wieder voll im Saft! Was das amüsant heruntererzählte Buch trotzdem zu so einer angenehmen Lektüre macht, ist der Verzicht auf die Knute bürgerlicher Moral. Nein, es wird sicher nicht alles gut durch die Drogen, aber vieles wird besser. Und vor allem: Es wird nicht alles schlecht. Nie hat man das Gefühl, ohne dass dem Ende des Buches hier vorgegriffen werden soll, dass das alles nur in einem fürchterlichen Absturz enden kann.

Obwohl ihm die Exposition der Geschichte zunächst noch etwas hingehuscht gerät (was vermutlich dem löblichen Ansinnen geschuldet ist, schnell zum Punkt zu kommen), erweist sich Lottmann, der auch als Reporter und Kolumnist tätig ist, als guter Beobachter und unterhaltsamer Erzähler. Mit wenigen Pinselstrichen und einer gekonnten Oberflächlichkeit, die dem Thema des Buches ganz und gar angemessen ist, verwandelt er die Wiener Spezlwirtschaft und den Berliner Kunstbetrieb zu einer bunten Kulisse, durch die er seinen staunenden Helden Stephan Braum erst watscheln, dann stolzieren lässt.

Und dann, das zu erwähnen sollte keinesfalls versäumt werden, enthält das Buch auch noch einige der schönsten Zeilen Fußgängerzonen-Hass, die die neuere Literaturgeschichte zu bieten hat.

JAN NOEVENTHIEN (veröffentlicht am 1.6.2016)

Joachim Lottmann: Endlich Kokain. KiWi, kartoniert, 250 Seiten, 9,99 Euro

Menschliche Hehlerware

Zwei Staatenlose gelangen in die Gewalt eines virtuellen Staates: Das ist die Ironie des ganz und gar unironischen Romans „Der letzte Ort“ des deutsch-irakischen Schriftstellers Sherko Fatah.

Es ist ein ungleiches Paar, das da im Irak zusammenfindet. Albert hat sich ein Journalistenstipendium besorgt, er will eine Reportage über Museumsplünderungen schreiben, darüber, wie antike Kunstschätze in den Wirren des irakischen Bürgerkriegs geraubt und als Hehlerware verhökert werden. Doch der Ostdeutsche hat noch keine Zeile geschrieben, seit er im Land angekommen ist. Für ein Museum katalogisiert er geplünderte Bestände und beschäftigt sich ansonsten mit sich selbst. Bei der Arbeit trifft er auf Osama, dessen Mutter einst in Ostberlin studierte und der ihn nun als Dolmetscher begleitet. Als Albert und Osama im Land umherfahren und Grabungsstätten inspizieren, werden sie auf einem staubigen Marktplatz von einer Gruppe bewaffneter Männer entführt.

Eine konventionelle Entführungs- und Gefangenschaftsgeschichte, ein Kammerspiel, wie es naheliegen würde, entwickelt Fatah hieraus jedoch nicht. Dafür ist die Lage zu unübersichtlich. Seine beiden Protagonisten werden einigermaßen planlos von einer schiitischen Gruppe an die nächste weitergereicht, auf den Ladeflächen alter Pickups kreuz und quer durch die Wüste gekarrt, in immer neuen Verschlägen, Verliesen und Höhlen versteckt und von Halbwüchsigen mit Kalaschnikows herumgestoßen. Doch so recht weiß niemand etwas mit der menschlichen Hehlerware anzufangen. Nach einer kurzen, missglückten Flucht werden Albert und Osama schließlich von einer Organisation schwer bewaffneter Sunniten übernommen – Bombenbauer im Djihad gegen die Ungläubigen und Häretiker; auf ihrer schwarzen Flagge prangen weiße arabische Schriftzeichen, man fühlt sich erinnert an das Banner des sogenannten Islamischen Staats.

Wie aber hatte es nur soweit kommen können? Ist es wirklich das Interesse am Verbleib antiker Kunstschätze, das den unfokussiert wirkenden, seltsam ziellosen Albert in ein zusammengebrochenes Land wie den Irak getrieben hat? „Diese Leute kannten Geschichte nur als Raubgut und Handelsware“, beklagt sich Albert an einer Stelle über die Einheimischen, die ganz und gar in der unübersichtlichen Gegenwart leben, „sie konservierten nichts, sondern verschacherten es.“ Doch was die Vergangenheit betrifft, scheint Albert selbst eher getrieben von der Geschichte seiner eigenen Familie, die Sherko Fatah in kleinen Rückblenden rekonstruiert: der Erinnerung an seine magersüchtige Schwester, die sich ihrem eigenen Verschwinden entgegenhungert, und an seinen verbitterten Vater, der einst selbst die Welt bereist hatte und nun den Untergang der DDR nicht verwinden kann. Letztlich scheint sich Alberts Familie ebenso aufgelöst zu haben wie das Land, aus dem sie kam.

„Du kannst nicht nachvollziehen wie das ist, wenn dein Staat gerade untergegangen ist“, belehrt also Albert seinen Dolmetscher, und der erwidert: „Doch, das kann ich. Du musst nur aus dem Fenster schauen.“ Seine Heimat ist ein Land, „das allmählich zu zerfallen drohte in immer mehr Einflussgebiete immer neuer Gruppierungen und ihrer Milizen“, wo „nicht einmal sicher war, wem die nächste Straße gehörte.“

Und das ist die Ironie in Sherko Fatahs Geschichte: Zwei Männer, Staatenlose gewissermaßen, die sich nicht mehr in den kollektiven Glaubens- oder Nationalgebilden aufgehoben fühlen, denen sie entstammen und die ihre Identitäten nicht aus ihrer Herkunft ableiten wollen, diese beiden Männer betrachten einander, je länger ihre gemeinsame Gefangenschaft andauert, immer stärker als Repräsentanten dessen, was der jeweils andere für sich längst hinter sich gelassen zu haben glaubt. Jeder von ihnen sieht sich selbst als ein Ich, nicht als Teil eines „wir“, doch im Gespräch miteinander wird das „du“ immer mehr zu einem „ihr“.

„Selbst eure Entführungen sind unkoordiniert und chaotisch“, beklagt sich Albert während ihrer Irrfahrt bei Osama – ohne zu bemerken, dass er seinen Dolmetscher und seine Entführer längst über einen Kamm schert. Und Osama? Lange hatte er die Nähe der Westler gesucht, sich von ihrem Selbstbewusstsein beeindrucken lassen. Doch nun ist ihm klar: Es ist nur ein Bewusstsein ihres westlichen Selbsts: „Sie führten sich noch auf wie Jugendliche, wenn man hierzulande schon Enkel hatte. Dabei waren sie voller Energie und unbelastet von den Zwängen, den Ausweglosigkeiten des Lebens hier.“ Für Osama sind die Männer und Frauen, die aus dem Westen in sein Land gekommen waren, „idealistische, gut ausgebildete, mutige, wohlgenährte Kinder.“ Was sie Freiheit nennen, erscheint ihm als „Verwahrlosung“: „Jeder macht den Unsinn, der ihm gerade einfällt, und so werdet ihr alt. Und damit es hier genauso wird, schickt ihr eure Panzer her.“

Osama wird immer zorniger über den Mangel an Respekt, mit dem Westler wie Albert seiner Heimat begegnen: „Die aus dem Westen waren immer entweder Soldaten oder Touristen. Nicht, dass sie es wirklich waren. Sie hatten diplomatische oder wirtschaftliche Aufgaben, waren gebildete Menschen im besten Alter, meistens Männer. Trotzdem waren sie Soldaten oder Touristen.“ Sie kommen in ein fremdes Land und kreisen doch immer nur um sich selbst: „Die verdammten Ausländer, die an- und abreisten wann sie wollten, jeder von ihnen, ob in Hotelfoyers, im Auto oder, wie dieser Deutsche, bei der Arbeit im Museum, brachte seine Geschichten mit und hielt sie für wichtig genug, um sie wieder und wieder zu erzählen. Das Schlimmste daran war: Die Ausländer konnten diese Geschichten herrlich miteinander teilen, während er, der Einheimische, immer nur zuhören musste.“

Je näher Albert und Osama sich in ihrer Gefangenschaft kommen, desto fremder werden sie sich. Am deutlichsten wird dies, als die beiden Staatenlosen sich nun ausgerechnet in der Gewalt eines selbstberufenen Emirs befinden, der offenbar einen neuen islamischen Staat herbeibomben will. Die Extremerfahrung der Angst, der Ungewissheit, der Gefangenschaft verändert die beiden Männer, die sich durchaus um einander sorgen, und sie legt offen, warum der Dialog zwischen der westlichen und der arabischen Welt so schwierig ist und so häufig scheitert. Und immer noch fragen wir uns, was genau nun eigentlich Albert in dieses Land getrieben hat, das ihm nun zum Verhängnis zu werden droht.

Alberts Vater hatte zumindest noch den Glauben an den Sozialismus, der ihm auf seinen Reisen durch die Welt Halt gegeben hatte. Albert als der vollendete Ungläubige hingegen scheint eher in dieses Abenteuer aufgebrochen zu sein, um sich seiner eigenen Bedeutung als Individuum zu vergewissern. Seine Kunstraub-Reportage bleibt ein Alibi, der Irak dient ihm für seine unglückselige Selbstfindungsmission hauptsächlich als Kulisse: „Was mir noch bleibt, dachte er, ist ein Blick auf Leben und Leiden der anderen, all dieser ungeschützten, leicht fortzuwehenden Menschen, die in ihren Gewändern, in ihren Hütten, auf Höfen und Straßen, Eselskarren und Lastwagen eingesenkt wirken in etwas Größeres wie Romanfiguren in eine Geschichte, ohne die sie keine Bedeutung haben.“

Als Albert sich schließlich in Gefangenschaft befindet, sinniert er: „Es könnte der letzte Ort sein, den ich sehe, hier kann es keine Belanglosigkeit mehr geben.“ Und später: „Noch immer peinigte ihn der Gedanke an sein, wie er es nun empfand, unerfülltes bisheriges Leben.“ Doch als seine unfreiwillige Odyssee durch den Irak an ihr Ende gekommen zu sein scheint, ist ihm klar: „An diesen Ort gekommen zu sein (…) bedeutete nur: verloren gehen, durch das Netz fallen und alsbald vergessen zu werden.“ Und damit würde ihm das zur Bestimmung, was schon sein Dolmetscher Osama über die Menschen aus dem Westen gelernt hat: „Das sind fliegende Menschen. Sie sind wahrhaft frei, so frei, dass sie sich verirren.“

JAN NOEVENTHIEN (veröffentlicht am 1.4.2016)

Sherko Fatah: Der letzte Ort. Luchterhand, 283 Seiten, 19,99 Euro

Der freie Wille in Berlin und Baku

Mit guten Geschichten ist es wie mit den Menschen: Sie werden besser, wenn sie Berlin hinter sich lassen. Das gilt auch für die Geschichte, die Olga Grjasnowa in ihrem zweiten Roman „Die juristische Unschärfe einer Ehe“ erzählt.

In Berlin leben, wie nahezu alle Menschen, von denen heutzutage Literatur handelt, Leyla und Altay. Die beiden sind verheiratet, und zwar miteinander, und das ist durchaus erwähnenswert, denn Leyla ist lesbisch und Altay ist schwul. Die Ehe hat ihnen einige Probleme vom Hals gehalten, die man als homosexueller Mensch leicht bekommen kann, wenn man wie Leyla und Altay in Baku aufwächst und später in Moskau lebt, wo Leyla am Bolschoi-Theater tanzt, während Altay seine erste Assistenzarztstelle antritt und auf dem Weg zur Arbeit darauf achtet, keinen homophoben Schlägerbanden in die Arme zu laufen.

Erst in Berlin erleben sie zum ersten Mal einen „Zusammenhang zwischen Glück und Homosexualität. Beide waren mit dem Horrorszenario eines homosexuellen Lebens aufgewachsen – Coming-out, Diskriminierung, Krankheit, Tod. In Berlin kamen Liebe, Partnerschaft und Begehren dazu.“ In Berlin sind Leyla und Altay so frei, dass sie nun sogar mit der Heterosexualität experimentieren und miteinander schlafen, und das läuft gar nicht schlecht. Was vielleicht einmal als Scheinehe angefangen haben mag, erweist sich als ein durchaus enger Bund.

Das wiederum ist ein Problem für Jonoun, die sich in einer Berliner Kneipe in Leyla verliebt hat und sich plötzlich in einer Dreierbeziehung wiederfindet, in der am Ende keine und keiner das Glück findet. Jonoun kommt an Altay nicht vorbei, Altay ist eifersüchtig und wird immer besitzergreifender gegenüber Leyla, er redet plötzlich von Kindern. Leyla, die Ballerina, unterwirft ihren Körper einem unnachgiebigen autoritären Regime, erträgt aber Altays zunehmendes Besitzstreben nicht und macht sich schließlich aus dem Staub nach Baku, die Stadt ihrer Kindheit. Hier müssen Altay und Jonoun sie einige Wochen später aus dem Gefängnis holen, weil Leyla bei einem illegalen Autorennen verhaftet wurde. Hier beginnt die Geschichte, und hier nimmt sie zugleich auch ihre entscheidende Wendung.

Die Ehe, die Leyla und Altay leben und deren nicht nur juristische Unschärfe hier verhandelt wird, ist offen und voller Freiheiten nach allen Seiten. Allzu starre Identitäten hat keiner der Protagonisten, die sexuellen Interessen und Präferenzen sind flatterhaft, die ethnischen Hintergründe vielfältig, und das macht die Protagonisten und ihre Motive auch für den Leser nicht immer leicht zu fassen. Unschärfe kennzeichnet die ganze Geschichte, die Grjasnowa hier erzählt, und man kann die leichte Schwammigkeit der Charakterzeichnung durchaus beklagen – zumal die Vorgeschichten der Charaktere in Rückblenden recht präzise ausfabuliert werden. Aber gerade dieses Ungefähre entwickelt sich immer mehr zu einer tonangebenden Stärke des Romans.

Das gilt noch nicht unbedingt für dessen erste Hälfte, die in Deutschland spielt und erzählt, wie Jonoun in Leylas und Altays Leben tritt. Aber als Leyla zu Beginn des zweiten Teils (nicht ohne symbolischen Hintersinn) aus dem Gefängnis entlassen wird, kommt die Geschichte in Fahrt. Grjasnowa, die selbst aus Baku stammt, zeigt die allgegenwärtige Korruption und Willkür in der autoritären postsowjetischen Rohstoff-Diktatur Aserbaidschans in vielen schillernden Details. Sie erzählt von einer Gesellschaft, deren Frauen Leyla wie „eine ganze Armee unglücklicher Madame Bovarys“ erscheinen und zeichnet starke Porträts von den Menschen in Leylas Familie (wie überhaupt die Nebenfiguren meist einen viel stärkeren, klareren Eindruck hinterlassen). Als Leyla und Jonoun sich auf den Weg machen, um mit dem alten Porsche von Leylas Vater durch das Land und schließlich durch Georgien und Armenien bis nahe an die iranische Grenze fahren, kann man in jeder Szene spüren, wie die beiden Frauen, je weiter sie reisen, sich dabei auf engstem Raum auch immer weiter voneinander entfernen. Hier findet das Buch, das auf den ersten Seiten hier und da noch mit einigen Sätzen versucht, einen schnodderigen, beiläufigen Pop-Roman-Ton anzuschlagen, nun endgültig zu sich, und auch der naheliegenden Gefahr, in ausgefahrene Roadmovie-Klischees zu kippen, kann Grjasnowa widerstehen.

Wie frei waren sie wirklich in Berlin, das ist die Frage, die sich währenddessen Altay stellt, als er sich in Baku in Farid verliebt. In Aserbaidschan kannst du alles sein, sogar schwul, du musst nur Macht und Geld haben. Unterdrückt wird in erster Linie nicht, wer anders, sondern wer schwächer ist. In Berlin, ohne Macht und mit dem Gehalt eines Assistenzarztes in der Krankhauspsychiatrie, war Altay zwar nicht unterdrückt, aber nur solange er sich in die gesellschaftliche Rolle fügte, die ihm in dieser Stadt, in der die Libertinage eher Fetisch als Freiheit ist, zugedacht war, ließ man ihn mitspielen.

Und was ist diese scheinbare Libertinage, etwa ein durchtanztes Wochenende im Berghain mit eingeschobenem Gelegenheitssex, schon gegen die irre Dekadenz der neureichen Bonzen des aserbaidschanischen Geldadels und ihrer Kinder? „Der Westen hatte sie enttäuscht. Er war ihrer Kaufkraft nicht gewachsen, und die Demokratie galt nicht für die Inhaber ausländischer Pässe – vor allem nicht für solche aus bösen Ländern.“ Am gegenüberliegenden Ufer des Kaspischen Meeres hingegen liegen Russland, Turkmenistan und der Iran – „alle voller Verbrechen und Verheißungen.“

Als Leyla klar wird, dass Jonoun nicht ihre Zukunft ist, kehrt sie um. Kehrt sie auch zurück zu Altay? Werden sie ein Kind bekommen? „Die wichtigste Aufgabe eines jeden Menschen besteht darin, die Ehe zu verkraften“, hatte Leylas Mutter ihr schon vor Beginn der Reise auf den Weg gegeben. In der Ehe werde jeder irgendwann besitzergreifend. Ihr Rat: „Weitermachen wie bisher.“

Ob Leyla und Altay weitermachen wie bisher, diese Frage ist in einem Buch, das mit der Unschärfe seiner Geschichten und Figuren spielt, aber auch nicht die entscheidende. Schon in Berlin hatte Leyla erkannt: „Der freie Wille ist eine schwierige Sache.“ Dort vielleicht noch mehr als anderswo.

JAN NOEVENTHIEN (veröffentlicht am 1.3.2016)

Olga Grjasnowa: Die juristische Unschärfe einer Ehe. Carl Hanser Verlag, 264 Seiten, 19,90 Euro

Das Hannover in jedem von uns

Der nächste Bundespräsident kommt vermutlich aus der gleichen Stadt, die schon Lena Meyer-Landrut von der Leine ließ. Was ist da los? Wo soll das alles enden? Jan Noeventhien hat nachgesehen.

Hannover ist aus seiner Mitte gefallen. Die Begeisterung, mit der 40.000 Insassen dieser Stadt Lena Meyer-Landruts Rückkehr aus Oslo feierten, hatte tumulthafte Züge. Noch im November hatte sich eine ähnlich große Menschenmasse versammelt, um gemeinsam und schweigend den Freitod Robert Enkes zu verarbeiten. Für eine Stadt wie Hannover, die eigentlich als norddeutsch-nüchtern, ruhig und unerschütterlich gilt, sind das erstaunlich extreme Ausschläge auf der Emotionsskala. »Sturmfest und erdverwachsen« hat man hier zu sein, folgt man dem traditionellen Niedersachsen-Lied.

Bislang funktionierte Hannover vor allem als Klischee. Man kann aus Wanne-Eickel kommen oder aus Gera. Aber wenn man aus Hannover kommt, ist man automatisch Botschafter für ein Bündel ewig gleicher Zuschreibungen. Auch in der bundesweiten Lena-Berichterstattung tauchten die üblichen Verdächtigen wieder reflexhaft auf, ohne dass sie etwas mit der Sache zu tun hatten: Der Currywurst-Kanzler. Die Scorpions. Das reinste Hochdeutsch. Die Messe. Auch wer noch nie in dieser Stadt war, meint sie zu kennen. Denn Langeweile kennen wir doch alle.

Der Hannoveraner ist stolz auf seine Stadt, fühlt sich aber immer unter Rechtfertigungsdruck: Für eine Stadt dieser Größenordnung sei das kulturelle Angebot nun wirklich herausragend! Die kurzen Wege! Das viele Grün! Die hohe Lebensqualität! Der ausgezeichnete öffentliche Personennahverkehr! Überhaupt die guten Verkehrsanbindungen! Und erst der Zoo! Alles richtig. Und alles egal. Denn jenseits des Ortschilds steht Hannover für Langeweile, Biederkeit und Provinzialität. Und wie überall in der Provinz wird das, was die Auswärtigen sagen, allemal wichtiger genommen als das eigene Empfinden.

Nirgendwo kann man besser sehen, dass die Zukunft ihre beste Zeit schon hinter sich hat

Insofern kann vieles, was in dieser Stadt geschieht, als Kompensation eines Minderwertigkeits-Komplexes verstanden werden: Die »erste Weltausstellung auf deutschem Boden«. Die Management-Hochschule. Das Hirnforschungszentrum. Natürlich immer alles Exzellenz im Weltmaßstab – so wie die Scorpions (und letztere sogar mit einem auskömmlichen Geschäftsmodell). »Hannover hat ein neues Selbstbewusstsein entwickelt«, erklärt der niedersächsische Noch-Ministerpräsident Christian Wulff, wenn er auf die Spätfolgen der Expo 2000 angesprochen wird. Über das alte Selbstbewusstsein sagt das erst mal nichts Gutes. Und überhaupt: Wer selbstbewusst ist, redet nicht drüber.

Nirgendwo kann man besser sehen, dass die Zukunft ihre beste Zeit schon hinter sich hat, als auf dem Expo-Gelände, das sich zu einer charmanten Mischung aus Gewerbegebiet und Geisterstadt gemausert hat. »Es sieht aus wie der ausgeträumte Traum vom Kapitalismus«, berichtet Christian Petzold, der wesentliche Teile seines Gespensterfilms »Yella« hier gedreht hat, »so futuristisch wie Brasilia, so künstlich, so unendlich weit entfernt von jedem Zentrum«, dass Zinedine Zidane vermutlich hier »die Idee zu seinem Kopfstoß« gehabt habe. Wer hat vergleichbares schon einmal über Berlin gehört?

Noch heute gedenkt man der wartezeitenintensiven Weltausstellung gelegentlich durch rituelles Schlangestehen ― allerdings nicht mehr auf dem Expo-Gelände, sondern vor der Marktkirche mitten im Epizentrum hannoverscher Stadtlichkeit. Nämlich dann, wenn Margot Käßmann wieder einmal predigt, dass niemand tiefer fallen könne als in Gottes Hand. Was im Falle Hannovers (55 Meter über dem Meeresspiegel) nicht gerade von einer stolzen Fallhöhe zeugt ― und ansonsten leider offen lässt, was Gott derweil mit seiner anderen Hand treibt.

Hannover war aber nicht nur Austragungsort der Expo, sondern einer weiteren Veranstaltung von internationalem Renommee: der Chaostage, eines buntscheckigen, von Tom Clancy zum literarischen Topos geadelten Punktertreffens, das zumeist feucht-friedlich verlief, manchmal aber eben nicht. Als während der gewaltsamen Ausschreitungen des 1995er Jahrgangs ein schon etwas angeschickerter Punk von Journalisten gefragt wurde, warum man ausgerechnet diese Stadt in Schutt und Asche legen wolle, erklärte dieser nach einigem Insistieren: Hannover sei scheiße, denn es könnte überall sein.

Hannover ist tatsächlich überall. Der Wille, der eigenen Provinzialität zu entrinnen, indem man Investitionsruinen in die Landschaft stellt, ist ja kein niedersächsisches Alleinstellungsmerkmal. Das Desaster am Nürburgring, die Kongresszentrums-Posse in Bonn und die potemkinsche Hauptstadtkulisse, die sich Berlin hingeklotzt hat: Alle diese putzigen und zugleich kosteninvensiven Versuche, dem Fluch der Peripherie zu entkommen, kamen auch ohne Hilfe aus Hannover zustande. Und selbst die stolzen Hamburger übernehmen sich gerade mit einer Elbphilharmonie.

Mehr sein zu wollen, als die anderen in einem sehen: Diese Sehnsucht ist nur allzu menschlich, und insofern steckt Hannover in jedem von uns. In Hannover ist Deutschland ganz bei sich. Insofern ist es auch kein Zufall, dass mit Gottfried Wilhelm Leibniz der letzte Universalgelehrte ausgerechnet in Hannover wirkte. Und genauso wenig ist es ein Zufall ist, dass die notorischsten Hannover-Spötter aus mürben Siedlungen mit Namen wie Nürtingen kommen. Wenn irgendwo Hannover durch den Kakao gezogen wird, arbeitet sich meist bloß wieder jemand an seiner  Jugend zwischen den Reihenhauskolonnen einer Berufspendlersiedlung im Einzugsbereich einer regionalen Mittelmetropole mit angrenzendem Naherholungsgebiet ab.

Und so ist auch die Liebe der Hannoveraner zu Robert Enke nicht nur mit seinen sportlichen Leistungen zu erklären. Sondern auch mit einem etwas ungläubigen Stolz darauf, dass »so einer« tatsächlich seine Zelte in Hannover aufgeschlagen hat, ohne bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit gleich weiterzuziehen. Enke war nicht nur eine Identifikationsfigur, sondern auch ein Ausweis dafür, dass man mehr als nur Mittelmaß vorzuweisen habe.

Nach Enkes Tod wirkte die ganze Stadt wie betäubt, und tatsächlich scheint sich in jenen Tagen, die von vielen als hysterisch empfunden wurden, ein neues Zusammengehörigkeitsgefühl entwickelt zu haben, das über die Trauerreden der offiziellen Repräsentanten hinausweist. Das hat sich im dramatischen Kampf von Hannover 96 um den Bundesliga-Klassenerhalt gezeigt, beim Gewinn der Eishockey-Meisterschaft durch die Hannover Scorpions (ja, die Scorpions sind allgegenwärtig) – und nun eben beim Grand-Prix-Triumph von Lena Meyer-Landrut.

Wir können alles – außer Berlinmitte!

Heute ist der Hannoveraner bereit, sich selbst zu feiern. Schwierig zu sagen, ob das ein Fortschritt ist. Aber noch während der Expo war das gänzlich anders, als beispielsweise die kritische Berichterstattung über verfehlte Ziele und mäßigen Unterhaltungswert dieser Veranstaltung heftigst beköhlert wurde als heimtückische Verschwörung hämischer Hannover-Hasser, die der Stadt nichts Gutes gönnen würden.

Doch wirklich im Reinen ist der Hannoveraner mit sich selbst und seinem Hannoversein auch heute noch nicht. Sonst würde er nicht ebenso langweilig wie vergeblich gegen das übermächtige Langeweile-Image anreden, sondern es selbstbewusst umarmen und damit endlich bei sich selbst ankommen: Überall ist Krise und Kuddelmuddel – hier ist es ruhig! Wir können alles – außer Berlinmitte! Das Beste an Hannover sei die Nähe zu Hamburg? Fast: Noch besser ist, dass sich trotz der Nähe kaum je ein Hamburger nach Hannover verirrt.

Wer sich jedoch nach Hannover verirrt, berichtet bisweilen seltsames. Ein weitgereister Mann antwortete einmal auf die Frage, was Hannover einzigartig mache: Dass die Menschen hier auch dann noch unbeirrbar aus dem Fenster starren, wenn die U-Bahn längst in den Tunnel gefahren ist. Man bleibt unbehelligt in dieser Stadt, und wenn mal wieder Messe ist, übergibt man einfach die Schlüssel den Gästen.

Was das alles mit Christian Wulff zu tun hat? Nichts. Der kommt aus Osnabrück.

Von Hühnern und Guppys

Was Schröder und Stoiber aus den  amerikanischen Fernsehduellen lernen können.

Dass er die Sozialversichung erfunden habe, das sollte Gerhard Schröder besser nicht behaupten, wenn er am 25. August im ersten Fernsehduell auf seinen Herausforderer Edmund Stoiber trifft. Mit ähnlichen Selbstbeweihräucherungen hatte sich vor zwei Jahren Al Gore um die US-Präsidentschaft geredet: das Internet gehe auf seine Kappe, verkündete er mit ernstem Gesicht. Doch zu viel Eigenlob schätzt der Wähler nicht, jedenfalls nicht an Politikern, und schon gar nicht in wirtschaftlich schwierigen Zeiten. Dass sich demonstrative Bescheidenheit im Wahlkampf allerdings ebenso wenig auszahlt, gehört zu den Widersprüchen, die Schröder und Stoiber bald auch im direkten Vergleich aufzulösen haben. Wem dies am besten gelingt, der hat auch gute Chancen, nach dem 22. Oktober die Regierung zu stellen.

Das direkte Duell ist ein neues Instrument im Werkzeugkoffer der deutschen Wahlkämpfer, die ihre Gegner oft nicht beim Namen nennen, sondern lieber von „den Anderen“ reden. Richtig ausprobieren konnte es noch keiner, entsprechend hoch ist die Gefahr für Kandidaten und Berater, irgendwo eine falsche Schraube anzuziehen und bleibenden Schaden im Kampagnen-Getriebe anzurichten.

Bislang galt das ungeschriebene Gesetz, dass Fernsehdebatten für den Amtsinhaber mehr Risiken und weniger Chancen bedeuten als für den Gegenkandidaten. Gerhard Schröder ist der erste Kanzler, der die Herausforderung zum Duell dennoch angenommen hat. Seine Virtuosität vor laufenden Kameras ist für die SPD-Strategen die „Silberkugel“ in der Auseinandersetzung mit Stoiber und scheint ihnen die damit verbundenen Risiken offenbar wert. Allerdings wurde auch Al Gore ein großer Erfahrungsvorsprung auf der nationalen Medienbühne attestiert – genutzt hat er ihm am Ende nicht.

Beim Fußball entscheiden oft individuelle Fehler über den Ausgang eines Spiels, bei Fernsehduellen ist es nicht anders. „Kandidaten verlieren Debatten, sie gewinnen nur selten“, sagt Ron Faucheux, Chefredakteur des US-amerikanischen Wahlkampf-Fachblatts Campaigns & Elections. Dass 1960 dem haushohen Favoriten Nixon im Duell gegen seinen jugendlichen Herausforderer Kennedy die Felle auf einem Strom von Schweiß davongeschwommen waren, ist Legende. Heute haben die Kandidaten in den USA ihre eigenen Kosmetiker und Modeberater, selbst die Krawatte wird passend zur Botschaft gewählt. Die Debatten werden im eigenen Lager minutiös geprobt, und vor dem Showdown hakeln die Medienstrategen der Kombattanten über Bühnenbild, Beleuchtung und Kameraeinstellungen. Alle Risikofaktoren sollen ausgeschaltet werden, doch eine Unwägbarkeit wird immer bleiben: der Kandidat.

Bei den Fernsehdebatten des Präsidentschaftswahlkampfs 2000 wartete ganz Ame­rika auf einen verhehrenden Lapsus George W. Bushs. Statt dessen verlor Al Gore das Duell wegen seiner offenkundigen Streberattitüde. Vernehmliches Seufzen bei den Aussagen seines Kontrahenten und schließlich sogar Verbesserungen bei dessen Aussprache waren den Amerikanern zuviel. Bushs Vater wiederum machte acht Jahre zuvor gegen Bill Clinton keine gute Figur, als er während dessen Statements demonstrativ auf die Uhr sah. Gore wie Vater Bush versuchten letztlich erfolglos, aus bekannten Schwächen ihrer Konkurrenten – mangelnde Erfahrung, Langatmigkeit – politisches Kapital zu schlagen.

Die Arroganz des Amtsinhabers, die zeigen soll, dass der Herausforderer nicht in der gleichen Liga spielt, ist also wenig hilfreich, und Gerhard Schröder, der sein ungebremstes Selbstbewusstsein wie kaum ein zweiter selbst in kleinsten Gesten und Pointen ausspielen kann, ist gut beraten, sein Ego an der kurzen Leine spazieren zu führen.

Doch auch Edmund Stoiber kann von Al Gores Scheitern lernen. Mit langen Zahlenkolonnen wird er zwar den Eindruck erzielen können, er habe seine Hausaufgaben gemacht. Um zum Klassensprecher gewählt zu werden, wird das allein nicht reichen. Zugleich kann er aber einen Vorteil nutzen, der auch Gores Herausforderer George W. Bush half: Weil die Erwartungen an den Texaner zuvor so gering waren, fiel es ihm leicht, sie zu übertreffen. Wer weiß, wozu Stoibers haspeliger Auftritt bei Sabine Christiansen noch einmal gut gewesen sein könnte.

Eine neue Studie der Universität Maryland und des Pew Charitable Trusts bestätigt dies. 92 beziehungsweise 85 Prozent der amerikansichen Wähler halten demnach Kompetenz und Positionierung in Sachfragen für die entscheidenden Faktoren für den Ausgang einer Fernsehdebatte. Nur 16 Prozent goutieren einen aggressiven Umgang mit dem Gegenüber. 70 Prozent halten Ruhe und Selbstbeherrschung für wichtig, deutlich weniger Gewicht haben die rhetorischen Fähigkeiten (58 Prozent) und die äußere Erscheinung der Kandidaten (26 Prozent).

Diese Selbsteinschätzung des amerikanischen Wählers dürfte wohl ein wenig idealisiert sein. Al Gores Kompetenz und Erfahrung wurden nie in Frage gestellt, aber sein allzu ausführlich zur Schau gestelltes Fachwissen hat ihm am Ende eher geschadet. Die kniffelige Frage lautet also: Wie vermittelt man den besten Eindruck von Sachkompetenz in kurzen Statements, ohne den Wähler zu langweilen oder ihm vor den Kopf zu stoßen? Und wie hält man seinen Gegner in der Defensive, ohne diesen allzu grob anzugehen?

Bill Clintons legendärer Wahlkampfberater James Carville empfiehlt seinen Kunden einen rhetorischen Dreisprung: „Answer – Attack – Explain“. Nichts sei verhehrender als der Eindruck, sich um die Antwort auf eine Frage zu drücken. Die Antwort müsse aber kurz sein, eine lange analytische Herleitung bleibe ohnehin nicht in Erinnerung. Danach solle man zum Angriff blasen, und erst wenn einem dann immer noch nicht das Wort abgeschnitten wurde, könne man noch etwas Sachkompetenz demonstrieren.

Für Faucheaux ist vorausschauendes Denken das Kriterium, das Gewinner von Verlierern unterscheidet: „Sag etwas, antizipiere den Gegenschlag deines Rivalen und plane deine Antwort darauf.“ Eine nicht gekonterte Attacke wirkt meist schwerer als ein eingefahrener Pluspunkt. Hilfreich sei auch ein starker Start: „Die Kandidaten sollten mit ihren ersten Worten die zentrale Frage des Wahlkampfes und ihre Gegensätze klar umreissen.“ Nachdem sie so den Boden für ihre großen thematischen Botschaften bereitet haben, sollten sie im Verlauf der Debatte immer wieder auf diese zurückkommen. „Hammering a message home“, nennt man das in Amerika.

Niemand weiß, wie die beiden Schröder-Stoiber-Duelle ausgehen werden und ob sie die politische Kultur in Deutschland eher voranbringen oder zurückwerfen werden. In den USA halten mittlerweile rund 20 Prozent der Wähler Fernsehdebatten für die beste Informationsquelle über die politischen Vorstellungen der Kandidaten, ergab die Studie der Universität Maryland. Nur Fernsehnachrichten und Zeitungsartikel stehen mit je 24 Prozent besser da. Werbespots, die im Gegensatz zu Fernsehdebatten den größten Teil der millionenschweren Wahlkampfetats ausmachen, schneiden mit drei Prozent hingegen deutlich schlechter ab.

Dass man in Deutschland künftig wieder auf Duelle dieser Art verzichten kann, ist unwahrscheinlich. Einmal eingeführt, entfalten die Debatten ihre eigene Dynamik. Ein Kandidat, der den direkten Vergleich scheut, muss sich den Vorwurf der Schwäche gefallen lassen. Mehr als die Hälfte der befragten Amerikaner gab an, es könne sich nachteilig auf ihre Wahlentscheidung auswirken, wenn ein Kandidat das Duell verweigere. Als der alte Bush zögerte, die Klingen mit seinem Herausforderer Clinton zu kreuzen, enterten  Clinton-Anhänger in Geflügel-Kostümen die Veranstaltungen der Republikaner und verspotteten den Präsidenten als „Chicken George“, als feiges Huhn. Der konterte erst mit müden Witzen über Guppys – und stimmte dann den Debatten zu.

JAN NOEVENTHIEN, August 2002

Im Nirgendwo

Ein zivilisatorischer Millennium Bug:  Janette T. Hospitals „Oyster“

Outer Maroo ist ein Ort mit düsterer Vergangenheit und ohne Zukunft. Ein Dorf im Hinterland Australiens, bevölkert von einer Handvoll Viehzüchtern und Opalschürfern. Ein Dorf, das untergetaucht ist, auf keiner Karte verzeichnet, vom Postweg abgeschnitten, den Schul- und Steuerbehörden unbekannt. Wen es hierher verschlagen hat, der bleibt für immer, oder ein rascher Unfall verhindert die Rückkehr auf die Landkarte.

Was dieses Dorf zusammenhält, sind Profitgier und Paranoia. Das einzige, was von hier nach außen dringt, sind kostbare Opale, und alles, was außer Geld von draußen kommt, kann von der abgeschotteten Gesellschaft Outer Maroos nur als existenzielle Bedrohung begriffen werden: der verhasste Staat,  die verachteten Aborigines und nicht zuletzt das Jahr 2000. Bis an die Zähne bewaffnet bereitet man sich auf das Armageddon vor, das der Sektenführer Oyster prophezeit hat.

Der Weltuntergang bleibt aus, doch das Dorf läuft ins Verderben. Der Irrsinn, der aus religiösem Fanatismus wächst, die Brutalität, die der Raffgier dient und das Schweigen, das die Skrupel lautstark überdeckt: All das führt zum Zusammenbruch einer hermetischen Gesellschaft, in der die „herkömmliche Logik nicht gilt“ und das Gewissen nur als Phantomschmerz überlebt.

Umgeben von vermeintlichen Feinden, in sengender Hitze, Staub und Dunst, am Vorabend der Jahrtausendwende sehen „die Menschen mit den Augen des Verrückten.“ In Outer Maroo „manifestiert sich religiöser Affekt auf ebenso erschreckende wie erhabene Weise“, und der Wahnsinn erzeugt seine „eigene Welt“, einen „eigenen Raum“, in den „andere eintreten können“. Diesen zwielichtigen Raum macht Janette Turner Hospital in ihrem Roman „Oyster“ zugänglich. Was sie beschreibt, ist ein zivilisatorischer „millenium bug“, der zwar kein Computerprogramm zum Absturz bringt, aber ein religiöses Wahnsystem kollabieren lässt.

Janette Turner Hospital gelingt das Kunststück, diese Geschichte zusammenzufügen, indem sie sie zugleich zersplittert. Im Grunde sei es gleich, ob „man nun eine Geschichte erzählt oder eine Landkarte zeichnet“, lässt sie eine Protagonistin notieren. Es sei, „als schleudere man einen Stein auf eine Fensterscheibe: Von der Aufprallstelle breiten sich die spinnwebartigen Risse fächerförmig nach allen Richtungen aus.“

Ganz ähnlich erzählt sie ihren Roman. In „Oyster“ fügen sich mehrere Perspektiven, die alle ihre eigenen Stimmen und Sprechweisen finden, in einer engverwobenen Struktur aus Vor- und Rückblenden zusammen zu einer Collage der Wahrnehmungen, zur lebendigen Anti-Chronik eines kollektiven freak-outs.

Das literarische Verfahren ist nicht allzu neu, und die Offensichtlichkeit, mit der sich die Handlung als Allegorie auf die einschlägigen zivilisatorischen Sündenfälle der Geschichte lesen lässt, überlagert leider die Subtilität, mit der Turner Hospital einfühlsam die Sichtweisen der Protagonisten entfaltet und aufeinanderzustreben lässt.

Gerade hier liegt aber die große Stärke des Romans: Es sind drei Frauen, die sich den „ungeheuer dehnbaren und gleichzeitig unendlich strengen“ Regeln Outer Maroos widersetzen. Die Perspektiven von „Old Silence“ Jess, von Mercy Given und Sarah Cohen, sie könnten unterschiedlicher kaum sein, doch die Konsequenzen, die jede für sich zieht, sind die entscheidenden Keile, die das Wahngebilde männlicher Allmachtsphantasien schließlich zerbersten lassen.

Die abgebrühten Opalhändler, die so gottesfürchtig über Leben und Tod richten, sie erscheinen plötzlich als „Clowns, Marktschreier, Verkleidungskünstler,  Wahnsinnige, Magier, Monster; vor allem aber Clowns. Sie sind lächerlich.“ Die Entzauberung ihres Systems vollzieht sich im vielschichtigen Innenleben der Protagonistinnen. Hier wird Vergangenes aufbewahrt und lebt Totes weiter, hier treten Gedanken als „Heckenschützen“ auf und formen sich zu neuen Erkenntnissen, hier liegt das fragmentierte Zentrum des Romans.

Es bleibt die Frage, inwieweit die Protagonistinnen dem moralischen Extremsport in exotischer Landschaft ausgesetzt werden mussten, um pünktlich und ausgerechnet zum Y2K-Debakel ihre Stimmen zu finden. Doch diese Stimmen, die Turner Hospital so eindringlich zum Sprechen bringt, klingen noch lange nach, nachdem die Geschichte vorüber ist – auch auf unserem Teil der Landkarte.

JAN NOEVENTHIEN (veröffentlicht am 31.10.2000)

Janette Turner Hospital: „Oyster“. Deutsch von Maria Mill. DuMont. 413 Seiten, 48 Mark.