Archiv der Kategorie: Literaturkritik

Wenn die Verdrängung dich nicht mehr über Wasser hält

Ihre Freunde heißen Jonas, Karl und Leonie, und damit weiß man schon das meiste, was man über sie wissen muss. Gemeinsam mit der Ich-Erzählerin Nora leben sie in einer funktionierenden Viererbeziehung, wobei „funktionierend“ hier vor allem heißt: Die polyamouröse Konstellation erlaubt es allen Beteiligten, nicht oder zumindest möglichst wenig allein zu sein. Dass man sich in so einer Konstellation allerdings nicht ewig vor sich selbst und seiner Vergangenheit verstecken kann, davon erzählt Ronja von Rönnes höchst gegenwärtiger Debütroman „Wir kommen“.

Nora hat neuerdings Panikattacken, Leonie Essstörungen, und Jonas und Karl schreiben gerade an irgendwelchen Sachen, irgendetwas zu postulieren gibt es für Männer schließlich immer. Das Miteinander der Viererclique ist eher ein intensives, enges Nebeneinander, knisternde Erotik, wie man das wohl in Fachkreisen nennt, sucht man allerdings vergebens, und allein schon dafür ist der Autorin unbedingt zu danken. Das Quartett mit dem komplizierten Beziehungsstatus lebt, das sollte mittlerweile klar geworden sein, in Berlin, der Welthauptstadt der Neuen Uneigentlichkeit, in der selbst Gruppensex, den wir hier draußen in den Wäldern immer noch verdammt ernst nehmen, nur ironisch laufen kann.

In normalen Paarbeziehungen, das wissen wir alle, muss, wenn die Probleme beginnen, schnell ein Kind gemacht werden, mit einem Kind wird alles besser, aber hier gibt es schon ein Kind, die vier haben ja überhaupt schon alles, darunter eben auch ein Kind, das niemals spricht, und sogar eine Schildkröte (die ebenfalls nicht spricht, aber das tut an dieser Stelle nichts zur Sache). Also behilft man sich mit einer Flucht aus Berlin ans Meer, in ein Ferienhaus an der Ostsee. Der Wind braust um die vier herum, Wellen schlagen an den Strand, und als auch das nicht mehr hilft, ergreift man eben die Flucht vor der Flucht und lädt alle Berliner Freunde zur großen Party ein. Dass Die Große Party am Ende aber auch nichts mehr retten wird, man ahnt es bereits, das ist nun mal der traurige Lauf der Dinge, darin unterscheiden sich Berlin und der Rest der Welt nur unwesentlich.

Man könnte Ronja von Rönnes Roman leichthin abtun als eine weitere dieser vielen Twentysomethings-lost-in-Berlin-Geschichten voller lethargisch-verschlurft vor sich hinscheiternder Projektluschen und Medienkreaturen, als eine dieser Geschichten, die jetzt alle schreiben, die meinen, dass ein Roman unbedingt zu ihrem Lebensplan dazugehört. Zu diesem Eindruck verführt zuallererst schon der patentierte Tonfall, mit dem Rönne ihre Hauptfigur Nora, die beruflich wohl irgendwas im Fernsehen moderiert, demnächst aber irgendwas anderes im Fernsehen moderieren soll, erzählen lässt: schulterzuckend, selbstbezogen, routiniert lakonisch, hilflos abgeklärt, irgendwie ratlos und doch auch irgendwie smart-ass. Und so lässt sie die Sätze beiläufig mäandern, und dann wird noch ein Halbsatz angehängt, der mit „und“ beginnt und dem Satz noch einen neuen Dreh gibt. Oft gefolgt von einem sehr kurzem Satz.

Vielleicht neigt man auch deshalb dazu, das Buch allzu leicht zu nehmen, weil man das Gefühl hat, dass die Autorin ihre Figuren selbst nicht so richtig ernst nimmt. Die vier Protagonisten jedenfalls bekommt man nicht so recht zu fassen. Sie sind zu clever, um sich wirklich auf Dinge einzulassen, und gleichzeitig unablässig beschäftigt mit der Frage, wie etwas wirkt, wie etwas aussieht, ob etwas cool ist. Sie leben, als ob sie einen Instagram-Filter über ihr ganzes Leben gelegt haben, der zwar selbst die hässlichsten Ecken in ein angenehmes Licht taucht, aber eben auch dafür sorgt, dass am Ende alles gleich aussieht. Im Grunde könnte man „Wir kommen“ für das gleiche kritisieren, aber dafür müsste man Ronja von Rönnes Erzählperspektive mit der Weltsicht ihrer Protagonisten verwechseln. Einige Kritiker haben das durchaus getan, dabei aber übersehen, dass Rönne das uneigentliche Leben ihrer Protagonisten (von einem „Lebensgefühl“ mag man hier gar nicht sprechen, und auch dafür ist der Autorin unbedingt zu danken) lakonisch und präzise einfängt.

Ronja von Rönne, die als Autorin für das Feuilleton der „Welt“ schreibt und das lesenswerte Blog „Sudelheft“ betreibt, gelingt mit „Wir kommen“ der Kunstgriff, eine geschmeidige Ironie in den Bericht der Ich-Erzählerin zu legen, die der Ich-Erzählerin Nora selbst nicht bewusst ist. Denn schnell wird klar, dass Nora einiges zu verdrängen hat, und damit sind wir bei der zweiten, viel interessanteren Geschichte, die der Roman entfaltet: das obligatorische dunkle Geheimnis aus der Kindheit, das sich schleichend der Gegenwart bemächtigt. Dass hinter der gefilterten Instagram-Sprache noch etwas anderes lauert als das, was Nora sich und allen anderen weismachen will, das lässt Rönne gekonnt mitschwingen.

Verdrängung ist, was uns über Wasser hält, hat ein kluger Blogger mal geschrieben, aber Noras wiederkehrende Panikattacken sind ein deutliches Zeichen dafür, dass dieser Auftrieb-Mechanismus für sie nicht mehr funktioniert. Sie versucht zu verstehen, was los ist mit dieser knarzenden Viererbeziehung, mit ihrer alten Jugendfreundin Maja, mit deren Todesanzeige das Buch beginnt, mit dem Geheimnis aus der Vergangenheit. All das schreibt Nora auf, weil ihr Therapeut gerade im Urlaub ist, und Ronja von Rönne gelingt es, alledem schöne beiläufige Pointen abzugewinnen, obwohl kaum etwas Komisches geschieht und der Ich-Erzählerin schon lange nicht mehr zum Lachen zumute ist.

JAN NOEVENTHIEN (veröffentlicht am 1.9.2016)

Ronja von Rönne: Wir kommen. Aufbau, gebunden, 205 Seiten, 18,95 Euro

Gewichtsprobleme

Dass einer, der sich in der Kunstwelt herumtreibt, früher oder später in die Drogenszene abrutscht, ist kein Vorgang, von dem man noch nie gehört hätte. In Joachim Lottmanns Roman „Endlich Kokain“ läuft es andersherum: Sein Held Stephan Braum will eigentlich nur etwas Kokain kaufen, doch plötzlich wird er zur festen Größe im Kunstgeschäft. Und auch sonst ändert sich einiges in seinem Leben.

Die Ärzte geben Stephan Braum noch zwei, drei Jahre, dabei ist er gerade mal 53 Jahre alt. Der frühpensionierte Redaktionsbeamte des öffentlich-rechtlichen Fernsehanstaltswesens und linksliberale Langweiler ist schwer fettleibig, sein Körper pfeift auf dem letzten Loch, und auch das nicht mehr besonders laut. Sein alter Sender gewährt ihm ab und an ein Gnadenbrot, Frauen nicht einmal das. Wenn sein Leben sich noch einmal ändern soll, dann muss Braum abnehmen, und als ein windiger Bekannter ihm zu Kokain rät („es gibt nur ein todsicheres Mittel gegen Übergewicht!“), wird er neugierig.

Joachim Lottmanns Drogenroman ist daher zuallererst und vor allem ein Diätroman. Braum schreibt von nun an ein „wissenschaftliches Tagebuch“, penibel protokolliert er seinen Kokainkonsum und die damit verbundenen Wirkungen. Durch Selbstkontrolle und strenge Rationierung versucht er, den Gefahren der Abhängigkeit zu trotzen. Schon bald stellt er vergnügt fest, wie die Pfunde purzeln. Und nicht nur das: Fühlte er sich bislang in Gesellschaft oft unwohl und fehl am Platze, so wird er plötzlich selbstbewusst, charmant und schlagfertig. Nicht nur sein Körper wird fitter, sondern auch sein Geist.

Er findet Freunde. Als Norddeutscher, gestrandet in Wien. Das ist schon mal nicht schlecht. Und nicht nur das: Er findet Geliebte, junge Frauen, die sich von ihm erniedrigen lassen wollen. Letzteres befremdet ihn, befriedigen tut es ihn jedenfalls nicht, aber was soll er machen? Junge, schöne Frauen! Und auch wenn ihm ihre esoterischen Ganseligkeiten manchmal zu schaffen machen, wann hatte er das schon? „Die nie erlebte Jugendzeit – sie konnte kommen! Natürlich nur unter größtmöglicher Kontrolle.“ Natürlich.

Die neuen Freunde, die jungen Frauen, sie alle kommen aus der dekadenten Wiener Kokser-Szene, und die ist eigentlich identisch oder zumindest engstens verwoben mit der Wiener Kunst- und Politikszene, in der sich Braum, der sich immer mehr vom fetten Würstchen zum feschen Burschen wandelt, nun einen festen Platz erobert. Sie alle haben aber auch die gleichen Probleme wie er: Die tiefen Depressionen, die auf die drogeninduzierten Hochphasen folgen, Schwierigkeiten mit der Beschaffung und der schwankenen Qualität des Stoffs, die schleichende Persönlichkeitsveränderung, die mit dem Gebrauch einhergeht.

Sind das Probleme? Klar sind sie das – letztlich ist Braum nicht nur längst drogenschüchtig, er ist ironischerweise auch so magersüchtig wie die jungen Dinger, die er nun begehrt. Aber sind all diese Probleme ein zu hoher Preis für das, was Braum im Vergleich zu seinem vorherigen Leben gewinnt? Ah, geh! Als sein Kokserfreund Hölzl, ein international erfolgreicher Maler, ins Koma fällt und Braum auf nicht ganz ehrbare Weise zu dessen Nachlassverwalter wird, wird er nicht nur eine feste Größe in der Wiener Kunstwelt, auch in Berlin öffnen sich für ihn nun viele Türen. Gegen die lockeren Sitten, die für ihn nun gelten, kann sein altes Spießerleben nicht anstinken.

Natürlich ist es eine eher schlichte Männerphantasie, die sich Joachim Lottmann hier zusammenfabuliert: Ein bisschen weißes Pulver nur, und schon steht der gänzlich aus der Form geratene, mittelalte weiße Mann wieder voll im Saft! Was das amüsant heruntererzählte Buch trotzdem zu so einer angenehmen Lektüre macht, ist der Verzicht auf die Knute bürgerlicher Moral. Nein, es wird sicher nicht alles gut durch die Drogen, aber vieles wird besser. Und vor allem: Es wird nicht alles schlecht. Nie hat man das Gefühl, ohne dass dem Ende des Buches hier vorgegriffen werden soll, dass das alles nur in einem fürchterlichen Absturz enden kann.

Obwohl ihm die Exposition der Geschichte zunächst noch etwas hingehuscht gerät (was vermutlich dem löblichen Ansinnen geschuldet ist, schnell zum Punkt zu kommen), erweist sich Lottmann, der auch als Reporter und Kolumnist tätig ist, als guter Beobachter und unterhaltsamer Erzähler. Mit wenigen Pinselstrichen und einer gekonnten Oberflächlichkeit, die dem Thema des Buches ganz und gar angemessen ist, verwandelt er die Wiener Spezlwirtschaft und den Berliner Kunstbetrieb zu einer bunten Kulisse, durch die er seinen staunenden Helden Stephan Braum erst watscheln, dann stolzieren lässt.

Und dann, das zu erwähnen sollte keinesfalls versäumt werden, enthält das Buch auch noch einige der schönsten Zeilen Fußgängerzonen-Hass, die die neuere Literaturgeschichte zu bieten hat.

JAN NOEVENTHIEN (veröffentlicht am 1.6.2016)

Joachim Lottmann: Endlich Kokain. KiWi, kartoniert, 250 Seiten, 9,99 Euro

Menschliche Hehlerware

Zwei Staatenlose gelangen in die Gewalt eines virtuellen Staates: Das ist die Ironie des ganz und gar unironischen Romans „Der letzte Ort“ des deutsch-irakischen Schriftstellers Sherko Fatah.

Es ist ein ungleiches Paar, das da im Irak zusammenfindet. Albert hat sich ein Journalistenstipendium besorgt, er will eine Reportage über Museumsplünderungen schreiben, darüber, wie antike Kunstschätze in den Wirren des irakischen Bürgerkriegs geraubt und als Hehlerware verhökert werden. Doch der Ostdeutsche hat noch keine Zeile geschrieben, seit er im Land angekommen ist. Für ein Museum katalogisiert er geplünderte Bestände und beschäftigt sich ansonsten mit sich selbst. Bei der Arbeit trifft er auf Osama, dessen Mutter einst in Ostberlin studierte und der ihn nun als Dolmetscher begleitet. Als Albert und Osama im Land umherfahren und Grabungsstätten inspizieren, werden sie auf einem staubigen Marktplatz von einer Gruppe bewaffneter Männer entführt.

Eine konventionelle Entführungs- und Gefangenschaftsgeschichte, ein Kammerspiel, wie es naheliegen würde, entwickelt Fatah hieraus jedoch nicht. Dafür ist die Lage zu unübersichtlich. Seine beiden Protagonisten werden einigermaßen planlos von einer schiitischen Gruppe an die nächste weitergereicht, auf den Ladeflächen alter Pickups kreuz und quer durch die Wüste gekarrt, in immer neuen Verschlägen, Verliesen und Höhlen versteckt und von Halbwüchsigen mit Kalaschnikows herumgestoßen. Doch so recht weiß niemand etwas mit der menschlichen Hehlerware anzufangen. Nach einer kurzen, missglückten Flucht werden Albert und Osama schließlich von einer Organisation schwer bewaffneter Sunniten übernommen – Bombenbauer im Djihad gegen die Ungläubigen und Häretiker; auf ihrer schwarzen Flagge prangen weiße arabische Schriftzeichen, man fühlt sich erinnert an das Banner des sogenannten Islamischen Staats.

Wie aber hatte es nur soweit kommen können? Ist es wirklich das Interesse am Verbleib antiker Kunstschätze, das den unfokussiert wirkenden, seltsam ziellosen Albert in ein zusammengebrochenes Land wie den Irak getrieben hat? „Diese Leute kannten Geschichte nur als Raubgut und Handelsware“, beklagt sich Albert an einer Stelle über die Einheimischen, die ganz und gar in der unübersichtlichen Gegenwart leben, „sie konservierten nichts, sondern verschacherten es.“ Doch was die Vergangenheit betrifft, scheint Albert selbst eher getrieben von der Geschichte seiner eigenen Familie, die Sherko Fatah in kleinen Rückblenden rekonstruiert: der Erinnerung an seine magersüchtige Schwester, die sich ihrem eigenen Verschwinden entgegenhungert, und an seinen verbitterten Vater, der einst selbst die Welt bereist hatte und nun den Untergang der DDR nicht verwinden kann. Letztlich scheint sich Alberts Familie ebenso aufgelöst zu haben wie das Land, aus dem sie kam.

„Du kannst nicht nachvollziehen wie das ist, wenn dein Staat gerade untergegangen ist“, belehrt also Albert seinen Dolmetscher, und der erwidert: „Doch, das kann ich. Du musst nur aus dem Fenster schauen.“ Seine Heimat ist ein Land, „das allmählich zu zerfallen drohte in immer mehr Einflussgebiete immer neuer Gruppierungen und ihrer Milizen“, wo „nicht einmal sicher war, wem die nächste Straße gehörte.“

Und das ist die Ironie in Sherko Fatahs Geschichte: Zwei Männer, Staatenlose gewissermaßen, die sich nicht mehr in den kollektiven Glaubens- oder Nationalgebilden aufgehoben fühlen, denen sie entstammen und die ihre Identitäten nicht aus ihrer Herkunft ableiten wollen, diese beiden Männer betrachten einander, je länger ihre gemeinsame Gefangenschaft andauert, immer stärker als Repräsentanten dessen, was der jeweils andere für sich längst hinter sich gelassen zu haben glaubt. Jeder von ihnen sieht sich selbst als ein Ich, nicht als Teil eines „wir“, doch im Gespräch miteinander wird das „du“ immer mehr zu einem „ihr“.

„Selbst eure Entführungen sind unkoordiniert und chaotisch“, beklagt sich Albert während ihrer Irrfahrt bei Osama – ohne zu bemerken, dass er seinen Dolmetscher und seine Entführer längst über einen Kamm schert. Und Osama? Lange hatte er die Nähe der Westler gesucht, sich von ihrem Selbstbewusstsein beeindrucken lassen. Doch nun ist ihm klar: Es ist nur ein Bewusstsein ihres westlichen Selbsts: „Sie führten sich noch auf wie Jugendliche, wenn man hierzulande schon Enkel hatte. Dabei waren sie voller Energie und unbelastet von den Zwängen, den Ausweglosigkeiten des Lebens hier.“ Für Osama sind die Männer und Frauen, die aus dem Westen in sein Land gekommen waren, „idealistische, gut ausgebildete, mutige, wohlgenährte Kinder.“ Was sie Freiheit nennen, erscheint ihm als „Verwahrlosung“: „Jeder macht den Unsinn, der ihm gerade einfällt, und so werdet ihr alt. Und damit es hier genauso wird, schickt ihr eure Panzer her.“

Osama wird immer zorniger über den Mangel an Respekt, mit dem Westler wie Albert seiner Heimat begegnen: „Die aus dem Westen waren immer entweder Soldaten oder Touristen. Nicht, dass sie es wirklich waren. Sie hatten diplomatische oder wirtschaftliche Aufgaben, waren gebildete Menschen im besten Alter, meistens Männer. Trotzdem waren sie Soldaten oder Touristen.“ Sie kommen in ein fremdes Land und kreisen doch immer nur um sich selbst: „Die verdammten Ausländer, die an- und abreisten wann sie wollten, jeder von ihnen, ob in Hotelfoyers, im Auto oder, wie dieser Deutsche, bei der Arbeit im Museum, brachte seine Geschichten mit und hielt sie für wichtig genug, um sie wieder und wieder zu erzählen. Das Schlimmste daran war: Die Ausländer konnten diese Geschichten herrlich miteinander teilen, während er, der Einheimische, immer nur zuhören musste.“

Je näher Albert und Osama sich in ihrer Gefangenschaft kommen, desto fremder werden sie sich. Am deutlichsten wird dies, als die beiden Staatenlosen sich nun ausgerechnet in der Gewalt eines selbstberufenen Emirs befinden, der offenbar einen neuen islamischen Staat herbeibomben will. Die Extremerfahrung der Angst, der Ungewissheit, der Gefangenschaft verändert die beiden Männer, die sich durchaus um einander sorgen, und sie legt offen, warum der Dialog zwischen der westlichen und der arabischen Welt so schwierig ist und so häufig scheitert. Und immer noch fragen wir uns, was genau nun eigentlich Albert in dieses Land getrieben hat, das ihm nun zum Verhängnis zu werden droht.

Alberts Vater hatte zumindest noch den Glauben an den Sozialismus, der ihm auf seinen Reisen durch die Welt Halt gegeben hatte. Albert als der vollendete Ungläubige hingegen scheint eher in dieses Abenteuer aufgebrochen zu sein, um sich seiner eigenen Bedeutung als Individuum zu vergewissern. Seine Kunstraub-Reportage bleibt ein Alibi, der Irak dient ihm für seine unglückselige Selbstfindungsmission hauptsächlich als Kulisse: „Was mir noch bleibt, dachte er, ist ein Blick auf Leben und Leiden der anderen, all dieser ungeschützten, leicht fortzuwehenden Menschen, die in ihren Gewändern, in ihren Hütten, auf Höfen und Straßen, Eselskarren und Lastwagen eingesenkt wirken in etwas Größeres wie Romanfiguren in eine Geschichte, ohne die sie keine Bedeutung haben.“

Als Albert sich schließlich in Gefangenschaft befindet, sinniert er: „Es könnte der letzte Ort sein, den ich sehe, hier kann es keine Belanglosigkeit mehr geben.“ Und später: „Noch immer peinigte ihn der Gedanke an sein, wie er es nun empfand, unerfülltes bisheriges Leben.“ Doch als seine unfreiwillige Odyssee durch den Irak an ihr Ende gekommen zu sein scheint, ist ihm klar: „An diesen Ort gekommen zu sein (…) bedeutete nur: verloren gehen, durch das Netz fallen und alsbald vergessen zu werden.“ Und damit würde ihm das zur Bestimmung, was schon sein Dolmetscher Osama über die Menschen aus dem Westen gelernt hat: „Das sind fliegende Menschen. Sie sind wahrhaft frei, so frei, dass sie sich verirren.“

JAN NOEVENTHIEN (veröffentlicht am 1.4.2016)

Sherko Fatah: Der letzte Ort. Luchterhand, 283 Seiten, 19,99 Euro

Der freie Wille in Berlin und Baku

Mit guten Geschichten ist es wie mit den Menschen: Sie werden besser, wenn sie Berlin hinter sich lassen. Das gilt auch für die Geschichte, die Olga Grjasnowa in ihrem zweiten Roman „Die juristische Unschärfe einer Ehe“ erzählt.

In Berlin leben, wie nahezu alle Menschen, von denen heutzutage Literatur handelt, Leyla und Altay. Die beiden sind verheiratet, und zwar miteinander, und das ist durchaus erwähnenswert, denn Leyla ist lesbisch und Altay ist schwul. Die Ehe hat ihnen einige Probleme vom Hals gehalten, die man als homosexueller Mensch leicht bekommen kann, wenn man wie Leyla und Altay in Baku aufwächst und später in Moskau lebt, wo Leyla am Bolschoi-Theater tanzt, während Altay seine erste Assistenzarztstelle antritt und auf dem Weg zur Arbeit darauf achtet, keinen homophoben Schlägerbanden in die Arme zu laufen.

Erst in Berlin erleben sie zum ersten Mal einen „Zusammenhang zwischen Glück und Homosexualität. Beide waren mit dem Horrorszenario eines homosexuellen Lebens aufgewachsen – Coming-out, Diskriminierung, Krankheit, Tod. In Berlin kamen Liebe, Partnerschaft und Begehren dazu.“ In Berlin sind Leyla und Altay so frei, dass sie nun sogar mit der Heterosexualität experimentieren und miteinander schlafen, und das läuft gar nicht schlecht. Was vielleicht einmal als Scheinehe angefangen haben mag, erweist sich als ein durchaus enger Bund.

Das wiederum ist ein Problem für Jonoun, die sich in einer Berliner Kneipe in Leyla verliebt hat und sich plötzlich in einer Dreierbeziehung wiederfindet, in der am Ende keine und keiner das Glück findet. Jonoun kommt an Altay nicht vorbei, Altay ist eifersüchtig und wird immer besitzergreifender gegenüber Leyla, er redet plötzlich von Kindern. Leyla, die Ballerina, unterwirft ihren Körper einem unnachgiebigen autoritären Regime, erträgt aber Altays zunehmendes Besitzstreben nicht und macht sich schließlich aus dem Staub nach Baku, die Stadt ihrer Kindheit. Hier müssen Altay und Jonoun sie einige Wochen später aus dem Gefängnis holen, weil Leyla bei einem illegalen Autorennen verhaftet wurde. Hier beginnt die Geschichte, und hier nimmt sie zugleich auch ihre entscheidende Wendung.

Die Ehe, die Leyla und Altay leben und deren nicht nur juristische Unschärfe hier verhandelt wird, ist offen und voller Freiheiten nach allen Seiten. Allzu starre Identitäten hat keiner der Protagonisten, die sexuellen Interessen und Präferenzen sind flatterhaft, die ethnischen Hintergründe vielfältig, und das macht die Protagonisten und ihre Motive auch für den Leser nicht immer leicht zu fassen. Unschärfe kennzeichnet die ganze Geschichte, die Grjasnowa hier erzählt, und man kann die leichte Schwammigkeit der Charakterzeichnung durchaus beklagen – zumal die Vorgeschichten der Charaktere in Rückblenden recht präzise ausfabuliert werden. Aber gerade dieses Ungefähre entwickelt sich immer mehr zu einer tonangebenden Stärke des Romans.

Das gilt noch nicht unbedingt für dessen erste Hälfte, die in Deutschland spielt und erzählt, wie Jonoun in Leylas und Altays Leben tritt. Aber als Leyla zu Beginn des zweiten Teils (nicht ohne symbolischen Hintersinn) aus dem Gefängnis entlassen wird, kommt die Geschichte in Fahrt. Grjasnowa, die selbst aus Baku stammt, zeigt die allgegenwärtige Korruption und Willkür in der autoritären postsowjetischen Rohstoff-Diktatur Aserbaidschans in vielen schillernden Details. Sie erzählt von einer Gesellschaft, deren Frauen Leyla wie „eine ganze Armee unglücklicher Madame Bovarys“ erscheinen und zeichnet starke Porträts von den Menschen in Leylas Familie (wie überhaupt die Nebenfiguren meist einen viel stärkeren, klareren Eindruck hinterlassen). Als Leyla und Jonoun sich auf den Weg machen, um mit dem alten Porsche von Leylas Vater durch das Land und schließlich durch Georgien und Armenien bis nahe an die iranische Grenze fahren, kann man in jeder Szene spüren, wie die beiden Frauen, je weiter sie reisen, sich dabei auf engstem Raum auch immer weiter voneinander entfernen. Hier findet das Buch, das auf den ersten Seiten hier und da noch mit einigen Sätzen versucht, einen schnodderigen, beiläufigen Pop-Roman-Ton anzuschlagen, nun endgültig zu sich, und auch der naheliegenden Gefahr, in ausgefahrene Roadmovie-Klischees zu kippen, kann Grjasnowa widerstehen.

Wie frei waren sie wirklich in Berlin, das ist die Frage, die sich währenddessen Altay stellt, als er sich in Baku in Farid verliebt. In Aserbaidschan kannst du alles sein, sogar schwul, du musst nur Macht und Geld haben. Unterdrückt wird in erster Linie nicht, wer anders, sondern wer schwächer ist. In Berlin, ohne Macht und mit dem Gehalt eines Assistenzarztes in der Krankhauspsychiatrie, war Altay zwar nicht unterdrückt, aber nur solange er sich in die gesellschaftliche Rolle fügte, die ihm in dieser Stadt, in der die Libertinage eher Fetisch als Freiheit ist, zugedacht war, ließ man ihn mitspielen.

Und was ist diese scheinbare Libertinage, etwa ein durchtanztes Wochenende im Berghain mit eingeschobenem Gelegenheitssex, schon gegen die irre Dekadenz der neureichen Bonzen des aserbaidschanischen Geldadels und ihrer Kinder? „Der Westen hatte sie enttäuscht. Er war ihrer Kaufkraft nicht gewachsen, und die Demokratie galt nicht für die Inhaber ausländischer Pässe – vor allem nicht für solche aus bösen Ländern.“ Am gegenüberliegenden Ufer des Kaspischen Meeres hingegen liegen Russland, Turkmenistan und der Iran – „alle voller Verbrechen und Verheißungen.“

Als Leyla klar wird, dass Jonoun nicht ihre Zukunft ist, kehrt sie um. Kehrt sie auch zurück zu Altay? Werden sie ein Kind bekommen? „Die wichtigste Aufgabe eines jeden Menschen besteht darin, die Ehe zu verkraften“, hatte Leylas Mutter ihr schon vor Beginn der Reise auf den Weg gegeben. In der Ehe werde jeder irgendwann besitzergreifend. Ihr Rat: „Weitermachen wie bisher.“

Ob Leyla und Altay weitermachen wie bisher, diese Frage ist in einem Buch, das mit der Unschärfe seiner Geschichten und Figuren spielt, aber auch nicht die entscheidende. Schon in Berlin hatte Leyla erkannt: „Der freie Wille ist eine schwierige Sache.“ Dort vielleicht noch mehr als anderswo.

JAN NOEVENTHIEN (veröffentlicht am 1.3.2016)

Olga Grjasnowa: Die juristische Unschärfe einer Ehe. Carl Hanser Verlag, 264 Seiten, 19,90 Euro

Im Nirgendwo

Ein zivilisatorischer Millennium Bug:  Janette T. Hospitals „Oyster“

Outer Maroo ist ein Ort mit düsterer Vergangenheit und ohne Zukunft. Ein Dorf im Hinterland Australiens, bevölkert von einer Handvoll Viehzüchtern und Opalschürfern. Ein Dorf, das untergetaucht ist, auf keiner Karte verzeichnet, vom Postweg abgeschnitten, den Schul- und Steuerbehörden unbekannt. Wen es hierher verschlagen hat, der bleibt für immer, oder ein rascher Unfall verhindert die Rückkehr auf die Landkarte.

Was dieses Dorf zusammenhält, sind Profitgier und Paranoia. Das einzige, was von hier nach außen dringt, sind kostbare Opale, und alles, was außer Geld von draußen kommt, kann von der abgeschotteten Gesellschaft Outer Maroos nur als existenzielle Bedrohung begriffen werden: der verhasste Staat,  die verachteten Aborigines und nicht zuletzt das Jahr 2000. Bis an die Zähne bewaffnet bereitet man sich auf das Armageddon vor, das der Sektenführer Oyster prophezeit hat.

Der Weltuntergang bleibt aus, doch das Dorf läuft ins Verderben. Der Irrsinn, der aus religiösem Fanatismus wächst, die Brutalität, die der Raffgier dient und das Schweigen, das die Skrupel lautstark überdeckt: All das führt zum Zusammenbruch einer hermetischen Gesellschaft, in der die „herkömmliche Logik nicht gilt“ und das Gewissen nur als Phantomschmerz überlebt.

Umgeben von vermeintlichen Feinden, in sengender Hitze, Staub und Dunst, am Vorabend der Jahrtausendwende sehen „die Menschen mit den Augen des Verrückten.“ In Outer Maroo „manifestiert sich religiöser Affekt auf ebenso erschreckende wie erhabene Weise“, und der Wahnsinn erzeugt seine „eigene Welt“, einen „eigenen Raum“, in den „andere eintreten können“. Diesen zwielichtigen Raum macht Janette Turner Hospital in ihrem Roman „Oyster“ zugänglich. Was sie beschreibt, ist ein zivilisatorischer „millenium bug“, der zwar kein Computerprogramm zum Absturz bringt, aber ein religiöses Wahnsystem kollabieren lässt.

Janette Turner Hospital gelingt das Kunststück, diese Geschichte zusammenzufügen, indem sie sie zugleich zersplittert. Im Grunde sei es gleich, ob „man nun eine Geschichte erzählt oder eine Landkarte zeichnet“, lässt sie eine Protagonistin notieren. Es sei, „als schleudere man einen Stein auf eine Fensterscheibe: Von der Aufprallstelle breiten sich die spinnwebartigen Risse fächerförmig nach allen Richtungen aus.“

Ganz ähnlich erzählt sie ihren Roman. In „Oyster“ fügen sich mehrere Perspektiven, die alle ihre eigenen Stimmen und Sprechweisen finden, in einer engverwobenen Struktur aus Vor- und Rückblenden zusammen zu einer Collage der Wahrnehmungen, zur lebendigen Anti-Chronik eines kollektiven freak-outs.

Das literarische Verfahren ist nicht allzu neu, und die Offensichtlichkeit, mit der sich die Handlung als Allegorie auf die einschlägigen zivilisatorischen Sündenfälle der Geschichte lesen lässt, überlagert leider die Subtilität, mit der Turner Hospital einfühlsam die Sichtweisen der Protagonisten entfaltet und aufeinanderzustreben lässt.

Gerade hier liegt aber die große Stärke des Romans: Es sind drei Frauen, die sich den „ungeheuer dehnbaren und gleichzeitig unendlich strengen“ Regeln Outer Maroos widersetzen. Die Perspektiven von „Old Silence“ Jess, von Mercy Given und Sarah Cohen, sie könnten unterschiedlicher kaum sein, doch die Konsequenzen, die jede für sich zieht, sind die entscheidenden Keile, die das Wahngebilde männlicher Allmachtsphantasien schließlich zerbersten lassen.

Die abgebrühten Opalhändler, die so gottesfürchtig über Leben und Tod richten, sie erscheinen plötzlich als „Clowns, Marktschreier, Verkleidungskünstler,  Wahnsinnige, Magier, Monster; vor allem aber Clowns. Sie sind lächerlich.“ Die Entzauberung ihres Systems vollzieht sich im vielschichtigen Innenleben der Protagonistinnen. Hier wird Vergangenes aufbewahrt und lebt Totes weiter, hier treten Gedanken als „Heckenschützen“ auf und formen sich zu neuen Erkenntnissen, hier liegt das fragmentierte Zentrum des Romans.

Es bleibt die Frage, inwieweit die Protagonistinnen dem moralischen Extremsport in exotischer Landschaft ausgesetzt werden mussten, um pünktlich und ausgerechnet zum Y2K-Debakel ihre Stimmen zu finden. Doch diese Stimmen, die Turner Hospital so eindringlich zum Sprechen bringt, klingen noch lange nach, nachdem die Geschichte vorüber ist – auch auf unserem Teil der Landkarte.

JAN NOEVENTHIEN (veröffentlicht am 31.10.2000)

Janette Turner Hospital: „Oyster“. Deutsch von Maria Mill. DuMont. 413 Seiten, 48 Mark.

Ist doch alles gut gegangen

Die Magie der kleinen Dinge: Joseph Hellers ausgiebiger Rückblick „Einst und jetzt“

Jeder kennt so einen Großvater, einen Onkel oder Nachbarn, der bei Beerdigungen, goldenen Hochzeiten oder einfach auf dem Hausflur ungefragt, doch höchst geduldig über die Spiele seiner Jugend, die Schule und den Krieg erzählt. Irgendwann sind dann diese Menschen nicht mehr da, und man fragt sich, ob man ihnen nicht besser hätte zuhören sollen. Joseph Heller ist noch da. Mit „Einst und jetzt“ hat er seine Erinnerungen vorgelegt.

Wo andere düstere Lebensbeichten ab­legen oder rücksichtslose Selbststilisierung betreiben, verfällt Heller in den gutgelaunten Plauderton des alten Mannes, der viel erlebt hat und froh ist, uns anvertrauen zu können: Ist doch alles gutgegangen! In Hellers Erinnerungen entfaltet sich eine schimmernde Nostalgie, wenn er seine Jugend in Coney Island beschreibt, dem einstigen Seebad und Rummelplatz New Yorks – ein Armenviertel zwar, doch zugleich ein wahrhaft magischer Ort. Denn wessen Traum wäre das nicht, eine Kindheit zwischen Schießbuden, Riesenrädern und Achterbahnen, der feine Sandstrand direkt vor der Tür?

Doch Coney Island verfällt mit den Jahren, die Vergnügungsparks schließen, die Millionen bunter Lämpchen verlöschen, und wie so viele Orte, von denen Heller noch erzählen wird, pendelt auch dieser zwischen Magie und Entzauberung. Ähnlich zwiespältig verhält es sich mit Hellers Bericht selbst, in dem wohlgelaunte, ja bisweilen rührende Detailstudien nahtlos übergehen in weitschweifige, unergiebige Sentimentalitäten. Fröhlich vor sich hin mäandernde Anekdötchen und Plattitüden formen sich zu einem wenig gegliederten, weitgehend assoziativ gestrickten Erinnerungsstrom, in dem drei aufeinander folgende Kapitel nicht von ungefähr mit den Überschriften „Wei­ter“, „Und immer weiter“ sowie „Und im­mer weiter und weiter“ versehen wurden.

Es mag ja sein, daß damals in den Dreißigern die besten Punchball-Bälle von der Firma Spaldeen hergestellt wurden. Vielleicht war der Luna Park ja wirklich besser als der Steeplechase Park, obwohl er früher plei­te ging, und „immer darauf zu achten, daß man einen reellen Gegenwert für sein Geld bekam“, ist gewiß kein schlechter Rat fürs weitere Leben. Ja, es war die Schechter-Hüh­ner­schlach­terei aus Coney Island, die gegen Roosevelts New Deal geklagt hat. Und richtig, einen Vorrat Aspirin kann man immer in der Tasche haben, „aber einen Friseur nicht“. Na sicher, schon klar…

Und kaum will man das Buch zuklappen, weil es nun langsam reicht, da gewinnt es an Fahrt. Heller erzählt von seinen Einsätzen als Bombenschütze gegen das Dritte Reich, seinem Literaturstudium, den Jobs in der Werbung. Bald werden einige seiner Erzählungen veröffentlicht.

Zwar erfahren wir immer noch mehr über Hellers Routen als junger Fahrradkurier in New York als über seine traumatischen Fliegereinsätze im Krieg. Aber wir verstehen auch, warum: Weil die Magie des Lebens für ihn in den kleinen Dingen liegt, nicht in den großen Katastrophen. Hier siegt die Altersweisheit über die Bitterkeit. „Fast ohne es zu bemerken, wuchsen wir heran«, heißt es am Anfang. „Vieles verwandelte sich grund­legend, aber in leisen Nuancen.“ Heller beschreibt nicht so sehr die grundlegenden Wandlungen, sondern widmet sich vor allem diesen Nuancen.

1961 ist so ein Wendepunkt: Hellers Debüt „Catch 22“ erscheint, eine wütende Abrechnung mit der Kriegsmaschinerie, die ihn zum Star macht. Seinen neugewonnen Ruhm allerdings illustriert er mit der genervten Behauptung seines sechsjährigen Sohnes: »Ich bin der, der das Buch geschrieben hat.« Nein, Wichtigtuerei ist Hellers Sache nicht.

Stattdessen erfahren wir, daß er von den ersten 250 Seiten des Romans fünfzig ersatzlos streichen konnte, „ohne daß damit an Handlung etwas verloren gegangen wäre.“ Schon als Stu­dent hatte er über seine Texte zu hören bekommen: „Ich würde zu lange für meinen Anfang brauchen, würde immer herumtrödeln und zögern“ ­– vielleicht eine „psy­cho­lo­gi­sche Schwäche, die angehalten hat.“

Von dieser Einsicht kann man auch die vorliegende Autobiographie nicht freisprechen, doch mittlerweile strebt sie ihrem Ende entgegen, und Heller ist in seinem Element. Er beschreibt seinen Kampf mit der allgegenwärtigen amerikanischen Psychoanalyse, zu deren ehrgeizigsten Patienten er gezählt haben muß. Seinem Analytiker meist einen Schritt voraus, bekennt er sich „eilig aller möglichen Defekte schuldig“ und bricht die Therapie schließlich ab. Die Antworten, die er wollte, hat er bekommen, das Honorar kann er sich sparen. Seine Schwäche, einen prägnanten Textanfang zu finden, charakterisiert er gar als seinen „analen Zug“.

Beim Abfassen seiner Erinnerungen erkennt Heller erstaunt, daß dieses Buch wie alle seine vorherigen Romane unbeabsichtigt, doch unausweichlich einem gemeinsamen Muster folgt: Die Schlußlösung ergibt sich immer aus dem Tod einer Nebenfigur im vorletzten Kapitel, in diesem Falle aus dem Tod seines Vaters, als Heller selbst fünf Jahre alt war. Heller folgert, Schriftsteller und Komponisten tendierten „zu einer größeren seriellen Ähnlichkeit, als wir wahrhaben wollen“. Die individuelle Persönlichkeit, „so proteushaft wandlungsfähig sie in ihrer Kreativität auch sein mag“, habe einen „ganz eigenen Charakter“ und könne „ihre Konstruktionen nur innerhalb der Umrisse ihrer eigenen Natur entwerfen“.

Das ist letztlich auch die Quintessenz von „Einst und jetzt“: Man kommt nicht aus seiner Haut. Jeder lebt sein Leben. Besser, man findet sich damit ab, nimmt sich nicht so wichtig, bleibt sich treu. In Hellers Erinnerungen geht es gar nicht so sehr um seine eigene Person. Die besten Passagen schildern die Welt um ihn herum. Deshalb ist der Ton so versöhnlich, trotz Krieg und schwerer Krank­heit. Es ist ja alles nicht zu ändern. Es ist ja alles gutgegangen.

Ja, Joseph Heller ist einer dieser berüchtigten alten Männer auf Familienfesten. Er erzählt viel, und vieles davon müssen wir nicht wissen. Und dennoch gibt es genug zu erfahren: Über Coney Island und New York, über das Schreiben, über sein Leben. Joseph Heller ist ein großzügiger Mann, der einen geduldigen Zuhörer belohnt.

JAN NOEVENTHIEN

Joseph Heller: „Einst und jetzt. Von Coney Island nach New York“. 315 Seiten, 44 DM

veröffentlicht am 30.11.1999

Dieses Leben ist zu gut, um eine Wahl zu lassen

Das ausweglose, erschöpfte Glück: James Salters großer Roman „Lichtjahre“

„Das Schöne schwindet, scheidet, flieht ― / fast tut es weh, wenn man es sieht“, hat Robert Gernhardt über das Vergängliche geschrieben. Dem Vollkommenen scheinen Scheitern und Verfall immer schon miteingeschrieben zu sein. In seinem Roman „Lichtjahre“ erzählt der große amerikanische Erzähler James Salter von einer augenscheinlich perfekten Familie, die schleichend und unaufhaltsam auseinanderfällt.

Viri und Nedra Berland, ein sensibiler Architekt und seine schöne, intelligente Frau, erleben wunderbare Jahre in einem wunderbaren Haus, das sich langsam mit kleinen, wunderbaren Dingen füllt. Es sind Jahre voller geistreicher Parties und Dinners mit alten Freunden, und durch den großen Garten am Fluß toben zwei außergewöhnliche Töchter.

Diese Jahre scheinen durchdrungen von Licht, von Wärme und milden Farben. Doch das Idyll wird zur Falle: Gerade weil es so vollkommen und harmonisch ist, erscheint es vollkommen ausweglos. Dieses Leben ist zu gut, um eine Wahl zu lassen. Es macht satt und seßhaft und unfrei.

„Ereignisse brauchen eine Einladung, Zerfall einen Anfang“, heißt es in Salters Bericht. Im Fall von Viri und Nedra scheint dieser Anfang bereits die Hochzeit gewesen zu sein. Damals, so erscheint es Viri mittlerweile, wurde Nedra von der begehrten Geliebten „zu seiner nächsten Verwandten. Sie verpflichtete sich seinen Interessen und widmete sich ihren eigenen. Die verzweifelte, unerträgliche Liebe verschwand, und an ihre Stelle trat eine junge Frau von zwanzig Jahren, die dazu verurteilt war, mit ihm zu leben.“

Überhaupt scheint das, was die Stärke der Familie ausmacht, zugleich ihr krisenhaftes Moment zu sein, wie Salter feststellt: „Es gibt Wärme in Familien, aber selten Freundschaft.“ Es ist diese Wärme, die die Familie von innen faulen und modern läßt. Das ausweglose Glück weckt ungeahnte Sehnsüchte. Sie bleiben unaussprechbar, denn sie weisen über die Familie hinaus, und jeder bleibt mit ihnen allein. „Im Grunde gibt es, wie Viri sagt, zwei Arten von Leben. Es gibt das, von dem die Leute glauben, daß man es lebt, und es gibt das andere. Es ist dieses andere, das Probleme macht, dasjenige, das wir gerne zu Gesicht bekommen würden.“

Viri träumt von Dingen, „die sich, befürchtete er, nie erfüllen würden. Er wog sein Leben oft ab. Aber er war noch jung, die Jahre erstreckten sich vor ihm wie endlose Ebenen.“ Nedra erlebt insgemeim den gleichen Zwiespalt. Sie fühlt sich zerrieben „zwischen dem, was man nicht tun kann, und dem, was man tun muß. Man wird zu Staub.“

Vor diesem Hintergrund wird Zeit zum Feind und Alter, diese „Anarchie der Zellen“, zur Bedrohung, weil jeder dieser schönen Tage nur ein weiterer verlorener sein kann. Nach dem Tod ihres Vaters, der von Salter so nüchtern wie unumstößlich als Wendepunkt inszeniert wird, entscheidet sich Nedra gegen die Familie und für die Freiheit. „Die Freiheit, die sie meinte, bedeutete Selbstüberwindung. Es war kein natürlicher Zustand. Er war nur für jene bestimmt, die alles dafür aufs Spiel setzen, die wußten, daß das Leben ohne Selbstüberwindung nur ein Fressen war, bis einem die Zähne ausfallen.“

Die Kinder sind erwachsen geworden, man schlägt getrennte Wege ein. Doch auch die neue Freiheit bringt kein Glück, die ebenso schönen wie unmöglichen „Lichtjahre“ bleiben der unauslöschliche Fluchtpunkt, auf den alle neuerlichen Bewegungen zurückweisen. Das Idyll wird von der Falle zum Fluch.

Mit den „Lichtjahren“, die 1975 erschienen sind und vom Berlin-Verlag in diesem Jahr in ausgezeichneter Übersetzung erstmals auf den deutschen Markt gebracht wurden, erweist sich Salter als großer Stilist und Erzähler, als wahrer Meister des Stimmungsspiels, des Atmosphärischen. Assoziativ und andeutungsreich, als wolle er dem Baustellencharakter des Lebens eine Form geben, seziert er das erschöpfte Glück. Mit luzider Beobachtungsgabe offenbart er eine Fülle verräterischer Details, die Schicht für Schicht den verborgenen Selbstzerstörungsmechanismus des Idylls zutagetreten lassen, während im Rhythmus ebenso karger wie poetischer Sätze das Leben als ein langer, ruhiger Fluß erscheint.

Man darf allerdings nicht verschweigen, daß Salter ein ums andere Mal allzu hart an der Kitschgrenze entlangpilchert. Nahezu obsessiv entwirft er immer neue Idyllenbilder, um sie dann sogleich mit unheilvollem Raunen, Zweifelsträumen und Todesahnungen wieder infragezustellen. Sein Stil ist weithin brillant, doch das Prinzip bald ausgereizt.

Und dennoch gelingt Salter die eindrucksvolle Beschreibung einer Dialektik des Glücks. Je näher man ein Wort anschaut, hat Alexander Kluge gesagt, desto ferner schaut es zurück. Mit der Suche nach dem Glück scheint es hier nicht anders zu sein. Viri und Nedra flüchten mal zueinander, mal voreinander, sie erleben Treue und suchen Affären, doch bleibt ihnen nichts als jene Heimatlosigkeit, wie Baudelaire sie beschrieb: Immer nur dort glücklich zu sein, wo man nicht ist.

JAN NOEVENTHIEN (veröffentlicht am 30.11.1999)

James Salter: „Lichtjahre“. Aus dem Amerikanischen von Beatrice Howeg. Berlin Verlag. 392 Seiten, 39,80 Mark.

Die üblichen Verdächtigen

Im Bett mit Marilyn Monroe, auf Toilette mit John F. Kennedy und einen trinken mit Jack Kerouac – der Gedanke, der Don Winslows Kriminalkolportage „Manhattan Blues“ zugrund liegt, ist denkbar einfach: Er lässt eine Reihe prominenter Zeitgenossen des Jahres 1958 mal mehr, mal weniger verfremdet durch eine fiktive Krimihandlung stapfen und sieht zu, was so passiert.

Es passiert natürlich so einiges. Von der CIA über das FBI bis zum unvermeidlichen KGB sind alle üblichen Verdächtigen vertreten, ferner ein Haufen Beat-Autoren, die Homosexuellenszene und die Jazz-Boheme Manhattans, deutsche Zuhälter, irische Schläger, und sogar die New York Giants – nur auf den Auftritt von James Bond wird man vergebens warten.

Die illustre Besetzung kann nicht darüber hinwegtäuschen: Was wie ein Schlüsselroman daherkommt, ist eher ein Schlüssellochroman, denn Winslow hat eine bestenfalls konventionelle Krimigechichte mit einem Haufen derart wilder Spekulationen zusammengeschemelt, daß seine prominenten Protagonisten allenfalls auf einschlägiges B-Movie-Format eingedampft werden.

Dabei gelingen Winslow mitunter wunderbare Stadtbeschreibungen, wenn er seinen Helden, den Privatdetektiv und Ex-Agenten Walter Withers durch die Straßen von Manhattan treiben läßt. Doch sobald nur etwas Handlung hereinbricht, ist alles verloren. Und leider gibt es viel zu viel davon. Dann sagen grobgeschnitzte Charaktere klischeedurchsottene Dialoge auf, daß man meint, eine schlechte Drehbuchadaption vor sich zu haben. Die Hauptfigur mutet an, als hätte man James Stewart als Sam Spade besetzt. Mit anderen Worten: Das Desaster lässt sich bald erahnen, doch niemand tut etwas dagegen.

Am wenigsten der Autor selbst. Das Vergnügen an einem Satz liege „letztlich nicht beim Hörer, sondern beim Sprecher“, schreibt Winslow nahezu programmatisch für alles folgende in den „Prolog“ seines Werks. Woraus man die leise Hoffnung ableiten kann, daß bei diesem Unternehmen zumindest der Autor mehr Spaß gehabt haben könnte als der Leser.

JAN NOEVENTHIEN

Don Winslow: „Manhattan Blues“. Piper. 375 Seiten, 39,80 DM

veröffentlicht am 17. Juli 1999

Was rührt sich da im Dunkel?

Es kann ganz schön unheimlich sein, nachts allein in einem großen, dunklen Haus. Die seltsamsten Dinge hört man sich rühren, und wenn man nur lang genug ins Dunkel starrt, starrt schon bald etwas zurück.

Während die Lokalzeitungen von den Untaten eines Hammermörders berichten, arbeitet die Übersetzerin Elizabeth Skvorecky an der englischen Ausgabe eines Thrillers der hartgesottenen Sorte. Daß die Angst sich zu einer Krankheit auswachsen könne, heißt es da, daß sie „Körper und Geist gleichermaßen befiel und an den Nervenenden nagte, bis sie bloßlagen.“

Mit der Zeit mehren sich mysteriöse Anzeichen dafür, daß sich ein Unbekannter regelmäßig Zutritt zu Elizabeths Haus verschafft, in dem sie seit der Trennung von ihrem Freund allein lebt. Während sich ein nervenzermürbender Psychokrieg entwickelt, weicht Elizabeth in ihrer Übersetzung – der nahe Abgabetermin läßt trotz aller Belastung keinen Aufschub zu – immer weiter von der Romanvorlage ab und offenbart in diesen Passagen mehr über das zerstörerische Ausmaß ihrer eigenen Angst, als sie sich selbst eingestehen will.

So rücksichtslos, wie der unbekannte Eindringling die Heldin des Romans terrorisiert, so raffiniert spielt auch die Autorin Sarah Dunant in ihrem Debüt „Nachts sind alle Katzen grau“ mit den Nerven ihrer Leser. Die Angstszenarien Elizabeths werden gekonnt verwoben mit ihren ebenso klugen wie amüsanten Gedanken über das Leben und Lieben in der Midlife-Krise.

Die Parallelmontage mit der fiktiven Krimi-Übersetzung sorgt für verzögernde Momente, ohne dem Leser wirklich eine Atempause zu gönnen, und eröffnet zugleich und sozusagen am lebenden Objekt allerlei Einsichten über das Wesen und Wirken eines Thrillers. Und wenn man dann, spät in der Nacht, das Buch endlich zugeklappt hat, sind die seltsamen Geräusche im Dunkel alle noch da.

JAN NOEVENTHIEN, 10. Januar 1998

Sarah Dunant: „Nachts sind alle Kater grau“. Blessing, 318 Seiten, 39,80 DM.

Mit dem Güterwagen verheiratet

„Die Reichen können Globetrotter wer­­den, aber wer kein Geld hat, wird Hobo.“ Hun­dertausende Männer und Frauen ziehen Anfang des Jahrhunderts kreuz und quer durch Amerika, als Schwarzfahrer und per Anhalter, auf der Suche nach Arbeit oder aus reiner Abenteuerlust: Hobos und Tramps, Tagelöhner und Landstreicher, die die Armut ebenso treibt wie die Angst vor der Seßhaftigkeit und der Anpas­sung, die ein seßhaftes Leben bedeutet.

Bertha Thompson ist Hobo-Kind, ein Pro­dukt der freien Liebe in den Nachtlagern der Reisenden. Als Sechzehnjährige be­fällt sie selbst die Sehnsucht nach dem no­madischen Leben in Güterzügen und Not­herbergen, und so macht sie sich mit den besten Wünschen ihrer Mutter auf den Weg, um für die nächsten fünfzehn Jah­re Amerika auf eigene Faust kennenzu­lernen. Ihre Erinnerungen hat sie Ben L. Reitman erzählt, dem berühmten „An­ar­chistenarzt“, der daraus den bewegenden Bericht „Boxcar Bertha“ gemacht hat.

Mal schließt sich Bertha einer Diebesban­de an, mal arbeitet sie als Prostituierte. Sie engagiert sich in sozialistischen und an­archistischen Gruppen und kämpft für die Einrichtung von Hobo-Colleges und Tram­perherbergen. Doch lange hält sie es nir­­gendwo aus: „Irgend etwas in meinem In­neren stachelt mich ständig auf, und nur wenn ich unterwegs bin, ist es befriedigt. Ar­beit, Liebhaber, ein Kind – alles das kommt offenbar nicht gegen meine Wander­lust an.“ Bertha kommt es vor, als sei sie „mit dem Güterwagen verheiratet.“

Ihre Autobiographie ist voller spannender Geschichten und schillernder Persönlich­keiten, allerdings mit einer gehörigen Por­tion Pathos dargeboten. In das ungewöhn­liches Nebeneinander von romantische Verklärung und eingestreuten Statisti­ken schleicht sich immer wieder eine Rhe­torik der nachholenden Rechtfertigung, doch auch dies macht „Boxcar Ber­tha“ zu einem aufschlußreichen Dokument einer bewegten Zeit.

von JAN NOEVENTHIEN

Ben L. Reitman: „Boxcar Bertha. Ei­ne Autobiographie“. rororo. 295 Sei­­ten, 14,90 DM

Nutznießer der Scheinheiligen

Laurence Bergreens Al-Capone-Biographie

Mit 21 Jahren hat Alphonse Capone die wichtigsten Voraussetzungen für seine Karriere geschaffen: Er ist ein so­lider Buchhalter, und er hat schon einen Mann getötet. Als ein befreun­deter Gangster dem jungen Mann 1921 das Angebot macht, in Chicago gemeinsam eine Al­kohol­schmugglerbande aufzubauen, zö­gert er nicht lange. Die Prohibition, das staatliche Alkoholverbot, verspricht ge­waltige Gewinne, und tatsächlich ent­wickelt sich das gemeinsame Unter­nehmen schon bald zu einem Konzern mit Millionenumsatz.

Den rasanten Aufstieg „Al“ Capones vom Sohn armer italienischer Einwan­derer zu einem der mächtigsten Männer seiner Zeit erzählt der amerikanische Journalist Laurence Bergreen in einer ebenso faktenreichen wie unterhaltsa­men Biographie. Was sich zu­nächst wie eine Erfolgsgeschichte liest, endet in der „Irrenzelle“ des Staatsge­fängnisses Alcatraz, wo sich Capone und seine Mitgefangenen mit Fäkalien bewerfen.

Bergreen tut gut daran, sich nicht allzu sehr auf eine „Beweisaufnahme“ gegen die Person Capone zu beschränken. Er rekonstruiert zugleich dessen Umfeld: Gegner und Komplizen, Politik und Rechtsstaat im Chicago der zwanziger und dreißiger Jahre, Amerika und seinem kriminellen Mikrokosmos.

Zu jener Zeit erlebt die Unterwelt in den Großstädten einen Umbruch. Die Gangster beginnen, sich zu verbünden und ihre Machen­schaften vor allem als Geschäft zu be­trachten. Die organisierte Form des Verbrechens verspricht mehr Rendite, mehr Sicherheit und mehr Macht. Eine der treibenden Kräfte dieser Professionalisierung ist Al Capone. Seine Organisation bedient bald alle verbotenen Bedürfnisse: Glücksspiel, Prostitution, Schwarzbrennerei und den Betrieb von illegalen Kneipen und Bars.

Die rapide steigenden Gewinne führen jedoch bald zu Verteilungskämpfen. Während auf offener Straße ein blutiger Bandenkrieg tobt, bemüht sich Capone gegenüber der Öffentlichkeit um eine ehrenwerte Fassade. Er stiftet Sup­penküchen für Obdachlose, verteilt großzügig Geschenke und Trinkgelder und legt größten Wert darauf, verschie­dene „Gerüchte“ über seine Geschäfte höchstpersönlich in der Presse zu de­mentieren. Tatsächlich konnten weder Capone noch seine Komplizen jemals eines Kapitalverbrechens angeklagt werden. Sie alle wurden erst nach langen Jahren ihres blutigen Wirkens verurteilt, weil sie es ironi­scherweise versäumt hatten, ihr krimi­nelles Einkommen ordnungsgemäß zu versteuern.

Bergreens Recherche för­dert viele bislang unbekannte Details zutage. Die bedeutendste Entdeckung ist dabei wohl die Infizierung Capones mit der Neurosyphilis. Diese Krankheit, die schleichend das Nervensystem be­fällt und ihr Opfer extremen Persön­lichkeitsschwan­kungen unterwirft, hatte sich Capone als junger Mann zugezo­gen. Der Größenwahn, mit dem er seine Geschäfte zunehmend zu führen schien, bekommt vor diesem Hintergrund eine neue Dimension.

Die Krankheit mag nun die ausufernde Gewalttätigkeit Capones be­gründen, als Erklärung für seine bei­spiellose Kar­riere genügt sie nicht. Ca­pone war nicht zuletzt ein gewitzter Nutznießer einer scheinheiligen Gesell­schaft, die seine Bestechungsgelder ebenso gern annahm wie seinen Alko­hol. Die gleichen Leute, die ihn zum „Staats­feind Nr. 1“ erklärten, er­möglichten ihm letztlich erst durch die Prohibition die enormen Umsätze, mit denen er schließlich ganze Polizeire­viere und sogar Bürgermeisterwahlen kaufen konnte.

Bergreen gelingt es, seiner Capone-Biographie historische und gesellschaft­liche Tiefenschärfe zu geben, doch manchmal übermannt ihn auch die Liebe zum Detail. Dann kapituliert er vor der Macht des Anekdotischen und erweist sich als veri­table Plaudertasche, wenn er seine Stu­die mit bunten Szenenbeschreibungen und kaum be­legba­ren Dialogen auflockert. Vielleicht hatte er beim Schreiben ja schon den Verkauf der Drehbuchrechte im Kopf, vielleicht ist er auch dem Faszinosum Capone ebenso erlegen wie schon dessen Zeitgenossen. Dem Leser wird es dafür nicht anders ergehen: Bergreens Bio­graphie ist ein beeindruckendes, pac­kendes Stück Zeitgeschichte.

von JAN NOEVENTHIEN

Laurence Bergreen: „Al Capone. Ein amerikanischer Mythos“. Herbig. 495 Seiten, 58 DM.

Die Wüste lebt

Cormac McCarthys „Die Abendröte im Westen“

Daß er sich in seinen Büchern bloß an »Hack-, Schiltz- und Schneideszenen« ergötze, wurde William Faulkner einmal von Wyndham Lewis vorgeworfen. Cormac McCar­thy, den sie in Amerika »den legitimen Erben« Faul­k­ners nennen, hat mit seinem imposanten Frühwerk »Die Abendröte im We­sten«, das nun bei Rowohlt erschienen ist, einen Roman geschrieben, dessen Inhalt sich treffender kaum beschreiben läßt.

1849, nach dem Mexikanischen Krieg, schlägt sich eine Gruppe amerikanischer Despe­rados durch die »weite, blut­getränkte Wüste« der mexika­nischen Prärie. Sie verdingen sich als Skalpjäger, ein Trupp »wie aus dem nackten Fels ge­triebene We­sen, namenlos und an sich selbst gefesselt dazu be­stimmt, gorgonenhaft raub­gie­rig, verloren und stumm durch die schaurigen Wüsten Gondwa­nas zu streifen in ei­ner Zeit, als es noch keine Namen gab und jedes gleich alles war.«

Die Landschaften Mexikos, die diese finstere Prozession durchstreift, beschreibt McCarthy mit einer mächtigen, überwältigen­den Prosa. »Die Wüste, in der so viele zugrunde gegangen sind, ist weit und verlangt nach einer weiten Seele; zu­gleich aber ist sie unendlich leer. Sie ist rauh, sie ist kahl.« McCarthy hat diese weite Seele. Die Prärie be­schwört er sie mit einer Intensität, als ob sie, dem Unter­gang geweiht, nur in seiner Sprache fortleben könnte. Die Wüste lebt.

Doch vieles, was lebt, machen McCarthys Helden wieder zunichte. Die Sonne macht keinen Unterschied zwischen den Menschen und den Tieren, die sie quält, so lassen auch die Männer bald alle menschlichen Skrupel fallen. Was nicht Wüste ist, muß verwüstet werden. Grimmig schildert der Autor ihren bluttriefenden Feldzug, eine endlose Folge besinnungsloser Massaker.

»Krieg gab es zu allen Zei­ten. Er hat auf den Menschen gewartet, noch ehe dieser in Erscheinung trat«, erklärt der Anführerer der Bande, ein Richter namens Holden, der allerdings eher ein Teufel zu sein scheint. »Krieg ist Gott«, verkündet er sein Credo.

»Das Gesetz der Moral« hat in dieser Religion keinen Platz, es diene bloß dazu, »die Starken zugunsten der Schwa­chen herabzuwürdigen. Das Ge­setz der Geschichte unter­gräbt es bei jeder Gelegen­heit.« Kein Zweifel, nur die­ses Gesetz vollzieht der Richter, denn »wenn Gott die Entartung der Menschheit auf­halten wollte, hätte er es nicht längst getan?«

So gerät die Gewalt den Männern zur bloßen, dumpfen Existenzbestätigung, das Gesetz des Tötens erhebt sich zu einem absurden kategorischen Imperativ. Das alles ist verstörend, obszön – und vollends realistisch: Kann die Erobe­rung eines ganzen Kontinents je anders von­statten gegangen sein als in einer solchen Or­gie der Bru­talität?

Es ist sicher nicht John Waynes Version der amerikani­schen Geschichte, die McCar­thy hier geschrieben hat, und die Landschaft ist nicht ganz dieselbe wie in der Zigaret­tenwerbung. Die Geschichte jener »Geisterreiter, fahl vom Staub« ist ein drasti­scher, schonungsloser Wider­spruch gegen die Mythi­sierung und Verklä­rung des »Wilden Westens« durch die Traumindu­strie Holly­woods. McCarthy erweckt die andere, blut­klamme Seite des amerikani­schen Traumes zum Leben.

»Die Abendröte im Westen« ist, wie die Männer, von denen es handelt, ein Buch bar jeder Sentimentalität und so un­gastlich wie die Prärie, die sie durchreiten. Und anders als Faulkner, der der Geschichte im Bewußtsein der Protagoni­sten nachspürte, bleibt McCarthy durchgehend ein di­stanzierter Beobachter, der die Geschichte einpräg­sam, doch sachlich, von einem äußeren Standort aus erzählt.

Es ist bei­leibe kein Vergnü­gen, an der Reise dieser hoffnungslo­sen Reiter teilzu­nehmen. Bald gerät die Lektüre zur bloßen Strapaze, aber Strapazen sind es, von denen das Buch handelt: Immer neue Berge und Täler, die in sengender Hitze durchzogen, immer neue Dörfer, deren Bewohner in ungebremsten Blutrausch hingemetzelt werden. Man fühlt sich schmutzig und betäubt nach diesem Buch, besudelt von einem gewaltigen Ereignis. Man ist zum Zeugen geworden von etwas, das man lieber nicht gesehen hätte, doch der Blick ließ sich nicht wenden.

von JAN NOEVENTHIEN

Cormac McCarthy: Die Abend­röte im Westen. Rowohlt. 374 Seiten. 45 Mark

Stolz auf dem Schmutz

Die Liebe in den Zeiten der Prostata: Philip Roths Roman „Sabaths Theater“

Als Morris Sabbath, genannt Mickey, nach fast einem halben Jahrhundert erstmals wieder in seine Heimatstadt an der amerikanischen Atlantikküste zurückkehrt, um sich im Alter von vierundsechzig Jahren das Leben zu nehmen, besucht er ein letztes Mal den alten jüdischen Friedhof, auf dem seine Familie begraben liegt. Seinen eigenen Platz im Familiengrab findet er mittlerweile von einer entfernten Tante aus der Bronx besetzt. In diesem Moment ist er der einsamste Mensch, den man  sich vorstellen kann.

Die Szene auf dem Friedhof ist ein Höhepunkt in Philip Roths neuem Roman „Sabbaths Theater“. Die seltsame Verwandtschaft der Tragik mit der Komik findet sich in dieser retrospektiv angelegten Lebensgeschichte auf das Vortrefflichste beschrieben. Sein Leben lang war Mickey Sabbath ein Versager, und schließlich will ihm noch nicht einmal der Selbstmord gelingen. Dieser letzte Akt, von dem er sich noch einen letzten Rest Würde erhofft hatte, verwandelt sich unversehens in einen Teil jener Schmierenkomödie, die sein Leben letztlich immer war.

Aber nicht, wie die Geschichte enden, ob Sabbath sich wirklich umbringen wird, ist die eigentliche Frage des Romans. Sondern wie diese Geschichte eigentlich begonnen hat, wie Sabbath auf diesen Friedhof gelangt ist, von allen Freunden und Geliebten verlassen, mit nichts als dem Geld in der Tasche, das er der Frau seines letzten Freundes Norman gestohlen hat, nachdem auch der ihm den Rücken gekehrt hatte.

Diese Vor-Geschichte legt Roth Schicht für Schicht offen. Die Schmerzen der Gegenwart sind es, die Sabbath immer wieder an die Schmerzen der Vergangenheit erinnern. Souverän läßt Roth den tragischen Helden durch seine Erinnerungen reisen, bis diese mit der Gegenwart zu verschmelzen scheinen und erst so das ganze Ausmaß seines Scheiterns offenbaren.

Mit dem Tod seines geliebten Bruders Morton verliert der pubertierende Mickey jeden Halt. Er geht zur See und verkehrt in den Bordellen der Welt. Schließlich wendet er sich der Kunst zu, gründet in New York „Sabbaths unzüchtiges Theater“ und spielt auf der Straße Puppentheater für Erwachsene. Später wird sich Jim Henson, der Vater der Muppets und der Sesamstraße, vergeblich darum bemühen, Sabbath für die Rolle des Bibo zu gewinnen.

„Puppen können fliegen, schweben, kreiseln, nur Menschen und Marionetten müssen sich aufs Laufen und Gehen beschränken.“ Beschränkung ist aber nicht die Kunst des Mickey Sabbath, und so versucht er ein Leben zu führen wie seine Puppen: ein unmögliches Leben ohne die Schwerkraft, die all die Regeln und Konventionen gemeinhin ausüben, ein fliegendes, schwebendes Leben, das die bürgerlichen Marionetten vor den Kopf stößt – besonders darauf legt er größten Wert.

Doch die Arthritis bereitet dem alternden Puppenspieler ein doppeltes Ende: Nicht nur muss er seine Kunst aufgeben; ohne diese Kunst holt ihn die weltliche Schwerkraft auf den Boden der Tatsachen zurück, und sein Leben der Ausschweifung und Provokation gerät zum Scherbenhaufen.

Sein weiterhin ungebremstes sexuelles Verlangen, die Liebe in den Zeiten der Prostata kostet ihn seine zweite Existenz: Einen Lehrauftrag, den Sabbath nach seinem künstlerischen Aus erhalten hatte, verliert er wegen einer Affäre mit einer Studentin, die sich zum handfesten öffentlichen Skandal auswächst. Sabbaths alkoholkranke Frau wird nach einem Zusammenbruch in die Nervenheilanstalt eingewiesen und seine Geliebte Drenka erliegt dem Krebs. Nun beginnt der Absturz, der Sabbath tagsüber bald in der U-Bahn betteln und nachts das Grab der Geliebten schänden lässt.

Sabbaths „despotischer Narzißmus“, seine „sardonische Intelligenz“ sind mehr, als die Menschen um ihn herum ertragen können: „Sabbath liegt nichts daran, Menschen mehr leiden zu lassen, als er sie leiden lassen wollte; er wollte sie auf keinen Fall mehr leiden lassen, als es zu seinem Wohlbefinden nötig war.“ Doch diese merkwürdige Form der Rücksichtnahme dankt ihm niemand. Jetzt, so sagt ihm Norman beim letzten Abschied, fahre er die einsame Ernte seines zügellosen Lebens ein. Zuvor hat  Sabbath sich vor Normans Frau entblößt und die Unterwäsche seiner Tochter mitgehen lassen.

Wenn man Philip Roths großartigen Roman liest, mag man mitunter kaum glauben, daß ein Mann immer noch tiefer sinken kann. Sabbath kann es. Und trotzdem, „ja, ja, ja“, empfindet er eine ungebrochene „hemmungslose Zärtlichkeit“ für sein Leben.

„Geliebter Hurenbock, Verführer, Sodomit, Frauenschänder, Zerstörer der Moral, Verderber der Jugend, Gattenmörder, Selbstmörder“ – diese Inschrift wünscht sich Sabbath für seien Grabstein. Seine Lebensbilanz erfüllt ihn trotz allem doch auch mit Stolz, denn immerhin ist ihm etwas sehr seltenes gelungen: Ein Leben ganz nach den eigenen Vorstellungen zu leben, in seinem Fall ein Leben aus Schmutz, Provokation und hemmungslosem Sex. Ein bürgerliches Leben hat Sabbath niemals angestrebt, und diesem Vorsatz treu zu bleiben, ist bislang noch den wenigsten gelungen.

JAN NOEVENTHIEN, 3. Mai 1997

Philip Roth: „Sabbaths Theater“. Hanser. 491 Seiten, 49,80 DM

Eisberge? Sind nicht vorgesehen

Vielleicht stimmt der düstere Satz, die Geschichte sei letztlich bloß eine endlose Folge von Verbrechen. Aber welche Rolle spielen die Men­schen, die fortwährend Ge­schichte schreiben, von de­nen Geschichte handelt: Sind sie Täter, oder sind sie Op­fer?

Dieser Frage, die sich nicht erst wieder seit der Goldha­gen-Kon­troverse stellt, geht Anthony Burgess in seinem Spätwerk »Belsazars Gastmahl« nach. Für Burgess, der mit »Clock­work Orange« einst zu Weltruhm ge­langte, ist die Ge­schichte »im Grunde nur ein einziger brül­lender Schlage­tot«, der alles unter­drückt und an sich reißt.

Beziehungsreich beginnt er seinen Roman mit dem Untergang der Titanic, dem Symbol moder­ner Hybris schlechthin: »So unmöglich war es, daß der Dampfer sank, daß er zum Be­weis auch gleich nicht genug Rettungsboote da­bei hatte.«

David Jones, ein junger wali­sischer Küchenjunge, überlebt die Katastrophe, und weil er glaubt, daß sein weiteres Le­ben nicht auf einem Glücksfall fußen dürfe, beschließt er, dem Tod noch eine zweite Chan­ce zu geben und meldet sich freiwillig zum Ersten Welt­krieg. In New York hat er Lud­milla, eine junge Russin, ge­heiratet, und die so gegrün­de­te Familie wird vom weiteren Verlauf des Jahrhunderts reichlich durcheinandergewir­belt.

Ins Bild gesetzt wird diese bewegte Familienchronik von Harry Wolfson, einem »ehemali­gen Terroristen und Leh­rer der Philosophie«, der mit David Jones’ Kindern be­freun­det ist und nachzeichnet, wie heiße und kalte Kriege sie quer durch Europa treiben: Bianca Jones, eine kühle, be­törende Intellektuelle, Regi­nald Jo­nes, ein idealistischer Heiß­sporn, und Daniel Jones, ein mürrischer, etwas natur­trüber Bursche, der zufrieden ist, solange es irgendwo einen Fisch auszuneh­men gibt.

Zwei Weltkriege, Osterauf­stand in Dublin, Revolution in St. Petersburg, Bürgerkrieg in Spanien, Stalins Säuberungen, die Gründung des Staates Is­ra­el: Die Familie Jones erlebt das »verstörende Chaos der Versuche des Menschen, sich selbst eine Ordnung zu set­zen.« Alle diese Versuche en­den letztlich in Zerstörung, »aber das Alibi des religiösen oder profanen Pa­triotismus verwandelt die De­struktion in etwas scheinbar Kreatives.«

Die großen und die kleinen Ideologien sind es, die den Menschen zur bloßen Ver­schie­bemasse machen: »Körper sind weitgehend immer das­selbe, aber Seelen nicht. Jetzt sol­len die Seelen alle zu Kopien eines einzigen Ar­chetyps zu­rechtgehämmert wer­den, den die großen Kollektive vergeben.«

Diese Kollektive verheißen Freiheit, Gerechtigkeit, über­haupt eine bessere Welt. Doch derlei »Ro­mantik wird im­mer fru­striert«, schreibt Burgess, »und dann wen­det sie sich der Ge­walt zu.«

Wie auf der – pure Ideologie! – unsinkbaren Titanic sind auch in den mannigfaltigen Heilslehren und ihren politi­schen Systemen Eis­berge meist nicht vorgesehen, und wenn das Wasser dann erst ein­mal in den Schiffsbauch dringt, sind wie­der mal zuwe­nig Ret­tungsboote an Bord. Von Katastrophen wie diesen er­zählt Burgess.

Sind die Menschen also nur Opfer dieser Katastrophen? »Es ist nicht das Volk, es ist nie das Volk«, wird im Buch ge­sagt, doch ein Frei­spruch ist das nicht, denn der düstere Einwand folgt auf dem Fuße: »Aber das Volk ist dis­poni­bel.« Opferbereitschaft aus gutem Glauben kann nur allzu leicht in Täterschaft enden. Es ist die schwierige Gradwan­derung zwischen diesen beiden Polen, die die Protagonisten alle auf ihre Weise versu­chen.

»Jetzt, glaube ich, kommen wir endlich zur Sache«, er­klärt der Erzähler auf Seite 353. Doch zu kurzweilig ist Burgess‘ Wechselspiel aus Breit­wand­epos und Detailstu­die, als daß man auch nur eine Seite hiervon hätte mis­sen wollen. Mit fei­ner Ironie ebenso wie der­bem Spott über­setzt der Autor Weltge­schichte in die Per­spek­tive der einzel­nen Men­schen, ohne sie je zu baga­telli­sie­ren.

»Belsazars Gastmahl« ist ein eigener kleiner Kosmos voller Zitate, Rätsel und Redeweisen, ein kunst­voll angelegtes Sy­stem von Binnenbezügen und symbol­haften Anspielungen. Wenn Re­ginald Jones beispiels­weise 1945 mit dem Schiff in Odessa ankommt, er­blickt er ein Schlachtschiff im Hafen und eine Frau mit ei­nem Kin­derwagen auf der riesi­gen Freitreppe. Während diese Ei­senstein-Reminiszenz an die Oktoberrevo­lution erin­nert, läßt ein paar Meter wei­ter das Stalin-Regime reihen­weise die eigenen Kriegsheim­kehrer er­schießen.

Dem »Schlagetot« Geschichte tritt Burgess mit den Waffen eines weisen alten Man­nes ge­genüber: mit großem Charme und Wissen, mit Souve­ränität und klugem Witz. Unserem gewalttä­tigen Jahrhundert zeigt er sich damit in jeder Hin­sicht gewachsen.

JAN NOEVENTHIEN, Nov. 9, 1996

Anthony Burgess: Belsazars Gastmahl. Klett-Cotta. 445 Seiten. 44 Mark.

Die Pflichten des Gutseins

Laura Joh Rowlands Historienschinken „Der Kirschblütenmord“

Man kennt ja solche Geschich­ten: Ein Polizist, der ei­gentlich nur einen Selbstmord zu den Akten legen soll, kommt einem Mordkomplott auf die Schliche. Bald ver­schwin­den wichtige Zeugen, und kor­rupte Vorgesetzte ver­su­chen, die Ermittlungen zu verhin­dern.

Insofern eine typische Cop-Story, die die amerikanische Autorin Laura Joh Rowland in ihrem Romandebüt »Der Kirsch­blütenmord« erzählt: Der Po­lizist läßt sich nicht ein­schüchtern, wird schließlich vom Dienst suspendiert und muß die Verschwörer auf eige­ne Faust stellen.

Man hätte es so ähnlich schon hundert­mal gelesen, hätte Rowland für ihre Ge­schichte nicht ein ungewöhn­liches Set­ting aus­gesucht: Ihr Detektiv kämpft sich nicht mit Colt und Cadillac durch den Sumpf des Verbre­chens, sondern mit Schwert und Pferd, denn Sano Ichiro ist Samurai, und seinen Fall löst er im Tokio des Jahres 1689.

Japan wird zu jener Zeit von der straffen Militärdiktatur des Shogun Tsunayoshi Tokuga­wa regiert. Ichiro, der so­eben in den Po­lizeidienst eingetreten ist, muß fest­stellen, daß Gehor­sam, Höf­lichkeit und die Si­cherung des Status quo einen höheren Rang einnehmen als die Wahr­heitsfindung. Damit kann er sich, immerhin ein ehemaliger Philosophielehrer, der nur seinem kranken Vater zuliebe die ordentliche Beam­tenlauf­bahn eingeschlagen hat, je­doch nicht abfinden. Er will »das Hochgefühl erle­ben, et­was Gutes bewirkt zu haben, indem er eine Wahrheit auf­deckte.«

Der Held ist überhaupt ein dermaßen anständiger und auf­rechter Zeitgenosse, daß auch die Autorin ihre Begeisterung für ihn kaum verhehlen kann, und während sie ihren tapfe­ren Samurai durch ihre reich­lich altbackene Krimi­handlung scheucht, zieht dieser bald einen ganzen Rattenschwanz an Ver­pflichtungen hinter sich her: Namen müssen reingewa­schen, Tode ge­rächt und Trau­ernde getröstet werden. Die Pflichten des Gutseins drüc­ken ihm hef­tig aufs Gewissen.

Ichiros Suche nach Wahrheit ist aber nicht als ein Aufbe­gehren gegen das brutale Re­gime zu verstehen – im Gegen­teil: Wie erleichtert ist der junge Held, als er erfährt, daß sich die Verschwörung, die er ruhelos verfolgt, ge­gen den Shogun richtet! Das haben die Verschwörer, nach Diktat verreist, im Vorfeld ihrer Tat schlauerweise zu Papier gegeben und glückli­cherweise auch gleich noch namentlich unterschrieben. So macht Polizeiarbeit natürlich Spaß, und mit der Vereitlung des geplanten Attentats kann Ichiro sich wieder als ge­treuer Untertan empfehlen und seine Famlienehre wiederher­stellen.

Am Ende schämt sich unser guter Samurai. Nicht etwa, weil das siegreiche Regime aus Staatsräson nun selbst ein wenig an Ichiros mühsam aufgedeckter Wahr­heit dreht. Nein, diesem Re­gime wird er ja von nun an als Son­derer­mittler des Shogun ver­bunden sein. Er schämt sich vielmehr für all die Beloh­nungen, mit denen er in einem nicht enden wollen­den Happy-End überhäuft wird – wo er doch nur seine Pflicht getan hat.

Respekt, Gehorsam, Höflich­keit: Rowland beschreibt eine Gesellschaft, in der es auf die Zwischentöne ankommt, doch ihr Buch ist leider völ­lig frei davon. Die Protago­nisten regeln die entschei­denden Dinge zwischen den Zei­len, doch zwischen den Zeilen des »Kirschblüten­mords« fin­det sich nur gäh­nende Leere.

Mit großer Selbstver­ständ­lichkeit reiht Rowland Kli­schee an Kli­schee, ihre Prosa ist ein Grabbel­tisch der Ver­satz­stücke und ihr Japan ein Land, in dem Gefühle noch lo­dern, Zweifel noch nagen und das Blut noch in den Adern ge­friert. Hoff­nung keimt und Wut steigt heiß im jungen Helden auf. Dem Leser bleiben solche Ge­fühlsaufwallungen leider vorenthalten.

von JAN NOEVENTHIEN

Laura Joh Rowland: Der Kirschblü­tenmord. Lübbe. 480 Seiten. 44 Mark.

Der Kandidat, dieses wandelnde Krisengebiet

Sittenbild politischer Manöver: Ein anonymer Schreiber enthüllt „Mit aller Macht“ das Umfeld des amerikanischen Präsidenten

Wem schon immer übel wurde, wenn er Politiker Kinder herzen sah, befindet sich in guter Gesellschaft: Auch Henry Burton, der Ich-Erzähler des Politromans „Mit aller Macht“, muß sich übergeben, bevor er seinen Job hinschmeißt: Wahlkampfstratege eines amerikanischen Präsidentschaftskandidaten.

Die Geschichte beginnt ganz unverfänglich: Jack Stanton, ein ehrgeiziger, doch vorerst reichlich unbekannter Südstaaten-Gouverneur, will Präsident der Vereinigten Staaten werden. Mit allem ausgestattet, was für eine politische Karriere notwendig ist: Charisma, Intelligenz und bewegender Rhetorik, kann er eigentlich nur über seine Triebhaftigkeit stolpern, denn seine sexuellen Vorlieben liegen genau wie sein kulinarischer Geschmack eher im Fast-Food-Bereich, und bei beidem hält er sich nicht zurück.

Sehr bald verstrickt sich der Kandidat in eine fast schon tragikomische Serie von Pannen und Skandalen. Daß es ihm dennoch gelingt, diese Katastrophenkampagne politisch zu überleben, verdankt er professionellen Helfern, „hired guns“ wie Henry Burton, die Hinternisse aus dem Weg räumen und die Krisen meistern.

Es ist die Geschichte von Bill Clinton, die hier erzählt wird. Ein anonymer Autor hat aus Clintons 1992er Kampagne einen Schlüsselroman gemacht und damit in Amerika einen beispiellosen Skandal ausgelöst. Denn „Mit aller Macht“ hält sich dicht an der Wirklichkeit und ist gespickt mit einer solchen Fülle von Insiderwissen, daß die Suche nach dem Verräter in den eigenen Reihen zur Hauptbeschäftigung in Washington avancierte. Journalisten verfolgten den Anonymus durchs Internet, und Literaturwissenschaftler versuchten, ihm mit computergestützten Stilanalysen, mit denen man bislang eher unbekannten  Shakespeare-Texten nachspürte, auf die Schliche zu kommen.

Sehr viel einfacher als die Identität des Autors läßt sich die Romanhandlung entschlüsseln. Denn selten ist eine Wahlkampagne so aufmerksam verfolgt worden wie Clintons unaufhaltsames Zustolpern auf die Präsidentschaft. Hintergrundstrategen wie das Wahlkampf-Genie James Carville wurden selbst zu Medienstars und strahlten hell im Schatten ihres Kandidaten. Und so gibt es neben Stanton natürlich auch für Henry Burton, rechte und linke Hand des Kandidaten, eine Entsprechung im wirklichen Leben: den ehemaligen Sprecher und heutigen Berater Clintons im Weißen Haus, George Stephanopoulos. Der schwört heute Stein und Bein, mit „dem Buch“, wie es in Washington nur noch genannt wird, nichts zu tun haben.

„Mit aller Macht“ ist ein mit satten Farben gemaltes Sittenbild politischer Riten und Manöver in der Tradition von Robert Penn Warrens „All the King’s Men“, und mit Henry Burton verfügt der Anonymus über einen sensiblen und ironiebegabten Erzähler, der in feinen Charakterstudien ebenso wie in mitreissender Kraftprosa einen Strudel von Ereignissen beschreibt, dem sich der Leser kaum entziehen kann. Mit der ungeheuren Dynamik, die Wahlkampagnen bisweilen innewohnt, nimmt der unbekannte Autor es spielend auf.

Sex-Skandale und Talk Shows, Rededuelle und Vaterschaftstests, Fernsehspots und spontane Strategiekonferenzen bei „Dunkin‘ Donuts“ um die Ecke – am Ende erkennt Henry Burton, daß er im Dienste einer Sache, an die er geglaubt hat und wohl auch immer glauben wird, seine Unschuld verloren hat. Als sich die Frage stellt, ob er einen Parteifreund und Konkurrenten seines Arbeitgebers mit Dreck bewerfen oder warten soll, bis der politische Gegner das möglicherweise selbst erledigt, muß er eine moralische Entscheidung treffen in einer Umgebung, in der Moral hinter den letzten Umfragedaten zurückzustehen hat.

Es ist das alte Thema von Schuld und Sühne, das hier in schwüler Südstaatenluft neu verhandelt wird, doch eine Vielzahl funkelnder kleiner Beobachtungen erlaubt zugleich einen einzigartigen und authentischen Blick in das Innenleben jener wundersamen Welt der Berufspolitik. Ganz beiläufig berichtet Burton über so sonderbare Dinge wie die Kunst des Händedrucks, aerobisches Zuhören und die Eigenarten des „campaign sex“. Die Komik liegt hier im Detail, und das in einer Genauigkeit, die selbst die realen Hauptpersonen in tiefe Verwirrung darüber stürzte, wie präzise und intim ihr Seelenleben hier wiedergegeben worden sei.

Eine Mischung aus Boshaftigkeit und Faszination hält das Buch bis zu seinem dann doch fiktiven Ende in einem merkwürdigen Spannungsverhältnis: Zweifellos sind da begnadete Zyniker am Werk, deren Politikverständnis eher an Viehtreiberei erinnert. Aber wenn der Autor mit großer Intensität Stantons bewegende Auftritte vor Hafenarbeitern oder Analphabeten-Schulklasse schildert, dann kann der Leser am eigenen Leibe nachvollziehen, warum sich idealistische und sympathische Menschen wie Henry Burton immer wieder auf ein Geschäft einlassen, das gemeinhin als ein schmutziges gilt.

Doch wie schmutzig ist das Geschäft nun wirklich? Bei allen Schwächen, die Stanton mehr als einmal das Genick zu brechen drohen, bleibt eines klar: Der Kandidat, dieses wandelnde Krisengebiet, ist ein Mann, der seinen Job aus tiefem Herzen liebt und einen fast erotischen Kontakt zum Volk hält – und das eben nicht nur im Bett, sondern auch beim Händeschütteln und Fragenbeantworten in den riesigen Einkaufspassagen der tristen Vorstädte. Er ist kein Papiertiger wie so mancher Roman- oder Realpolitiker, er ist ein fluchender Überzeugungstäter voller schillernder Widersprüche.

Die Grenze zwischen Gut und Böse, zwischen Volksvertretung und Populismus gerät bei Stanton schnell ins Schwimmen. Er ist ein Mann, der sagt, was sein Publikum hören will, aber eben auch deshalb, weil er dieses Publikum ehrlich respektiert und liebt. Und so sagt er den Leuten, daß sie Politikern nicht trauen können und genießt den Beifall, den er dafür bekommt.

Am Ende bleibt die Ahnung, daß vielleicht nur ein Mensch, der einen solchen „Scheißesturm“ an Verleumdungen und Enthüllungen durchstehen, der so viele Tief- und Rückschläge einstecken mußte, überhaupt erst das Format erlangen konnte, um einem solchen Amt gewachsen zu sein. Es bleibt offen, ob dies auch für Henry Burton gilt: Ob er in die Dienste des Kandidaten zurückkehren wird, und ob das eigentlich wirklich eine moralische Niederlage wäre.l

JAN NOEVENTHIEN, Mai 30, 1996

Anonymus: „Mit aller Macht“. List. 480 Seiten. 44 Mark.

Schnellkurs in Levitation

Paul Austers Roman „Mr. Vertigo“

Es ist nicht das Versprechen, er werde das Fliegen lernen, das den neunjährigen Waisenjungen Walter Rawley dem mysteriösen Meister Yedudi folgen läßt, als der ihn in Saint Louis von der Straße aufliest und von einer glänzenden Zukunft spricht. Es ist der nackte Mangel an Alternativen, und als er drei Jahre später zum ersten Mal eine Handbreit vom Küchenboden abhebt, ist niemand überraschter als er selbst.

Es ist das Amerika der zwanziger Jahre, die Zeit des Charles Lindbergh, und was der mit einer Maschine schafft, das will der junge Walter nur mit seinem Körper leisten. Schon bald kann er über Wasser wandeln, und so kommt, was kommen muss: Auftritte, Tourneen, Ruhm – und schließlich der jähe Absturz. Eine rätselhafte Krankheit zwingt Walter, seine Karriere zu beenden. Später kommt er bei einem Chicagoer Gangstersyndikat unter.

Mit „Mr. Vertigo“ erzählt der amerikanische Romancier Paul Auster die wechselvolle Lebensgeschichte eines Wunderkindes, das schon bald gezwungen sein wird, sein Leben auch ohne Wunder zu meistern. Aber es gelingt dem Autor nicht, diese Geschichte lebendig werden zu lassen.

Gewiß, es passiert viel in dem Roman: Ku-Klux-Klan-Morde und Börsenkrach, Baseball und Weltkrieg, ein Leben zwischen Verbrechen und Marx-Brothers-Filmen. Doch die Handlung erscheint als eine recht beliebige Aneinanderreihung von losen Episoden, und zu selbstherrlich verfügt der Autor über die Wendungen des Schicksals, als daß man ihm bedenkenlos folgen wollte.

Auch die Charaktere können sich nicht immer vom Papier lösen. Zwar lässt Auster seinen Ich-Erzähler Walter im schnodderigsten Gossenjungen-Slang daherschwadronieren, einer fulminanten Mischung aus Pathos, Sarkasmus und prallen Metaphern. Doch zu formelhaft geraten ihm die anderen Protagonisten, zu konstruiert und klischeehaft, und gerade da, wo es Auster um Vielschichtigkeit geht, umkreist er die Personen von allen Seiten, statt ins Schwarze zu treffen.

Wer sich praktische Hilfe von einem Buch erhofft, liegt bei „Mr. Vertigo“ allerdings nicht ganz falsch: Wir alle können fliegen, sagt Auster, wenn es uns gelingt, aus uns herauszutreten. Den Menschen „müssen sich nur gewissermaßen in Luft auflösen.“ Was folgt, ist ein Schnellkurs in Sachen Levitation: Ausatmen, Seele spüren, Augen schließen, und ab die Post: „So geht das.“

Paul Auster, der kürzlich auch als Drehbuchautor für Wayne Wangs Film „Smoke“ in Erscheinung getreten ist, ist ein notorischer Grenzverletzer. Er schreibt Geschichten, um sie umgehend wieder ad absurdum zu führen. Er liebt es, Gesetze außer Kraft zu setzen, jene der Natur wie der Literatur. Er jongliert mit Wahrnehmungen, er ist ein Illusionist, der mit Kategorien wie Realität und Logik ein durchtriebenes Spiel spielt.

Nichts überlässt er dem Zufall: Jede Episode ist Teil eines verborgenen, sich nur langsam offenbarenden Netzes von Beziehungen, eines Systems, in dem Geschichte sich zu wiederholen scheint. Diese Figur der Wiederholung jedoch bleibt einem ständigen Wandel unterworfen, in dem sich Bedeutungen permanent verändern, bis sie aus den Grenzen dieses Systems heraustreten. In seiner raffinierten „New-York-Trilogie“ führte Auster dieses Verfahren zur Meisterschaft. In „Mr. Vertigo“ jedoch ist aus Austers bewährtem Spiel mit Bezügen und Beziehungen ein Kurzschluß geworden und ein Manöver aus Selbstzweck dazu: eine Masche. Auch stete Unberechenbarkeit kann berechenbar werden. Austers vorlauter Held hat eine andere Formel für so etwas: „die Einbahnstraße des Erfolgs.“

Am Ende von „Mr. Vertigo“ verfügt der Ich-Erzähler, sein Bericht solle nach seinem Ableben von seinem Neffen Daniel Quinn veröffentlicht werden – jenem Schriftsteller aus Austers grandioser „New-York-Trilogie“, der dort im übrigen mit einem gewissen Paul Auster verwechselt wird, bevor er sich buchstäblich ins Nichts auflöst. Vermutlich kann der jetzt auch fliegen.

JAN NOEVENTHIEN, April 30, 1996

Paul Auster: „Mr. Vertigo“. Aus dem Amerikanischen von Werner Schmitz. Rowohlt. 320 Seiten, 42 DM.

Der Bäderkönig

Diese „Geschichte einer bedeutenden Familie“ ist ein Buch unter falscher Flagge. Denn das letzte, worum es den Autoren Eckhard und Regina Henscheid geht, ist es, eine Familiengeschichte zu schreiben. Zwar erzählt ihr Buch „Die Zwicks“ das Werden und Wirken des „Bäderkönigs“ Dr. Eduard Zwick – jenes Mannes also, der die bayrische Landesregierung mit seinen Steuersachen in einige Verlegenheit gebracht hat. Doch in die wahren, recherchierten Begebenheiten sind hier frei erfundene Einzeilheiten „einverwoben“ worden, wie es die Autoren nennen – ein Verfahren, das Eckhard Henscheid schon 1985 in seiner „Jugendbiographie“ über Helmut Kohl verwandte und auch diesem Buch einen ganz eigenen satirischen Resonanzboden gibt.

Das Buch der Henscheids funktioniert auf verschiedenen Ebenen. Zum einen schildern die beiden süffisant und schelmisch den Aufstieg der Zwicks zu Reichtum und Ansehen. Mit einem Kunstgriff, nämlich der konsequenten Huldigung dieses „Geschlechts der Giganten“, malen sie ein farbenfrohes Sittengemälde des christsozialen Amigosystems und schaffen so die richtige Fallhöhe, um spielerisch und ohne jede moralische Angestrengtheit die wichtigtuerischen Helden der Wirtschaftswunderjahre ihrer neureichen Lächerlichkeit zu überführen.

Darüberhinaus, und hier prangt klar die Handschrift Eckhard Henscheids, ist die Zwick-Biographie eine schon genial zu nennende Genreparodie. Henscheid imitiert den Stil der Lokaljournalisten und Heimatgeschichtsschreiber auf vortrefflichste: stets eine Spur zu hochgestochen, stets um ein Haar zu pathetisch, immer bemüht um stilistische Eleganz und damit immer schon im Ansatz zum Scheitern verurteilt. Bereits in seiner Lokalzeitungsparodie „Blick in die Heimat“ (Hersbrucker Trilogie, 1993) und in vielen Prosastücken hat sich Henscheid um die Würdigung dieser Sprache der stilistischen Provinz verdient gemacht. Bei den „Zwicks“ gelingt ihm die Kunst, mit wirklich jedem Satz die Geschmacksgrenze zu überschreiten, ohne daraus eine ermüdende Masche zu machen. Die Unfall als Stilmittel: Dieses Verfahren beherrscht in Deutschland keiner so virtuos wie Eckhard Henscheid.

Doch vielleicht kommt dieses Buch auch schon zu spät, denn die Generation der Zwicks und Straußens, jener wieder-wer-gewordenen Nachkriegskanonen, stirbt langsam aus. Jung-dynamische Spesenritter treten heute an ihre Stelle. So gesehen ist die Geschichte der Zwick-Dynastie schon heute eine historische Biographie und ein Zeitdokument. Aktuell bleibt das Buch in seinem sprachlichen Gehalt: Möge sich die „moderne politische Historiografie und Biographistik“ von diesem Schlag so schnell nicht wieder erholen.

von JAN NOEVENTHIEN

Eckhard Henscheid und Regina Henscheid: Die Zwicks. Fronvögte, Zwingherren und Vasallen. Geschichte einer bedeutenden Familie. Haffmans, Zürich. 213 Seiten.

Vier Aufträge, kein Durchblick

„Ausgeträumt“: Charles Bukowskis letzter Roman

Ein Mann, der mit 55 Jahren noch immer dem Kindertraum von einer Sportler- oder Pianistenkarriere nachhängt, seine Miete nicht bezahlen kann und den Tag wahlweise mit Wodka oder mit Sake beginnt, ist ein Versager. Keiner weiß das besser als Nick Belane, heruntergekommener Privatdetektiv in Charles Bukowskis letztem Roman „Ausgeträumt“. Wenn er seinen Honorarsatz nennt, sagen die Klienten „kein Problem“. Wenn er in den Spiegel schaut, entdeckt er „nichts als Niederlagen und Depressionen.“ Seine Lebensbilanz kommt klar auf den Punkt: „Wozu war der Mensch auf der Welt? Zum Sterben. Und was heißt das? Rumhängen und warten.“

Daß der Sensenmann eine atemberaubende Frau ist, macht die Sache mit dem Sterben nicht verlockender. Von „Lady Death“ bekommt Belane den Auftrag, den vermeintlich verstorbenen Schriftsteller Céline aufzuspüren, denn möglicherweise hat sie 1961 bloß den falschen Mann erwischt.

Es bleibt nicht bei dem Todeskandidaten. Neben der obligaten untreuen Ehefrau, die es zu beschatten gilt, muß Belane sich auch noch mit einer Gruppe Außerirdischer herumschlagen, die die Erde offenbar kolonisieren wollen. Hinzu kommt die Suche nach einem ominösen „Red Sparrow“, von dem niemand weiß, wer oder was das eigentlich ist. (Bukowskis Verlag heißt „Black Sparrow Press“.)

Vier Aufträge, kein Durchblick. Während Belane grießgrämig durch L.A. taumelt, um ein paar Spuren zu verfolgen und dabei keiner Schlägerei aus dem Weg geht, muß er feststellen, daß seine Fälle sich miteinander zu verknoten scheinen. Hin- und hergerissen zwischen Selbstmitleid („Ich war nutzlos“) und Selbstbetrug („Ich war der beste Schnüffler von L.A.!“), im Dauerclinch mit Barmixern und finsteren Schlägertypen, wird er getrieben von Entwicklungen, die er nicht in der Hand hat. Nick Belane ist ein dilettierender Anti-Held, der sich durch eine Krimihandlung schlägt, wie sie skuriler kaum seinn könnte.

Mit „Ausgeträumt“ knüpft Charles Bukowski an die Tradition der Schwarzen Serie an. Harte, einsame Männer kämpfen im Citymoloch Los Angeles, einem Mahagonny der Verlockung und Gewalt, ums Überleben. „Smog, wenig Sonne, seit Monaten kein Tropfen Regen“, dazu sexuelle Flaute – dieser amerikanische Alptraum läßt sich nur mit einigem Sarkasmus ertragen. Doch wo Bukowski die Mythologie und die Ikonen des Noir mit all seinen zwielichtigen Bars und undurchsichtigen, fatalen Frauen aufgreift, da ironisiert er sie zugleich. Seine deftigen, aber selbst in ihren derbsten Momenten noch elegant gebauten Dialoge könnten ebenso wie die verschrobene, bisweilen recht makabre Situationskomik auch von einem Quentin Tarantino ersonnen sein, an dessen letzten Film der amerikanische Titel des Buches, „Pulp“ ebenso wie an die Tradition der Groschenromane erinnert.

Auch sprachlich pflegt und persifliert Bukowski zugleich die schwarze Tradition. Zwar schreibt er bewusst im Stil von Chandler und Hammett, haucht dem Mythos aber einen neuen, übelriechenden Atem ein. Die Figur Belane gerät nicht zu einem bloßen Philip-Marlowe-Abklatsch, sie hat einen eigenen Kopf, der gegen Türe und Wände rennt, und so einiges steckt wohl auch vom Autor selbst in ihr.

„Ausgeträumt“ ist der augenzwinkernde Abschied Bukowskis vom Literaturbetrieb. „Früher“, so läßt er seinen Céline parlieren, der Lady Death tatsächlich ein Schnippchen hatte schlagen können, „war das Leben der Autoren interessanter als ihre Bücher. Heute ist beides uninteressant.“ Bukowskis letztes, postum veröffentlichtes Buch ist aber, neben aller Ironie, vor allem eine sehr private Auseinandersetzung mit dem Sterben: „Verdammt noch mal, der Tod lauerte überall“, sinniert Nick Belane, der sich immer mehr zu einer Art ironisiertem Über-Ich Bukowskis entwickelt, „wenn ich im Supermarkt dem Jungen zusehe, der meine Sachen eintütet, dann stelle ich mir vor, daß er sich zusammen mit dem Klopapier, den Bierdosen und der Hähnchenbrust selber ins Grab stopft.“

Letztes Jahr wurde Charles Bukowski selbst von „Lady Death“ erwischt.

JAN NOEVENTHIEN, August 2, 1995

Charles Bukowski: Ausgeträumt. Aus dem Amerikanischen von Carl Weissner. Kiepenheuer & Witsch, Köln, 183 Seiten, 36 Mark.