Archiv der Kategorie: Literaturkritik

Wenn die Verdrängung dich nicht mehr über Wasser hält

Ihre Freunde heißen Jonas, Karl und Leonie, und damit weiß man schon das meiste, was man über sie wissen muss. Gemeinsam mit der Ich-Erzählerin Nora leben sie in einer funktionierenden Viererbeziehung, wobei „funktionierend“ hier vor allem heißt: Die polyamouröse Konstellation erlaubt es allen Beteiligten, nicht oder zumindest möglichst wenig allein zu sein. Dass man sich in so einer Konstellation allerdings nicht ewig vor sich selbst und seiner Vergangenheit verstecken kann, davon erzählt Ronja von Rönnes höchst gegenwärtiger Debütroman „Wir kommen“.

Nora hat neuerdings Panikattacken, Leonie Essstörungen, und Jonas und Karl schreiben gerade an irgendwelchen Sachen, irgendetwas zu postulieren gibt es für Männer schließlich immer. Das Miteinander der Viererclique ist eher ein intensives, enges Nebeneinander, knisternde Erotik, wie man das wohl in Fachkreisen nennt, sucht man allerdings vergebens, und allein schon dafür ist der Autorin unbedingt zu danken. Das Quartett mit dem komplizierten Beziehungsstatus lebt, das sollte mittlerweile klar geworden sein, in Berlin, der Welthauptstadt der Neuen Uneigentlichkeit, in der selbst Gruppensex, den wir hier draußen in den Wäldern immer noch verdammt ernst nehmen, nur ironisch laufen kann.

In normalen Paarbeziehungen, das wissen wir alle, muss, wenn die Probleme beginnen, schnell ein Kind gemacht werden, mit einem Kind wird alles besser, aber hier gibt es schon ein Kind, die vier haben ja überhaupt schon alles, darunter eben auch ein Kind, das niemals spricht, und sogar eine Schildkröte (die ebenfalls nicht spricht, aber das tut an dieser Stelle nichts zur Sache). Also behilft man sich mit einer Flucht aus Berlin ans Meer, in ein Ferienhaus an der Ostsee. Der Wind braust um die vier herum, Wellen schlagen an den Strand, und als auch das nicht mehr hilft, ergreift man eben die Flucht vor der Flucht und lädt alle Berliner Freunde zur großen Party ein. Dass Die Große Party am Ende aber auch nichts mehr retten wird, man ahnt es bereits, das ist nun mal der traurige Lauf der Dinge, darin unterscheiden sich Berlin und der Rest der Welt nur unwesentlich.

Man könnte Ronja von Rönnes Roman leichthin abtun als eine weitere dieser vielen Twentysomethings-lost-in-Berlin-Geschichten voller lethargisch-verschlurft vor sich hinscheiternder Projektluschen und Medienkreaturen, als eine dieser Geschichten, die jetzt alle schreiben, die meinen, dass ein Roman unbedingt zu ihrem Lebensplan dazugehört. Zu diesem Eindruck verführt zuallererst schon der patentierte Tonfall, mit dem Rönne ihre Hauptfigur Nora, die beruflich wohl irgendwas im Fernsehen moderiert, demnächst aber irgendwas anderes im Fernsehen moderieren soll, erzählen lässt: schulterzuckend, selbstbezogen, routiniert lakonisch, hilflos abgeklärt, irgendwie ratlos und doch auch irgendwie smart-ass. Und so lässt sie die Sätze beiläufig mäandern, und dann wird noch ein Halbsatz angehängt, der mit „und“ beginnt und dem Satz noch einen neuen Dreh gibt. Oft gefolgt von einem sehr kurzem Satz.

Vielleicht neigt man auch deshalb dazu, das Buch allzu leicht zu nehmen, weil man das Gefühl hat, dass die Autorin ihre Figuren selbst nicht so richtig ernst nimmt. Die vier Protagonisten jedenfalls bekommt man nicht so recht zu fassen. Sie sind zu clever, um sich wirklich auf Dinge einzulassen, und gleichzeitig unablässig beschäftigt mit der Frage, wie etwas wirkt, wie etwas aussieht, ob etwas cool ist. Sie leben, als ob sie einen Instagram-Filter über ihr ganzes Leben gelegt haben, der zwar selbst die hässlichsten Ecken in ein angenehmes Licht taucht, aber eben auch dafür sorgt, dass am Ende alles gleich aussieht. Im Grunde könnte man „Wir kommen“ für das gleiche kritisieren, aber dafür müsste man Ronja von Rönnes Erzählperspektive mit der Weltsicht ihrer Protagonisten verwechseln. Einige Kritiker haben das durchaus getan, dabei aber übersehen, dass Rönne das uneigentliche Leben ihrer Protagonisten (von einem „Lebensgefühl“ mag man hier gar nicht sprechen, und auch dafür ist der Autorin unbedingt zu danken) lakonisch und präzise einfängt.

Ronja von Rönne, die als Autorin für das Feuilleton der „Welt“ schreibt und das lesenswerte Blog „Sudelheft“ betreibt, gelingt mit „Wir kommen“ der Kunstgriff, eine geschmeidige Ironie in den Bericht der Ich-Erzählerin zu legen, die der Ich-Erzählerin Nora selbst nicht bewusst ist. Denn schnell wird klar, dass Nora einiges zu verdrängen hat, und damit sind wir bei der zweiten, viel interessanteren Geschichte, die der Roman entfaltet: das obligatorische dunkle Geheimnis aus der Kindheit, das sich schleichend der Gegenwart bemächtigt. Dass hinter der gefilterten Instagram-Sprache noch etwas anderes lauert als das, was Nora sich und allen anderen weismachen will, das lässt Rönne gekonnt mitschwingen.

Verdrängung ist, was uns über Wasser hält, hat ein kluger Blogger mal geschrieben, aber Noras wiederkehrende Panikattacken sind ein deutliches Zeichen dafür, dass dieser Auftrieb-Mechanismus für sie nicht mehr funktioniert. Sie versucht zu verstehen, was los ist mit dieser knarzenden Viererbeziehung, mit ihrer alten Jugendfreundin Maja, mit deren Todesanzeige das Buch beginnt, mit dem Geheimnis aus der Vergangenheit. All das schreibt Nora auf, weil ihr Therapeut gerade im Urlaub ist, und Ronja von Rönne gelingt es, alledem schöne beiläufige Pointen abzugewinnen, obwohl kaum etwas Komisches geschieht und der Ich-Erzählerin schon lange nicht mehr zum Lachen zumute ist.

JAN NOEVENTHIEN (veröffentlicht am 1.9.2016)

Ronja von Rönne: Wir kommen. Aufbau, gebunden, 205 Seiten, 18,95 Euro

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Gewichtsprobleme

Dass einer, der sich in der Kunstwelt herumtreibt, früher oder später in die Drogenszene abrutscht, ist kein Vorgang, von dem man noch nie gehört hätte. In Joachim Lottmanns Roman „Endlich Kokain“ läuft es andersherum: Sein Held Stephan Braum will eigentlich nur etwas Kokain kaufen, doch plötzlich wird er zur festen Größe im Kunstgeschäft. Und auch sonst ändert sich einiges in seinem Leben.

Die Ärzte geben Stephan Braum noch zwei, drei Jahre, dabei ist er gerade mal 53 Jahre alt. Der frühpensionierte Redaktionsbeamte des öffentlich-rechtlichen Fernsehanstaltswesens und linksliberale Langweiler ist schwer fettleibig, sein Körper pfeift auf dem letzten Loch, und auch das nicht mehr besonders laut. Sein alter Sender gewährt ihm ab und an ein Gnadenbrot, Frauen nicht einmal das. Wenn sein Leben sich noch einmal ändern soll, dann muss Braum abnehmen, und als ein windiger Bekannter ihm zu Kokain rät („es gibt nur ein todsicheres Mittel gegen Übergewicht!“), wird er neugierig.

Joachim Lottmanns Drogenroman ist daher zuallererst und vor allem ein Diätroman. Braum schreibt von nun an ein „wissenschaftliches Tagebuch“, penibel protokolliert er seinen Kokainkonsum und die damit verbundenen Wirkungen. Durch Selbstkontrolle und strenge Rationierung versucht er, den Gefahren der Abhängigkeit zu trotzen. Schon bald stellt er vergnügt fest, wie die Pfunde purzeln. Und nicht nur das: Fühlte er sich bislang in Gesellschaft oft unwohl und fehl am Platze, so wird er plötzlich selbstbewusst, charmant und schlagfertig. Nicht nur sein Körper wird fitter, sondern auch sein Geist.

Er findet Freunde. Als Norddeutscher, gestrandet in Wien. Das ist schon mal nicht schlecht. Und nicht nur das: Er findet Geliebte, junge Frauen, die sich von ihm erniedrigen lassen wollen. Letzteres befremdet ihn, befriedigen tut es ihn jedenfalls nicht, aber was soll er machen? Junge, schöne Frauen! Und auch wenn ihm ihre esoterischen Ganseligkeiten manchmal zu schaffen machen, wann hatte er das schon? „Die nie erlebte Jugendzeit – sie konnte kommen! Natürlich nur unter größtmöglicher Kontrolle.“ Natürlich.

Die neuen Freunde, die jungen Frauen, sie alle kommen aus der dekadenten Wiener Kokser-Szene, und die ist eigentlich identisch oder zumindest engstens verwoben mit der Wiener Kunst- und Politikszene, in der sich Braum, der sich immer mehr vom fetten Würstchen zum feschen Burschen wandelt, nun einen festen Platz erobert. Sie alle haben aber auch die gleichen Probleme wie er: Die tiefen Depressionen, die auf die drogeninduzierten Hochphasen folgen, Schwierigkeiten mit der Beschaffung und der schwankenen Qualität des Stoffs, die schleichende Persönlichkeitsveränderung, die mit dem Gebrauch einhergeht.

Sind das Probleme? Klar sind sie das – letztlich ist Braum nicht nur längst drogenschüchtig, er ist ironischerweise auch so magersüchtig wie die jungen Dinger, die er nun begehrt. Aber sind all diese Probleme ein zu hoher Preis für das, was Braum im Vergleich zu seinem vorherigen Leben gewinnt? Ah, geh! Als sein Kokserfreund Hölzl, ein international erfolgreicher Maler, ins Koma fällt und Braum auf nicht ganz ehrbare Weise zu dessen Nachlassverwalter wird, wird er nicht nur eine feste Größe in der Wiener Kunstwelt, auch in Berlin öffnen sich für ihn nun viele Türen. Gegen die lockeren Sitten, die für ihn nun gelten, kann sein altes Spießerleben nicht anstinken.

Natürlich ist es eine eher schlichte Männerphantasie, die sich Joachim Lottmann hier zusammenfabuliert: Ein bisschen weißes Pulver nur, und schon steht der gänzlich aus der Form geratene, mittelalte weiße Mann wieder voll im Saft! Was das amüsant heruntererzählte Buch trotzdem zu so einer angenehmen Lektüre macht, ist der Verzicht auf die Knute bürgerlicher Moral. Nein, es wird sicher nicht alles gut durch die Drogen, aber vieles wird besser. Und vor allem: Es wird nicht alles schlecht. Nie hat man das Gefühl, ohne dass dem Ende des Buches hier vorgegriffen werden soll, dass das alles nur in einem fürchterlichen Absturz enden kann.

Obwohl ihm die Exposition der Geschichte zunächst noch etwas hingehuscht gerät (was vermutlich dem löblichen Ansinnen geschuldet ist, schnell zum Punkt zu kommen), erweist sich Lottmann, der auch als Reporter und Kolumnist tätig ist, als guter Beobachter und unterhaltsamer Erzähler. Mit wenigen Pinselstrichen und einer gekonnten Oberflächlichkeit, die dem Thema des Buches ganz und gar angemessen ist, verwandelt er die Wiener Spezlwirtschaft und den Berliner Kunstbetrieb zu einer bunten Kulisse, durch die er seinen staunenden Helden Stephan Braum erst watscheln, dann stolzieren lässt.

Und dann, das zu erwähnen sollte keinesfalls versäumt werden, enthält das Buch auch noch einige der schönsten Zeilen Fußgängerzonen-Hass, die die neuere Literaturgeschichte zu bieten hat.

JAN NOEVENTHIEN (veröffentlicht am 1.6.2016)

Joachim Lottmann: Endlich Kokain. KiWi, kartoniert, 250 Seiten, 9,99 Euro

Menschliche Hehlerware

Zwei Staatenlose gelangen in die Gewalt eines virtuellen Staates: Das ist die Ironie des ganz und gar unironischen Romans „Der letzte Ort“ des deutsch-irakischen Schriftstellers Sherko Fatah.

Es ist ein ungleiches Paar, das da im Irak zusammenfindet. Albert hat sich ein Journalistenstipendium besorgt, er will eine Reportage über Museumsplünderungen schreiben, darüber, wie antike Kunstschätze in den Wirren des irakischen Bürgerkriegs geraubt und als Hehlerware verhökert werden. Doch der Ostdeutsche hat noch keine Zeile geschrieben, seit er im Land angekommen ist. Für ein Museum katalogisiert er geplünderte Bestände und beschäftigt sich ansonsten mit sich selbst. Bei der Arbeit trifft er auf Osama, dessen Mutter einst in Ostberlin studierte und der ihn nun als Dolmetscher begleitet. Als Albert und Osama im Land umherfahren und Grabungsstätten inspizieren, werden sie auf einem staubigen Marktplatz von einer Gruppe bewaffneter Männer entführt.

Eine konventionelle Entführungs- und Gefangenschaftsgeschichte, ein Kammerspiel, wie es naheliegen würde, entwickelt Fatah hieraus jedoch nicht. Dafür ist die Lage zu unübersichtlich. Seine beiden Protagonisten werden einigermaßen planlos von einer schiitischen Gruppe an die nächste weitergereicht, auf den Ladeflächen alter Pickups kreuz und quer durch die Wüste gekarrt, in immer neuen Verschlägen, Verliesen und Höhlen versteckt und von Halbwüchsigen mit Kalaschnikows herumgestoßen. Doch so recht weiß niemand etwas mit der menschlichen Hehlerware anzufangen. Nach einer kurzen, missglückten Flucht werden Albert und Osama schließlich von einer Organisation schwer bewaffneter Sunniten übernommen – Bombenbauer im Djihad gegen die Ungläubigen und Häretiker; auf ihrer schwarzen Flagge prangen weiße arabische Schriftzeichen, man fühlt sich erinnert an das Banner des sogenannten Islamischen Staats.

Wie aber hatte es nur soweit kommen können? Ist es wirklich das Interesse am Verbleib antiker Kunstschätze, das den unfokussiert wirkenden, seltsam ziellosen Albert in ein zusammengebrochenes Land wie den Irak getrieben hat? „Diese Leute kannten Geschichte nur als Raubgut und Handelsware“, beklagt sich Albert an einer Stelle über die Einheimischen, die ganz und gar in der unübersichtlichen Gegenwart leben, „sie konservierten nichts, sondern verschacherten es.“ Doch was die Vergangenheit betrifft, scheint Albert selbst eher getrieben von der Geschichte seiner eigenen Familie, die Sherko Fatah in kleinen Rückblenden rekonstruiert: der Erinnerung an seine magersüchtige Schwester, die sich ihrem eigenen Verschwinden entgegenhungert, und an seinen verbitterten Vater, der einst selbst die Welt bereist hatte und nun den Untergang der DDR nicht verwinden kann. Letztlich scheint sich Alberts Familie ebenso aufgelöst zu haben wie das Land, aus dem sie kam.

„Du kannst nicht nachvollziehen wie das ist, wenn dein Staat gerade untergegangen ist“, belehrt also Albert seinen Dolmetscher, und der erwidert: „Doch, das kann ich. Du musst nur aus dem Fenster schauen.“ Seine Heimat ist ein Land, „das allmählich zu zerfallen drohte in immer mehr Einflussgebiete immer neuer Gruppierungen und ihrer Milizen“, wo „nicht einmal sicher war, wem die nächste Straße gehörte.“

Und das ist die Ironie in Sherko Fatahs Geschichte: Zwei Männer, Staatenlose gewissermaßen, die sich nicht mehr in den kollektiven Glaubens- oder Nationalgebilden aufgehoben fühlen, denen sie entstammen und die ihre Identitäten nicht aus ihrer Herkunft ableiten wollen, diese beiden Männer betrachten einander, je länger ihre gemeinsame Gefangenschaft andauert, immer stärker als Repräsentanten dessen, was der jeweils andere für sich längst hinter sich gelassen zu haben glaubt. Jeder von ihnen sieht sich selbst als ein Ich, nicht als Teil eines „wir“, doch im Gespräch miteinander wird das „du“ immer mehr zu einem „ihr“.

„Selbst eure Entführungen sind unkoordiniert und chaotisch“, beklagt sich Albert während ihrer Irrfahrt bei Osama – ohne zu bemerken, dass er seinen Dolmetscher und seine Entführer längst über einen Kamm schert. Und Osama? Lange hatte er die Nähe der Westler gesucht, sich von ihrem Selbstbewusstsein beeindrucken lassen. Doch nun ist ihm klar: Es ist nur ein Bewusstsein ihres westlichen Selbsts: „Sie führten sich noch auf wie Jugendliche, wenn man hierzulande schon Enkel hatte. Dabei waren sie voller Energie und unbelastet von den Zwängen, den Ausweglosigkeiten des Lebens hier.“ Für Osama sind die Männer und Frauen, die aus dem Westen in sein Land gekommen waren, „idealistische, gut ausgebildete, mutige, wohlgenährte Kinder.“ Was sie Freiheit nennen, erscheint ihm als „Verwahrlosung“: „Jeder macht den Unsinn, der ihm gerade einfällt, und so werdet ihr alt. Und damit es hier genauso wird, schickt ihr eure Panzer her.“

Osama wird immer zorniger über den Mangel an Respekt, mit dem Westler wie Albert seiner Heimat begegnen: „Die aus dem Westen waren immer entweder Soldaten oder Touristen. Nicht, dass sie es wirklich waren. Sie hatten diplomatische oder wirtschaftliche Aufgaben, waren gebildete Menschen im besten Alter, meistens Männer. Trotzdem waren sie Soldaten oder Touristen.“ Sie kommen in ein fremdes Land und kreisen doch immer nur um sich selbst: „Die verdammten Ausländer, die an- und abreisten wann sie wollten, jeder von ihnen, ob in Hotelfoyers, im Auto oder, wie dieser Deutsche, bei der Arbeit im Museum, brachte seine Geschichten mit und hielt sie für wichtig genug, um sie wieder und wieder zu erzählen. Das Schlimmste daran war: Die Ausländer konnten diese Geschichten herrlich miteinander teilen, während er, der Einheimische, immer nur zuhören musste.“

Je näher Albert und Osama sich in ihrer Gefangenschaft kommen, desto fremder werden sie sich. Am deutlichsten wird dies, als die beiden Staatenlosen sich nun ausgerechnet in der Gewalt eines selbstberufenen Emirs befinden, der offenbar einen neuen islamischen Staat herbeibomben will. Die Extremerfahrung der Angst, der Ungewissheit, der Gefangenschaft verändert die beiden Männer, die sich durchaus um einander sorgen, und sie legt offen, warum der Dialog zwischen der westlichen und der arabischen Welt so schwierig ist und so häufig scheitert. Und immer noch fragen wir uns, was genau nun eigentlich Albert in dieses Land getrieben hat, das ihm nun zum Verhängnis zu werden droht.

Alberts Vater hatte zumindest noch den Glauben an den Sozialismus, der ihm auf seinen Reisen durch die Welt Halt gegeben hatte. Albert als der vollendete Ungläubige hingegen scheint eher in dieses Abenteuer aufgebrochen zu sein, um sich seiner eigenen Bedeutung als Individuum zu vergewissern. Seine Kunstraub-Reportage bleibt ein Alibi, der Irak dient ihm für seine unglückselige Selbstfindungsmission hauptsächlich als Kulisse: „Was mir noch bleibt, dachte er, ist ein Blick auf Leben und Leiden der anderen, all dieser ungeschützten, leicht fortzuwehenden Menschen, die in ihren Gewändern, in ihren Hütten, auf Höfen und Straßen, Eselskarren und Lastwagen eingesenkt wirken in etwas Größeres wie Romanfiguren in eine Geschichte, ohne die sie keine Bedeutung haben.“

Als Albert sich schließlich in Gefangenschaft befindet, sinniert er: „Es könnte der letzte Ort sein, den ich sehe, hier kann es keine Belanglosigkeit mehr geben.“ Und später: „Noch immer peinigte ihn der Gedanke an sein, wie er es nun empfand, unerfülltes bisheriges Leben.“ Doch als seine unfreiwillige Odyssee durch den Irak an ihr Ende gekommen zu sein scheint, ist ihm klar: „An diesen Ort gekommen zu sein (…) bedeutete nur: verloren gehen, durch das Netz fallen und alsbald vergessen zu werden.“ Und damit würde ihm das zur Bestimmung, was schon sein Dolmetscher Osama über die Menschen aus dem Westen gelernt hat: „Das sind fliegende Menschen. Sie sind wahrhaft frei, so frei, dass sie sich verirren.“

JAN NOEVENTHIEN (veröffentlicht am 1.4.2016)

Sherko Fatah: Der letzte Ort. Luchterhand, 283 Seiten, 19,99 Euro

Der freie Wille in Berlin und Baku

Mit guten Geschichten ist es wie mit den Menschen: Sie werden besser, wenn sie Berlin hinter sich lassen. Das gilt auch für die Geschichte, die Olga Grjasnowa in ihrem zweiten Roman „Die juristische Unschärfe einer Ehe“ erzählt.

In Berlin leben, wie nahezu alle Menschen, von denen heutzutage Literatur handelt, Leyla und Altay. Die beiden sind verheiratet, und zwar miteinander, und das ist durchaus erwähnenswert, denn Leyla ist lesbisch und Altay ist schwul. Die Ehe hat ihnen einige Probleme vom Hals gehalten, die man als homosexueller Mensch leicht bekommen kann, wenn man wie Leyla und Altay in Baku aufwächst und später in Moskau lebt, wo Leyla am Bolschoi-Theater tanzt, während Altay seine erste Assistenzarztstelle antritt und auf dem Weg zur Arbeit darauf achtet, keinen homophoben Schlägerbanden in die Arme zu laufen.

Erst in Berlin erleben sie zum ersten Mal einen „Zusammenhang zwischen Glück und Homosexualität. Beide waren mit dem Horrorszenario eines homosexuellen Lebens aufgewachsen – Coming-out, Diskriminierung, Krankheit, Tod. In Berlin kamen Liebe, Partnerschaft und Begehren dazu.“ In Berlin sind Leyla und Altay so frei, dass sie nun sogar mit der Heterosexualität experimentieren und miteinander schlafen, und das läuft gar nicht schlecht. Was vielleicht einmal als Scheinehe angefangen haben mag, erweist sich als ein durchaus enger Bund.

Das wiederum ist ein Problem für Jonoun, die sich in einer Berliner Kneipe in Leyla verliebt hat und sich plötzlich in einer Dreierbeziehung wiederfindet, in der am Ende keine und keiner das Glück findet. Jonoun kommt an Altay nicht vorbei, Altay ist eifersüchtig und wird immer besitzergreifender gegenüber Leyla, er redet plötzlich von Kindern. Leyla, die Ballerina, unterwirft ihren Körper einem unnachgiebigen autoritären Regime, erträgt aber Altays zunehmendes Besitzstreben nicht und macht sich schließlich aus dem Staub nach Baku, die Stadt ihrer Kindheit. Hier müssen Altay und Jonoun sie einige Wochen später aus dem Gefängnis holen, weil Leyla bei einem illegalen Autorennen verhaftet wurde. Hier beginnt die Geschichte, und hier nimmt sie zugleich auch ihre entscheidende Wendung.

Die Ehe, die Leyla und Altay leben und deren nicht nur juristische Unschärfe hier verhandelt wird, ist offen und voller Freiheiten nach allen Seiten. Allzu starre Identitäten hat keiner der Protagonisten, die sexuellen Interessen und Präferenzen sind flatterhaft, die ethnischen Hintergründe vielfältig, und das macht die Protagonisten und ihre Motive auch für den Leser nicht immer leicht zu fassen. Unschärfe kennzeichnet die ganze Geschichte, die Grjasnowa hier erzählt, und man kann die leichte Schwammigkeit der Charakterzeichnung durchaus beklagen – zumal die Vorgeschichten der Charaktere in Rückblenden recht präzise ausfabuliert werden. Aber gerade dieses Ungefähre entwickelt sich immer mehr zu einer tonangebenden Stärke des Romans.

Das gilt noch nicht unbedingt für dessen erste Hälfte, die in Deutschland spielt und erzählt, wie Jonoun in Leylas und Altays Leben tritt. Aber als Leyla zu Beginn des zweiten Teils (nicht ohne symbolischen Hintersinn) aus dem Gefängnis entlassen wird, kommt die Geschichte in Fahrt. Grjasnowa, die selbst aus Baku stammt, zeigt die allgegenwärtige Korruption und Willkür in der autoritären postsowjetischen Rohstoff-Diktatur Aserbaidschans in vielen schillernden Details. Sie erzählt von einer Gesellschaft, deren Frauen Leyla wie „eine ganze Armee unglücklicher Madame Bovarys“ erscheinen und zeichnet starke Porträts von den Menschen in Leylas Familie (wie überhaupt die Nebenfiguren meist einen viel stärkeren, klareren Eindruck hinterlassen). Als Leyla und Jonoun sich auf den Weg machen, um mit dem alten Porsche von Leylas Vater durch das Land und schließlich durch Georgien und Armenien bis nahe an die iranische Grenze fahren, kann man in jeder Szene spüren, wie die beiden Frauen, je weiter sie reisen, sich dabei auf engstem Raum auch immer weiter voneinander entfernen. Hier findet das Buch, das auf den ersten Seiten hier und da noch mit einigen Sätzen versucht, einen schnodderigen, beiläufigen Pop-Roman-Ton anzuschlagen, nun endgültig zu sich, und auch der naheliegenden Gefahr, in ausgefahrene Roadmovie-Klischees zu kippen, kann Grjasnowa widerstehen.

Wie frei waren sie wirklich in Berlin, das ist die Frage, die sich währenddessen Altay stellt, als er sich in Baku in Farid verliebt. In Aserbaidschan kannst du alles sein, sogar schwul, du musst nur Macht und Geld haben. Unterdrückt wird in erster Linie nicht, wer anders, sondern wer schwächer ist. In Berlin, ohne Macht und mit dem Gehalt eines Assistenzarztes in der Krankhauspsychiatrie, war Altay zwar nicht unterdrückt, aber nur solange er sich in die gesellschaftliche Rolle fügte, die ihm in dieser Stadt, in der die Libertinage eher Fetisch als Freiheit ist, zugedacht war, ließ man ihn mitspielen.

Und was ist diese scheinbare Libertinage, etwa ein durchtanztes Wochenende im Berghain mit eingeschobenem Gelegenheitssex, schon gegen die irre Dekadenz der neureichen Bonzen des aserbaidschanischen Geldadels und ihrer Kinder? „Der Westen hatte sie enttäuscht. Er war ihrer Kaufkraft nicht gewachsen, und die Demokratie galt nicht für die Inhaber ausländischer Pässe – vor allem nicht für solche aus bösen Ländern.“ Am gegenüberliegenden Ufer des Kaspischen Meeres hingegen liegen Russland, Turkmenistan und der Iran – „alle voller Verbrechen und Verheißungen.“

Als Leyla klar wird, dass Jonoun nicht ihre Zukunft ist, kehrt sie um. Kehrt sie auch zurück zu Altay? Werden sie ein Kind bekommen? „Die wichtigste Aufgabe eines jeden Menschen besteht darin, die Ehe zu verkraften“, hatte Leylas Mutter ihr schon vor Beginn der Reise auf den Weg gegeben. In der Ehe werde jeder irgendwann besitzergreifend. Ihr Rat: „Weitermachen wie bisher.“

Ob Leyla und Altay weitermachen wie bisher, diese Frage ist in einem Buch, das mit der Unschärfe seiner Geschichten und Figuren spielt, aber auch nicht die entscheidende. Schon in Berlin hatte Leyla erkannt: „Der freie Wille ist eine schwierige Sache.“ Dort vielleicht noch mehr als anderswo.

JAN NOEVENTHIEN (veröffentlicht am 1.3.2016)

Olga Grjasnowa: Die juristische Unschärfe einer Ehe. Carl Hanser Verlag, 264 Seiten, 19,90 Euro

Im Nirgendwo

Ein zivilisatorischer Millennium Bug:  Janette T. Hospitals „Oyster“

Outer Maroo ist ein Ort mit düsterer Vergangenheit und ohne Zukunft. Ein Dorf im Hinterland Australiens, bevölkert von einer Handvoll Viehzüchtern und Opalschürfern. Ein Dorf, das untergetaucht ist, auf keiner Karte verzeichnet, vom Postweg abgeschnitten, den Schul- und Steuerbehörden unbekannt. Wen es hierher verschlagen hat, der bleibt für immer, oder ein rascher Unfall verhindert die Rückkehr auf die Landkarte.

Was dieses Dorf zusammenhält, sind Profitgier und Paranoia. Das einzige, was von hier nach außen dringt, sind kostbare Opale, und alles, was außer Geld von draußen kommt, kann von der abgeschotteten Gesellschaft Outer Maroos nur als existenzielle Bedrohung begriffen werden: der verhasste Staat,  die verachteten Aborigines und nicht zuletzt das Jahr 2000. Bis an die Zähne bewaffnet bereitet man sich auf das Armageddon vor, das der Sektenführer Oyster prophezeit hat.

Der Weltuntergang bleibt aus, doch das Dorf läuft ins Verderben. Der Irrsinn, der aus religiösem Fanatismus wächst, die Brutalität, die der Raffgier dient und das Schweigen, das die Skrupel lautstark überdeckt: All das führt zum Zusammenbruch einer hermetischen Gesellschaft, in der die „herkömmliche Logik nicht gilt“ und das Gewissen nur als Phantomschmerz überlebt.

Umgeben von vermeintlichen Feinden, in sengender Hitze, Staub und Dunst, am Vorabend der Jahrtausendwende sehen „die Menschen mit den Augen des Verrückten.“ In Outer Maroo „manifestiert sich religiöser Affekt auf ebenso erschreckende wie erhabene Weise“, und der Wahnsinn erzeugt seine „eigene Welt“, einen „eigenen Raum“, in den „andere eintreten können“. Diesen zwielichtigen Raum macht Janette Turner Hospital in ihrem Roman „Oyster“ zugänglich. Was sie beschreibt, ist ein zivilisatorischer „millenium bug“, der zwar kein Computerprogramm zum Absturz bringt, aber ein religiöses Wahnsystem kollabieren lässt.

Janette Turner Hospital gelingt das Kunststück, diese Geschichte zusammenzufügen, indem sie sie zugleich zersplittert. Im Grunde sei es gleich, ob „man nun eine Geschichte erzählt oder eine Landkarte zeichnet“, lässt sie eine Protagonistin notieren. Es sei, „als schleudere man einen Stein auf eine Fensterscheibe: Von der Aufprallstelle breiten sich die spinnwebartigen Risse fächerförmig nach allen Richtungen aus.“

Ganz ähnlich erzählt sie ihren Roman. In „Oyster“ fügen sich mehrere Perspektiven, die alle ihre eigenen Stimmen und Sprechweisen finden, in einer engverwobenen Struktur aus Vor- und Rückblenden zusammen zu einer Collage der Wahrnehmungen, zur lebendigen Anti-Chronik eines kollektiven freak-outs.

Das literarische Verfahren ist nicht allzu neu, und die Offensichtlichkeit, mit der sich die Handlung als Allegorie auf die einschlägigen zivilisatorischen Sündenfälle der Geschichte lesen lässt, überlagert leider die Subtilität, mit der Turner Hospital einfühlsam die Sichtweisen der Protagonisten entfaltet und aufeinanderzustreben lässt.

Gerade hier liegt aber die große Stärke des Romans: Es sind drei Frauen, die sich den „ungeheuer dehnbaren und gleichzeitig unendlich strengen“ Regeln Outer Maroos widersetzen. Die Perspektiven von „Old Silence“ Jess, von Mercy Given und Sarah Cohen, sie könnten unterschiedlicher kaum sein, doch die Konsequenzen, die jede für sich zieht, sind die entscheidenden Keile, die das Wahngebilde männlicher Allmachtsphantasien schließlich zerbersten lassen.

Die abgebrühten Opalhändler, die so gottesfürchtig über Leben und Tod richten, sie erscheinen plötzlich als „Clowns, Marktschreier, Verkleidungskünstler,  Wahnsinnige, Magier, Monster; vor allem aber Clowns. Sie sind lächerlich.“ Die Entzauberung ihres Systems vollzieht sich im vielschichtigen Innenleben der Protagonistinnen. Hier wird Vergangenes aufbewahrt und lebt Totes weiter, hier treten Gedanken als „Heckenschützen“ auf und formen sich zu neuen Erkenntnissen, hier liegt das fragmentierte Zentrum des Romans.

Es bleibt die Frage, inwieweit die Protagonistinnen dem moralischen Extremsport in exotischer Landschaft ausgesetzt werden mussten, um pünktlich und ausgerechnet zum Y2K-Debakel ihre Stimmen zu finden. Doch diese Stimmen, die Turner Hospital so eindringlich zum Sprechen bringt, klingen noch lange nach, nachdem die Geschichte vorüber ist – auch auf unserem Teil der Landkarte.

JAN NOEVENTHIEN (veröffentlicht am 31.10.2000)

Janette Turner Hospital: „Oyster“. Deutsch von Maria Mill. DuMont. 413 Seiten, 48 Mark.

Ist doch alles gut gegangen

Die Magie der kleinen Dinge: Joseph Hellers ausgiebiger Rückblick „Einst und jetzt“

Jeder kennt so einen Großvater, einen Onkel oder Nachbarn, der bei Beerdigungen, goldenen Hochzeiten oder einfach auf dem Hausflur ungefragt, doch höchst geduldig über die Spiele seiner Jugend, die Schule und den Krieg erzählt. Irgendwann sind dann diese Menschen nicht mehr da, und man fragt sich, ob man ihnen nicht besser hätte zuhören sollen. Joseph Heller ist noch da. Mit „Einst und jetzt“ hat er seine Erinnerungen vorgelegt.

Wo andere düstere Lebensbeichten ab­legen oder rücksichtslose Selbststilisierung betreiben, verfällt Heller in den gutgelaunten Plauderton des alten Mannes, der viel erlebt hat und froh ist, uns anvertrauen zu können: Ist doch alles gutgegangen! In Hellers Erinnerungen entfaltet sich eine schimmernde Nostalgie, wenn er seine Jugend in Coney Island beschreibt, dem einstigen Seebad und Rummelplatz New Yorks – ein Armenviertel zwar, doch zugleich ein wahrhaft magischer Ort. Denn wessen Traum wäre das nicht, eine Kindheit zwischen Schießbuden, Riesenrädern und Achterbahnen, der feine Sandstrand direkt vor der Tür?

Doch Coney Island verfällt mit den Jahren, die Vergnügungsparks schließen, die Millionen bunter Lämpchen verlöschen, und wie so viele Orte, von denen Heller noch erzählen wird, pendelt auch dieser zwischen Magie und Entzauberung. Ähnlich zwiespältig verhält es sich mit Hellers Bericht selbst, in dem wohlgelaunte, ja bisweilen rührende Detailstudien nahtlos übergehen in weitschweifige, unergiebige Sentimentalitäten. Fröhlich vor sich hin mäandernde Anekdötchen und Plattitüden formen sich zu einem wenig gegliederten, weitgehend assoziativ gestrickten Erinnerungsstrom, in dem drei aufeinander folgende Kapitel nicht von ungefähr mit den Überschriften „Wei­ter“, „Und immer weiter“ sowie „Und im­mer weiter und weiter“ versehen wurden.

Es mag ja sein, daß damals in den Dreißigern die besten Punchball-Bälle von der Firma Spaldeen hergestellt wurden. Vielleicht war der Luna Park ja wirklich besser als der Steeplechase Park, obwohl er früher plei­te ging, und „immer darauf zu achten, daß man einen reellen Gegenwert für sein Geld bekam“, ist gewiß kein schlechter Rat fürs weitere Leben. Ja, es war die Schechter-Hüh­ner­schlach­terei aus Coney Island, die gegen Roosevelts New Deal geklagt hat. Und richtig, einen Vorrat Aspirin kann man immer in der Tasche haben, „aber einen Friseur nicht“. Na sicher, schon klar…

Und kaum will man das Buch zuklappen, weil es nun langsam reicht, da gewinnt es an Fahrt. Heller erzählt von seinen Einsätzen als Bombenschütze gegen das Dritte Reich, seinem Literaturstudium, den Jobs in der Werbung. Bald werden einige seiner Erzählungen veröffentlicht.

Zwar erfahren wir immer noch mehr über Hellers Routen als junger Fahrradkurier in New York als über seine traumatischen Fliegereinsätze im Krieg. Aber wir verstehen auch, warum: Weil die Magie des Lebens für ihn in den kleinen Dingen liegt, nicht in den großen Katastrophen. Hier siegt die Altersweisheit über die Bitterkeit. „Fast ohne es zu bemerken, wuchsen wir heran«, heißt es am Anfang. „Vieles verwandelte sich grund­legend, aber in leisen Nuancen.“ Heller beschreibt nicht so sehr die grundlegenden Wandlungen, sondern widmet sich vor allem diesen Nuancen.

1961 ist so ein Wendepunkt: Hellers Debüt „Catch 22“ erscheint, eine wütende Abrechnung mit der Kriegsmaschinerie, die ihn zum Star macht. Seinen neugewonnen Ruhm allerdings illustriert er mit der genervten Behauptung seines sechsjährigen Sohnes: »Ich bin der, der das Buch geschrieben hat.« Nein, Wichtigtuerei ist Hellers Sache nicht.

Stattdessen erfahren wir, daß er von den ersten 250 Seiten des Romans fünfzig ersatzlos streichen konnte, „ohne daß damit an Handlung etwas verloren gegangen wäre.“ Schon als Stu­dent hatte er über seine Texte zu hören bekommen: „Ich würde zu lange für meinen Anfang brauchen, würde immer herumtrödeln und zögern“ ­– vielleicht eine „psy­cho­lo­gi­sche Schwäche, die angehalten hat.“

Von dieser Einsicht kann man auch die vorliegende Autobiographie nicht freisprechen, doch mittlerweile strebt sie ihrem Ende entgegen, und Heller ist in seinem Element. Er beschreibt seinen Kampf mit der allgegenwärtigen amerikanischen Psychoanalyse, zu deren ehrgeizigsten Patienten er gezählt haben muß. Seinem Analytiker meist einen Schritt voraus, bekennt er sich „eilig aller möglichen Defekte schuldig“ und bricht die Therapie schließlich ab. Die Antworten, die er wollte, hat er bekommen, das Honorar kann er sich sparen. Seine Schwäche, einen prägnanten Textanfang zu finden, charakterisiert er gar als seinen „analen Zug“.

Beim Abfassen seiner Erinnerungen erkennt Heller erstaunt, daß dieses Buch wie alle seine vorherigen Romane unbeabsichtigt, doch unausweichlich einem gemeinsamen Muster folgt: Die Schlußlösung ergibt sich immer aus dem Tod einer Nebenfigur im vorletzten Kapitel, in diesem Falle aus dem Tod seines Vaters, als Heller selbst fünf Jahre alt war. Heller folgert, Schriftsteller und Komponisten tendierten „zu einer größeren seriellen Ähnlichkeit, als wir wahrhaben wollen“. Die individuelle Persönlichkeit, „so proteushaft wandlungsfähig sie in ihrer Kreativität auch sein mag“, habe einen „ganz eigenen Charakter“ und könne „ihre Konstruktionen nur innerhalb der Umrisse ihrer eigenen Natur entwerfen“.

Das ist letztlich auch die Quintessenz von „Einst und jetzt“: Man kommt nicht aus seiner Haut. Jeder lebt sein Leben. Besser, man findet sich damit ab, nimmt sich nicht so wichtig, bleibt sich treu. In Hellers Erinnerungen geht es gar nicht so sehr um seine eigene Person. Die besten Passagen schildern die Welt um ihn herum. Deshalb ist der Ton so versöhnlich, trotz Krieg und schwerer Krank­heit. Es ist ja alles nicht zu ändern. Es ist ja alles gutgegangen.

Ja, Joseph Heller ist einer dieser berüchtigten alten Männer auf Familienfesten. Er erzählt viel, und vieles davon müssen wir nicht wissen. Und dennoch gibt es genug zu erfahren: Über Coney Island und New York, über das Schreiben, über sein Leben. Joseph Heller ist ein großzügiger Mann, der einen geduldigen Zuhörer belohnt.

JAN NOEVENTHIEN

Joseph Heller: „Einst und jetzt. Von Coney Island nach New York“. 315 Seiten, 44 DM

veröffentlicht am 30.11.1999

Dieses Leben ist zu gut, um eine Wahl zu lassen

Das ausweglose, erschöpfte Glück: James Salters großer Roman „Lichtjahre“

„Das Schöne schwindet, scheidet, flieht ― / fast tut es weh, wenn man es sieht“, hat Robert Gernhardt über das Vergängliche geschrieben. Dem Vollkommenen scheinen Scheitern und Verfall immer schon miteingeschrieben zu sein. In seinem Roman „Lichtjahre“ erzählt der große amerikanische Erzähler James Salter von einer augenscheinlich perfekten Familie, die schleichend und unaufhaltsam auseinanderfällt.

Viri und Nedra Berland, ein sensibiler Architekt und seine schöne, intelligente Frau, erleben wunderbare Jahre in einem wunderbaren Haus, das sich langsam mit kleinen, wunderbaren Dingen füllt. Es sind Jahre voller geistreicher Parties und Dinners mit alten Freunden, und durch den großen Garten am Fluß toben zwei außergewöhnliche Töchter.

Diese Jahre scheinen durchdrungen von Licht, von Wärme und milden Farben. Doch das Idyll wird zur Falle: Gerade weil es so vollkommen und harmonisch ist, erscheint es vollkommen ausweglos. Dieses Leben ist zu gut, um eine Wahl zu lassen. Es macht satt und seßhaft und unfrei.

„Ereignisse brauchen eine Einladung, Zerfall einen Anfang“, heißt es in Salters Bericht. Im Fall von Viri und Nedra scheint dieser Anfang bereits die Hochzeit gewesen zu sein. Damals, so erscheint es Viri mittlerweile, wurde Nedra von der begehrten Geliebten „zu seiner nächsten Verwandten. Sie verpflichtete sich seinen Interessen und widmete sich ihren eigenen. Die verzweifelte, unerträgliche Liebe verschwand, und an ihre Stelle trat eine junge Frau von zwanzig Jahren, die dazu verurteilt war, mit ihm zu leben.“

Überhaupt scheint das, was die Stärke der Familie ausmacht, zugleich ihr krisenhaftes Moment zu sein, wie Salter feststellt: „Es gibt Wärme in Familien, aber selten Freundschaft.“ Es ist diese Wärme, die die Familie von innen faulen und modern läßt. Das ausweglose Glück weckt ungeahnte Sehnsüchte. Sie bleiben unaussprechbar, denn sie weisen über die Familie hinaus, und jeder bleibt mit ihnen allein. „Im Grunde gibt es, wie Viri sagt, zwei Arten von Leben. Es gibt das, von dem die Leute glauben, daß man es lebt, und es gibt das andere. Es ist dieses andere, das Probleme macht, dasjenige, das wir gerne zu Gesicht bekommen würden.“

Viri träumt von Dingen, „die sich, befürchtete er, nie erfüllen würden. Er wog sein Leben oft ab. Aber er war noch jung, die Jahre erstreckten sich vor ihm wie endlose Ebenen.“ Nedra erlebt insgemeim den gleichen Zwiespalt. Sie fühlt sich zerrieben „zwischen dem, was man nicht tun kann, und dem, was man tun muß. Man wird zu Staub.“

Vor diesem Hintergrund wird Zeit zum Feind und Alter, diese „Anarchie der Zellen“, zur Bedrohung, weil jeder dieser schönen Tage nur ein weiterer verlorener sein kann. Nach dem Tod ihres Vaters, der von Salter so nüchtern wie unumstößlich als Wendepunkt inszeniert wird, entscheidet sich Nedra gegen die Familie und für die Freiheit. „Die Freiheit, die sie meinte, bedeutete Selbstüberwindung. Es war kein natürlicher Zustand. Er war nur für jene bestimmt, die alles dafür aufs Spiel setzen, die wußten, daß das Leben ohne Selbstüberwindung nur ein Fressen war, bis einem die Zähne ausfallen.“

Die Kinder sind erwachsen geworden, man schlägt getrennte Wege ein. Doch auch die neue Freiheit bringt kein Glück, die ebenso schönen wie unmöglichen „Lichtjahre“ bleiben der unauslöschliche Fluchtpunkt, auf den alle neuerlichen Bewegungen zurückweisen. Das Idyll wird von der Falle zum Fluch.

Mit den „Lichtjahren“, die 1975 erschienen sind und vom Berlin-Verlag in diesem Jahr in ausgezeichneter Übersetzung erstmals auf den deutschen Markt gebracht wurden, erweist sich Salter als großer Stilist und Erzähler, als wahrer Meister des Stimmungsspiels, des Atmosphärischen. Assoziativ und andeutungsreich, als wolle er dem Baustellencharakter des Lebens eine Form geben, seziert er das erschöpfte Glück. Mit luzider Beobachtungsgabe offenbart er eine Fülle verräterischer Details, die Schicht für Schicht den verborgenen Selbstzerstörungsmechanismus des Idylls zutagetreten lassen, während im Rhythmus ebenso karger wie poetischer Sätze das Leben als ein langer, ruhiger Fluß erscheint.

Man darf allerdings nicht verschweigen, daß Salter ein ums andere Mal allzu hart an der Kitschgrenze entlangpilchert. Nahezu obsessiv entwirft er immer neue Idyllenbilder, um sie dann sogleich mit unheilvollem Raunen, Zweifelsträumen und Todesahnungen wieder infragezustellen. Sein Stil ist weithin brillant, doch das Prinzip bald ausgereizt.

Und dennoch gelingt Salter die eindrucksvolle Beschreibung einer Dialektik des Glücks. Je näher man ein Wort anschaut, hat Alexander Kluge gesagt, desto ferner schaut es zurück. Mit der Suche nach dem Glück scheint es hier nicht anders zu sein. Viri und Nedra flüchten mal zueinander, mal voreinander, sie erleben Treue und suchen Affären, doch bleibt ihnen nichts als jene Heimatlosigkeit, wie Baudelaire sie beschrieb: Immer nur dort glücklich zu sein, wo man nicht ist.

JAN NOEVENTHIEN (veröffentlicht am 30.11.1999)

James Salter: „Lichtjahre“. Aus dem Amerikanischen von Beatrice Howeg. Berlin Verlag. 392 Seiten, 39,80 Mark.