Wessis in Weimar

Gebucht bei Jugendtourist: eine Busfahrt im Oktober und November 1989 in die DDR. Plötzlich steckt eine Gruppe junger Linker mitten im politischen Umsturz.

Mit schönster Unschuld in die Revolution

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von JAN NOEVENTHIEN

Unentwegt schimpfte der alte Mann auf mich ein. Eine Unverschämtheit sei das, in dieser Situation! Gewissenlose Provokateure seien wir! Es war ein frischer Herbsttag, wir standen auf einem holperigen Parkplatz in Magdeburg. Der Mann fuchtelte mit seiner Rechten in Richtung unseres Reisebusses, schnappte nach Luft und redete sich weiter in Rage: Unerhört, alle in einen Sack packen und draufhauen!

Es war der letzte Stop am letzten von fünf Tagen, an denen wir durch die DDR gereist waren. Als nächstes wollten wir das Land über den Grenzübergang Marienborn wieder verlassen. Obwohl wir uns nicht immer ganz unauffällig verhalten hatten, hofften wir auf eine reibungslose Ausreise. Die Wut des fremden Mannes auf dem Parkplatz verunsicherte mich. Was hatten wir getan?

Es war noch keinen Monat her, als es in Dresden zu schweren Ausschreitungen gekommen war. Um den Exodus ihrer Bürger ins sozialistische Ausland zu stoppen, hatte die DDR-Führung am 3. Oktober 1989 die Grenze zur Tschechoslowakei geschlossen. Mehrere Tausend Menschen demonstrierten tags darauf am Dresdner Hauptbahnhof. Ohne eine Bahnsteigkarte zu lösen, wie Lenin einst gehöhnt hatte, versuchten etliche von ihnen, auf die letzten Sonderzüge aufzuspringen, mit denen die «Botschaftsflüchtlinge» aus Prag in den Westen gebracht wurden. Die Sicherheitskräfte, mit robustem Mandat ausgestattet, machten dem Treiben schließlich mit Schlagstöcken und Wasserwerfern ein Ende.

Kurz darauf, am 29. Oktober 1989, war unser westdeutscher Reisebus über den Grenzübergang Herleshausen gerollt, Richtung Dresden. Die Ausstattung war komfortabel, sogar ein Fernseher mit Videorekorder war an Bord. Eine VHS-Kassette des James-Bond-Klassikers «Liebesgrüße aus Moskau», die noch im Gerät steckte, hatten wir vorsichtshalber blicksicher verstaut. Wir wollten bei der Einreise ja nicht mit imperialistischer Propaganda im Gepäck auffallen.

Auf den Seitenwänden des Busses prangte in großen, bunten Lettern der Name des Fuhrunternehmens: «fahr mit!»

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Ich war gerade volljährig geworden. Ich war nun berechtigt, ein Kraftfahrzeug zu führen und mein Fehlen in der Schule mit eigener Unterschrift zu entschuldigen. Ansonsten trug ich mein Bündel spätpubertärer Unsicherheiten mit mir herum, für das es keinen besseren Nährboden gab als das Kleinstadtgymnasium im Landkreis Hannover, an dem ich meiner Hochschulreife entgegendämmerte. Nicht weit von hier hatte Ronald M. Schernikau sein Abitur gemacht, der noch als Schüler die viel beachtete «kleinstadtnovelle» geschrieben hatte. Später war er nach Westberlin gezogen und im Sommer 1989, als überzeugter Kommunist, in die DDR übergesiedelt.

Mein Ausbruch aus der kleinstädtischen Enge war weniger originell. Er bestand aus einer intensiven Beschäftigung mit den Platten der Smiths und einem unmissverständlich vorgetragenen Bekenntnis zur politischen Linken. The Smiths hatten sich allerdings bereits vor zwei Jahren aufgelöst, und nun zeichnete sich mit dem beginnenden Brodeln in der DDR auch ein schicksalhaftes Jahr für die Linke ab.

Ich war kein Anhänger der DDR, aber ich betrachtete mich als Marxist. Mein theoretisches Fundament bestand im Wesentlichen aus der Lektüre von Erich Fromms «Das Menschenbild bei Marx». Das war immerhin genug, um mich gegen die vermeintlichen Verheißungen des Staatssozialismus sowjetischer Prägung zu imprägnieren, allerdings auch zu wenig, um zu verhindern, dass ich schon wenige Jahre später leichte Beute fashionabler französischer Virtualapostel werden sollte. Dass die ganze Welt bloß eine Simulation sei, das war einfach ein zu tröstlicher Gedanke für einen, dessen Weltekel immer eher von Smiths-Sänger Morrissey als von Marx beschrieben worden war.

Das Jahr 1989 hingegen befand sich noch fest in der Hand der Realität. Immer hatte ich bis dahin etwas fasziniert auf die Hippies und die 68er zurückgeschaut, auf ihre seltsam affektiert zum Vortrag gebrachten revolutionären Aufwallungen, für die meine Generation weder die Kraft aufzubringen noch einen geeigneten Anlass zu finden schien. Hätte man etwa «Oh! Oh! Or-te-ga!» skandierend durch die Fußgängerzone ziehen sollen? Wenn schon der Nicaragua-Kaffee im Kulturzentrum immer so mies schmeckte?

Jetzt aber bahnte sich ein weitaus folgenschwererer Umbruch an, und einmal mehr war es nicht unser eigener. Das Schauspiel einer friedlichen Revolution in der DDR besichtigte man wie ein Theaterstück, nah am Geschehen und doch davon ausgeschlossen. Mit einem Unterschied: In jener letzten Oktoberwoche überquerten wir den Orchestergraben und staksten nun durch ein Stück, dessen Ausgang völlig offen war.

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Bereits im Sommer des Vorjahres hatte eine lose Gruppe aus örtlichen Jusos und einem Fähnlein befreundeter Gymnasiasten bei Jugendtourist, der offiziellen Reiseorganisation der FDJ, eine Informationsreise in die DDR angemeldet. Was danach geschah, hatte niemand ahnen können. Der wachsende Unmut nach der offenkundig gefälschten Kommunalwahl, die dramatische Ausreise- und Flüchtlingswelle, die immer größer und lauter werdenden Demonstrationen, gegen die eine ratlose Staatsmacht mal mit aller Härte einschritt, um sie ein anderes mal wieder unbehelligt gewähren zu lassen: Die DDR, die der Springer-Verlag gerade erst von ihren Gänsefüßchen befreit hatte, schien ins Wanken zu geraten.

So unvorhersehbar dieser wechselhafte Frühling im Herbst gekommen war, so unklar war in diesen Tagen auch, wie es weitergehen würde. Nicht nur das harte Einschreiten der Staatsmacht in Dresden und anderswo hatte viele vorschnelle Hoffnungen gedämpft. Erich Honecker war als Generalsekretär des Zentralkomitees der SED durch Egon Krenz ersetzt worden, den niemand für einen Reformer hielt; noch vor kurzem hatte er großes Verständnis für das Blutbad am Tiananmen-Platz geäußert. Niemand wusste, ob der «Keine Gewalt!»-Appell der Demonstranten ein naiver Traum bleiben würde.

Sollte man die Reise ins Ungewisse nun antreten? Neugier und Abenteuerlust schoben letztlich alle Bedenken beiseite. 16 junge Westdeutsche machten sich auf den Weg, um Weltgeschichte in einem Reisebus zu erleben. Besuche in Dresden, Leipzig, Weimar, Cottbus, Magdeburg hatte Jugendtourist auf das Programm gesetzt, die Hauptstadt der DDR blieb ausgespart. Wir hatten Wandergitarren dabei.

Vor Grenzübertritt hatten wir ein Seminar der Bundeszentrale für politische Bildung absolviert, in dem uns der Referent – der Politologe Bernward Baule, der später einmal Redenschreiber von Horst Seehofer werden sollte – noch einmal auf den Unrechtscharakter der DDR hinwies. Das war allerdings nicht notwendig gewesen: Jede Verharmlosung des offenkundigen Mangels an Freiheit und Demokratie als kleineres Übel auf dem Weg zum großen Ziel erledigte sich mit der einfachen Frage: Würde man dort leben wollen? Eben. Man hieß ja nicht Schernikau.

Linke Verklärung gab es gleichwohl. Daheimgebliebene Freunde hatten uns noch vom Segen des Zwangsumtauschs überzeugen wollen: Es gehöre sich nicht, ein sozialistisches Land zu betrügen. Einige von uns schmuggelten trotzdem heimlich DDR-Mark über die Grenze. Ich selbst tauschte zwar brav 1:1, allerdings weniger aus «internationaler Solidarität», sondern aus Respekt vor der Humorlosigkeit der staatlichen Stellen.

Auch das Argument, die DDR sei bei aller Unvollkommenheit immer noch weniger unvollkommen als die kapitalistische BRD, verfing nicht. Was die Bundesrepublik betraf, die wir aus vollem Herzen für ihre Unzulänglichkeiten kritisierten, ohne auf ihre Annehmlichkeiten verzichten zu wollen, habe ich immer einen Satz beherzigt, den Elliot Gould in Alan Arkins und Jules Feiffers schönem Film «Little Murders» gesagt hat: «Es ist sehr gefährlich, ein System zu bekämpfen, wenn man nicht ganz genau weiß, dass man es hinterher nicht vermissen wird.»

Diese Sorge hatten die Menschen in der DDR offenkundig hinter sich gelassen.

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Wer in Königstein in der Sächsischen Schweiz die Jugendherberge sucht, der muss erst eine kleine Fähre besteigen, die ihn an das andere Elbufer bringt. Dort steigt man einige Treppen hinauf zu einem alten Fachwerkhaus, das einst als Naturfreundehaus gegründet wurde und später von den Nazis zum «Schutzhaftlager» umfunktioniert wurde. Zu DDR-Zeiten eröffnete hier die Jugendherberge «Julius Fučík», benannt nach einem tschechischen Autor und Kommunisten, der von Freislers Volksgerichtshof zum Tode verurteilt wurde. Diese Einrichtung hatte Jugendtourist als Schlafquartier für uns gebucht.

Die Abgeschiedenheit dieses Ortes konnte man idyllisch finden oder einfach nur hinderlich. Die Elbfähre stellte um 23 Uhr ihren Betrieb ein. Gegen Devisen konnte man eine kleine Flexibilisierung aushandeln, doch der Aktionsradius blieb eingeschränkt. Also packten wir abends im Speisesaal die Wandergitarren aus und belustigten die anderen Gäste: eine Schulklasse und ein Ehepaar im Wanderurlaub. Wir spielten Selbstgeschriebenes und Neil Youngs «Rockin’ in the Free World».

Während der Anreise waren alle üblichen Klischees bereits bedient worden: mürrische Grenzsoldaten, rumpelige Straßen, riesige Plattenbausiedlungen an den Stadträndern. Doch am meisten faszinierten mich die vielen Fenster, aus denen nachts ein seltsames violettes Licht schimmerte. Kein politisches Statement, wie mir unsere Reiseleiterin erklärte, die kurz nach unserem Grenzübertritt den «fahr mit!»-Bus bestiegen hatte, sondern die Lumoflor-Pflanzenleuchten des volkseigenen NARVA-Werks. Die Begleiterin hieß (oder nannte sich) Romy Schneider und eskortierte uns fortan im Auftrag von Jugendtourist bei der Absolvierung unseres offiziellen Programms.

Drei Botschaften schien uns das staatsnahe Reisebüro vermitteln zu wollen: In Buchenwald wurde bei einer bedrückenden Führung durch das ehemalige Konzentrationslager nicht auf den Hinweis verzichtet, dass die DDR die wahre Hüterin des antifaschistischen Erbes sei. In Weimar betonte ein sogenannter Stadtbilderklärer, dass die DDR die wahre Hüterin des humanistischen Erbes sei, bei der Weimarer Klassik beginnend und beim Bauhaus nicht endend. Und bei Besuchen von Restaurants wie dem «HO Klub der Werktätigen» in Dresden wurden ausnahmslos üppig beladene Aufschnitt- und Fleischplatten aufgefahren, um keinen Zweifel daran aufkommen zu lassen, dass in der DDR kein Mangel an Grundnahrungsmitteln herrschen konnte. Meine kurz zuvor begonnene Karriere als Teilzeitvegetarier (The Smiths: «Meat Is Murder») fand hier ihr jähes Ende.

Damit das Besuchsprogramm besser auf uns abgestimmt werden konnte, hatten wir im Vorfeld der Reise auch eigene Interessen benennen können. Dem Zeitgeist der achtziger Jahre folgend hatten wir die Umweltpolitik genannt. Was konnte für Jugendtourist also näher liegen, als für uns eine Diskussion mit jungen Führungskräften der Wasseraufbereitungsanlage Cottbus II anzusetzen, die uns eine Filteranlage präsentierten und versicherten: Die Wasserqualität habe in den letzten Jahren erheblich an Bedeutung gewonnen! Man konnte sich streiten, ob dieser Programmpunkt nun ein gut gemeinter Versuch war, unseren Interessen gerecht zu werden, oder ob er ein besonders maliziöses Humorverständnis der Reiseplaner verriet, in deren Gesellschaftsverständnis die ökologische Frage wohl eher einen Nebenwiderspruch darstellte.

Für uns war sie das mittlerweile allerdings auch. Uns interessierte brennend der Hauptwiderspruch, der das Land nun bereits seit Wochen in einem kippeligen Schwebezustand hielt. Die Friedensgebete, mit denen die Bürgerrechtsbewegung einen ersten Schritt in die Öffentlichkeit gewagt hatte, waren zu großen Demonstrationszügen ausgewachsen, und am Tag unserer Einreise versammelten sich unter dem Titel «Offene Türen, offene Worte» nach offiziellen Angaben mehr als 20.000 Bürger zu einer «Dialog»-Veranstaltung vor dem Roten Rathaus und in der Kongresshalle in Berlin. Während unser Bus zum ersten Mal nach Königstein ruckelte, prophezeite Günter Schabowski vor der Menschenmenge: «Die Demo wird zur politischen Kultur in Berlin gehören!» Und das erstaunlichste war: Das lasen wir am nächsten Tag im «Neuen Deutschland». Wie übrigens auch die Nachricht, dass die Disco in unserer niedersächsischen Heimatstadt gerade abgebrannt war.

«Burn down the Disco», so hatten schon die Smiths einst gefleht. Etwas war im Schwange.

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Auch in Dresden hatte die SED den Dialog mit dem aufmüpfigen Volk aufgenommen. Als wir eine Andacht in der gut gefüllten Dresdner Kreuzkirche besuchen, sind wir darauf vorbereitet, auf versteckte politische Andeutungen in der Predigt zu achten. Doch zwischen den Zeilen ist wenig Platz für Unausgesprochenes. Der Pastor berichtet ausführlich von einem Treffen der «Gruppe der Zwanzig» mit der Führung des Rathauses. Die Einsetzung einer gemeinsamen Arbeitsgruppe von Partei und Opposition zur Aufklärung der Polizeiübergriffe am Hauptbahnhof sei verabredet worden, ebenso weitere Arbeitskreise über Presse- und Reisefreiheit, wirtschaftliche Reformen, mehr Demokratie. Als zwei Kirchenvertreter ihre Konzeption eines christlichen Sozialismus vorstellen, marschiert ein Fernsehteam der ARD herein, baut seine Kamera auf und rollt Kabel aus. Doch für den Korrespondenten ist diese Andacht nichts besonderes mehr, erzählt er: «Man muss schon auf gut Glück herumfahren, um noch etwas neues zu finden.»

Die «Gruppe der Zwanzig», ein Kreis von Bürgern und Kirchenleuten, die eher zufällig bei einer aufgelösten Demonstration übrig geblieben waren, ist schnell zum Sprachrohr der Reformbewegung und zum Ansprechpartner des Oberbürgermeisters Wolfgang Berghofer geworden. Doch etwas sehr wichtiges, das sie ihren offiziellen Gesprächspartnern abspricht, fehlt auch ihr: eine ordentliche demokratische Legitimation.

Zwei Tage nach der Andacht drängt sich ein knappes Dutzend Menschen in den Eingang der Kreuzkirche, um sich vor dem Nieselregen zu schützen. Sie wollen ein Mehrparteiensystem wie in Ungarn und mehr Wettbewerb in der Wirtschaft. Und sie verteilen kleine, hektographierte Zettel an Passanten. Unter der Überschrift «Vollmacht» ist in Schreibmaschinenschrift zu lesen:

»Ich bevollmächtige – bis auf Widerruf – die Mitglieder der ‚Gruppe der Zwanzig’, meine Interessen offiziell und öffentlich zu vertreten, sowie in meinem Namen Gespräche und Verhandlungen mit staatlichen Stellen, Vereinigungen, Organisationen und Parteien der DDR zu führen, um damit eine umfassende und gewaltfreie Veränderung der Gesellschaft zum Guten hin in Dresden und Umgebung zu bewirken.» Darunter: Raum für Datum und Unterschrift.

Man könnte sich darüber lustig machen, dass Deutsche selbst in einer revolutionären Phase zuerst ein Formular einschließlich Widerrufsklausel entwerfen. Doch die Ernsthaftigkeit dieses – wenn auch symbolischen – Versuchs, den Reformprozess bei aller Improvisation und Unübersichtlichkeit so korrekt und anständig wie möglich «zum Guten hin» zu organisieren, beeindruckt uns. Überhaupt sind die meisten Protestformen von entwaffnender Schlichtheit, etwa wenn die örtliche Außenstelle des Ministeriums für Staatssicherheit von einem flackernden Band aus Kerzen umstellt wird.

Soviel idealistischer Sanftmut ist selten in der deutschen Geschichte. Er findet seinen Ausdruck auch in den mannigfachen, engbeschriebenen Positionspapieren der verschiedenen Bürgergruppen, wie sie an Stelltafeln in der Nikolaikirche in Leipzig aushängen. Hier werden Visionen einer besseren Gesellschaft, eines demokratischeren Sozialismus formuliert, aufmerksam gelesen von Grüppchen dicht gedrängt stehender Bürger. Und auch wenn sich nicht immer ausmachen lässt, ob das Bekenntnis zum Sozialismus nun ein taktisches ist oder eines aus Überzeugung, so erstrahlen in vielen dieser Texte die Möglichkeiten politischer Theorie in einer tapferen Schönheit.

Doch oft zerbirst die Schönheit im Gespräch. Ein Arbeiter, Anfang dreißig, der in Dresden die Vollmacht-Handzettel verteilt, gibt damit an, wie er «einen Polacken K.O. geschlagen» habe, weil der ihn einen Faschisten genannt hätte. «Erst kaufen sie die ganze DDR leer, und dann werden sie auch noch frech.» Auch für die «Fidschis», die vietnamesischen Gastarbeiter in der DDR, hat er nicht viel übrig: die machten lieber Überstunden statt zu demonstrieren. Ein anderer, um die 40, aber mit tiefen Falten im Gesicht, erzählt, er habe zwei Jahre in Bautzen abgesessen, weil er seine Meinung gesagt habe. »Da gibt es Zellen, die werden einen Meter tief unter Wasser gesetzt. Jeden Morgen wird man mit dem Gummiknüppel geweckt.» Doch am meisten schimpft er auf die Übersiedler, die in den Westen gegangen sind: «Jedem von denen wünsche ich, dass sie in der BRD auf der Straße stehen!»

So hatten wir wohlbehüteten jungen Linken uns eine umsturzbereite Arbeiterschaft nicht vorgestellt.

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«Glaubt ihr etwa, wir haben hier keine Kekse?» Die junge Studentin schüttelt den Kopf. Gerade hatte der Vormann unserer Reisegruppe ein großzügiges Gastgeschenk überreicht: eine Dose dänischer Butterkekse aus dem heimischen Supermarkt. Die Studentin denkt vermutlich gerade an Glasperlen für die Eingeborenen. Aber zumindest trumpfen wir nicht auf wie die reichen Onkel aus dem Westen.

Wahrscheinlich sind die Studenten der PH Dresden, die mit uns über politische Partizipationsmöglichkeiten junger Menschen debattieren sollen, handverlesen. Doch wer vor kurzem noch als linientreu galt, muss es heute nicht mehr sein. Die Diskussionen, für die wir uns in kleinen Gruppen an mehrere Tische verteilen, sind offen und kritisch. Es ergibt sich kein einheitliches Bild, wohin man will und was man sich vom Westen erwartet. Aber so wie es ist, so dürfe es nicht bleiben. Von Einschüchterung und Angst vor Spitzeln ist an diesem Abend nichts zu spüren, von wolkigem Idealismus aber auch nicht: Höchste Zeit sei es, dass sich das Warenangebot verbessere!

Was denn unser erster Eindruck von der DDR gewesen sei? Nicht sehr originell, aber aufrichtig zeigen wir uns betrübt über die allgegenwärtigen düsteren Fassaden: Haus für Haus, Straße für Straße in diesem immergleichen tristen Grau. «Ja, was!», entfährt es einer Studentin, «sollen wir unsere Häuser etwa bunt anmalen?» Zugegeben, das drängendste Problem der DDR hatten wir wohl nicht gerade angesprochen, als Wessis hatten wir uns gleich einmal von unserer oberflächlichen Seite präsentiert. (Andererseits: Kaum war die DDR ein Jahr später der Bundesrepublik beigetreten, begann die Fassadensanierung.) Als wir das Hochschulgebäude am späten Abend wieder verlassen, strömen die Menschen in Scharen zur Montagsdemonstration. Wir sind neugierig, aber wir müssen zu unserem Bus. Die letzte Fähre wartet nicht.

Kontakt mit der neuen politischen Kultur gibt es dafür tags darauf. Zum Abendessen im Weimarer «Theaterkasino» werden wir am vernehmlich murrenden «sozialistischen Wartekollektiv» vorbei zu unseren reservierten Tischen geführt. Drinnen wird einmal mehr Fleisch in unterschiedlichsten Darreichungsformen serviert. Als wir das Restaurant wieder verlassen, geraten wir direkt in einen Demonstrationszug. Da wir die gleiche Richtung haben, werden wir unfreiwillig zu Mitdemonstranten. «Bürger Weimars, schließt Euch an!», skandiert die Menge, «Stasi in die Produktion» und «Egon, reiß die Mauer ein, denn wir brauchen jeden Stein.»

Die FDJ-Bezirksleitung Cottbus ist auch für Reformen. So sehr, dass sie sich sogar an die Spitze der Reformbewegung setzen will. «Wir erheben keinen Anspruch auf die einzige, ewige Wahrheit. Nie, nie mehr. Wir wollen die Wende radikal mittragen und voranbringen. Wir wollen den Sozialismus attraktiver machen.» Die Einheitsorganisation der Jugend sieht sich schon wieder als Avantgarde, deren «Initiative und Verantwortung bei weitreichenden Reformen gebraucht» werde. Die DDR offener und pluralistischer zu machen, das gehe aber nicht ohne die Führung einer marxistisch-leninistischen Partei.

Die Proteste auf den Straßen nimmt man hier nach gutem Brauch dialektisch: «Die gesellschaftlichen Widersprüche treiben uns voran.» Die jungen Funktionäre wirken übernächtigt und verunsichert, es scheint, als trieben die gesellschaftlichen Widersprüche sie eher vor sich her. An der Wand hinter ihnen ein helles Rechteck. Hing da etwa das obligatorische Honecker-Porträt? Die neuen Krenz-Bilder scheinen noch nicht eingetroffen zu sein. Auf dem Besprechungstisch stehen Kekse.

* * *

In der Kreuzkirche hatte uns jemand eine Adresse gesteckt. Ein (wenn ich mich heute noch richtig erinnere) Jugendpfarramt am Dresdner Stadtrand sollte eine Art inoffizielles Zentrum der örtlichen Opposition sein. Unter dem Vorwand, Bücher kaufen zu wollen (ich habe auf dieser Reise unter anderem die «Ausgewählten Werke» von Marx und Engels in sechs Bänden aus dem einschlägigen Dietz-Verlag erstanden), entziehen wir uns zu viert der Aufsicht Romy Schneiders. Ortsfremd wie wir sind, fragen wir einen Volkspolizisten höflich nach dem Weg.

Als eine kleine Frau mittleren Alters uns öffnet, beschleicht uns das absonderliche Gefühl, bereits erwartet worden zu sein. Wir werden hereingebeten, und nachdem wir die Umstände unseres erstaunlichen Erscheinens erklärt haben, beginnt eine angeregte Diskussion über die Zukunft des Sozialismus und der DDR. Darüber, ob eine kapitalistische DDR neben der Bundesrepublik überhaupt eine Existenzberechtigung habe und warum wir im Westen eigentlich auf einen Durchbruch der Reformbewegung hofften. Wir sind beeindruckt von der großen Ernsthaftigkeit, mit der ein junger Kirchenmitarbeiter erklärt, das höchste Gebot sei nun Vorsicht, denn: «Diese Chance wird unsere einzige sein.»

Dann schellt es an der Tür. Unsere Gastgeber zucken zusammen, ihre Blicke verraten Anspannung und Wachsamkeit, vielleicht auch Angst. Erst jetzt verstehen wir: Diese Menschen hatten selbstverständlich nicht mit uns gerechnet. Sie rechneten noch immer mit allem.

Der Besuch an der Tür ist harmlos. Doch als wir kurz darauf aufbrechen, bemerken wir einen geparkten Wagen auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Jemand sitzt darin. Was immer das bedeuten mochte oder auch nicht, eines ist gewiss: Wir machen es den Leuten nicht gerade leicht, vorsichtig zu sein. Wir hatten uns anstecken lassen von der Aufbruchstimmung, die uns überall entgegen geschlagen war, und stapften wie gutmütige Elefanten durch den HO-Laden. Jetzt begreifen wir, warum der Slogan «Keine Gewalt!» auf den Demonstrationen noch immer eine solche Bedeutung hat: Weil das Spiel noch nicht aus ist.

Beschämt von unserer Gedankenlosigkeit machen wir uns auf den Weg zurück in die Stadtmitte, zu unserem «fahr mit!»-Bus.

* * *

Keine drei Monate später, jetzt ist das Spiel aus. Wenige Tage nach unserer Ausreise, am 9. November, hatte Günter Schabowski überraschend, offenkundig auch für ihn selbst, die innerdeutsche Grenze für geöffnet erklärt. Egon Krenz wurde durch Hans Modrow abgelöst und eine freie Neuwahl der Volkskammer angesetzt. Es ist Februar 1990, als ich zum zweiten Mal in die DDR einreise. Der Wahlkampf geht gerade in seine entscheidende Phase. Noch weiß niemand, dass es die letzte Volkskammer sein wird, die gewählt wird, aber viele hoffen es bereits.

Aus Bürgerrechtsgruppen sind Parteien, Bündnisse und Allianzen geworden, die alten Blockparteien der Nationalen Front versuchen hastig, sich neu zu erfinden. Noch einmal werden Flugblätter verteilt, noch einmal Gesellschaftsbilder für eine bessere, gerechtere DDR entworfen. Doch auf den Marktplätzen dominiert längst der Ruf nach einem gewissen «Helmut», man will die D-Mark. Zwei junge Männer, die sich im Wahlkampf für das von Lothar de Maizières Ost-CDU geführte Wahlbündnis «Allianz für Deutschland» engagieren, versuchen mir bei Bier und Korn zu erklären, warum Dr. Kohl ihre einzige Hoffnung sei. Sie können nicht verstehen, dass ich sie nicht verstehen kann. Ein lustiger Abend wird es trotzdem.

In Salzwedel lerne ich eine junge Frau kennen, die meine Leidenschaft für Wahlprogramme verschiedenster Kleinparteien freundlich-amüsiert zur Kenntnis nimmt und mich zu einem Abendessen in ihr Elternhaus einlädt. Ihre Eltern sind Mitglieder des Neuen Forums, engagieren sich für das Bündnis 90. Ich erzähle ihnen von meinem deutschen Herbst, und sie erzählen mir von ihrem. Ende Oktober waren sie auf Wanderreise in Sachsen. Übernachtet hatten sie in einer Jugendherberge in Königstein und sich gewundert über ein paar westdeutsche Jugendliche mit Gitarren, die seltsame Musik machten. Wir gleichen die Daten ab und können es kaum fassen.

Ich erzähle vom «fahr mit!»-Schriftzug auf unserem Bus und dass mir dieser während der gesamten Reise überhaupt nicht aufgefallen war, bis uns in Magdeburg der aufgebrachte Rentner auf dem Parkplatz deswegen zu beschimpfen begann. Hatten wir nun seinen Unmut erregt, weil er ein Anhänger der alten Ordnung war und Republikflucht für ihn noch immer ein Verbrechen war? Oder war er einer, der auf Reformen setzte und nicht verstand, wie sich die Übersiedler aus ihrer Verantwortung für eine bessere DDR stehlen konnten? Wie hätte man ihm erklären können, dass man im Westen gelernt hat, die allgegenwärtigen Werbebotschaften einfach auszublenden und sich nichts dabei zu denken? Dass die Wahl des Busses nur ein Zufall war und wir tatsächlich niemand zum Mitfahren auffordern wollten?

Dann fällt mir ein Slogan der Demonstranten ein, den wir in unserer reformbewegten Woche an fast jedem Tag gehört hatten. Eine unterschwellige Drohung an die Machthaber, vor allem aber ein trotziges Bekenntnis zu einem Land, das gegen jede Wahrscheinlichkeit von seinen Bürgern erst erkämpft werden musste und wenig später trotzdem seltsam kampflos wieder aufgegeben wurde.

Er lautete: «Wir bleiben hier!»

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[ungekürzte, bearbeitete Fassung]

Eine leicht gekürzte Fassung erschien am 30. Oktober 2009 in der

© 2009 Jan Noeventhien. Alle Rechte vorbehalten

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